Roland Fischer, CEO Oerlikon Group, im Interview

Roland Fischer
Roland Fischer, CEO Oerlikon. (Foto: Oerlikon)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Fischer, da ein Grossteil Ihres Umsatzes aus dem Service-Geschäft stammt, müsste Oerlikon eigentlich konjunkturresistent sein.

Roland Fischer: Die beiden Divisionen von Oerlikon entwickelten sich in diesem Jahr gänzlich unterschiedlich. Unser Chemiefasergeschäft war sehr robust und profitierte sogar von einer gestiegenen Nachfrage nach unseren Meltblown-Anlagen für Vliesstoffe. Diese Anlagen werden dazu verwendet, um Materialien für Gesichtsmasken herzustellen. Normalerweise liefern wir zwei Anlagen pro Jahr aus – aktuell eine Anlage alle zwei Wochen!

Das ist die Coronaüberraschung. Demnach sah es bei der Oberflächentechnologie ja wohl anders aus?

Unser Geschäft mit Oberflächenlösungen wurde durch die Marktschwäche deutlich beeinträchtigt. Nur rund 40% des Konzernumsatzes stammen aus dem Servicegeschäft. Unsere Dienstleistungen für die Werkzeug-, Automobil- und allgemeine Industrie sind zu einem grossen Teil Volumengeschäfte. Die Umsätze in diesen Märkten sind eng mit der Konjunkturentwicklung verknüpft, die durch Covid-19 beeinträchtigt wurde.

Der Automobilmarkt scheint sich allerdings schneller als erwartet zu erholen, und wir sehen auch erste positive Anzeichen, was die Werkzeugindustrie in Europa und Asien betrifft. Die Massnahmen zur Bekämpfung von Covid-19 greifen, zudem werden aktuell erste Impfstoffe zugelassen. Das stimmt uns optimistisch, dass sich die Märkte in 2021 schrittweise erholen werden.

„Der Automobilmarkt scheint sich allerdings schneller als erwartet zu erholen, und wir sehen auch erste positive Anzeichen, was die Werkzeugindustrie in Europa und Asien betrifft.“
Roland Fischer, CEO Oerlikon Group

In der kleineren Ihrer beiden Divisionen, Manmade Fibers, hat Oerlikon im 2020 die einzige Akquisition getätigt. Welche EBITDA-Marge erwarten Sie von Ihrem Zukauf Teknoweb Material – gemessen am Zielkorridor von 16-18% für die gesamte Gruppe?

Oerlikon hat Teknoweb übernommen, um auf dem Vliesstoffmarkt stärker Fuss zu fassen. Dieser Schritt erwies sich als eine genau richtige Entscheidung: Wie bereits erwähnt ist unser Vliesstoffgeschäft in diesem Jahr wegen der Nachfrage nach Schutzmasken und Schutzkleidung deutlich gewachsen. Dank dieser Akquisition konnten wir auch eine exklusive Lizenzvereinbarung mit Procter & Gamble abschliessen, welche die weltweite Vermarktung und den Verkauf der Phantom-Technologie umfasst.

Phantom-Technologie?

Mit dieser Technologie können flexible, saugfähige Strukturen hergestellt werden, sowie stark texturierte Materialien. Sie findet praktische Anwendung bei der Herstellung einer Vielzahl von Tüchern – zum Beispiel Hygienetücher, antibakterielle oder chirurgische Tücher, oder Industrietücher – und in absorbierenden Kernen, zum Beispiel in Windeln oder Hygiene-Produkten.

Die gesamte Division erreichte im 3. Quartal 2020 eine EBITDA-Marge von 15.4%. Für das Jahr 2020 erwarten wir eine Marge von 13-14%. Die Division wird klar dazu beitragen, dass Oerlikon die mittelfristige Zielmarge für den Konzern von 16-18% erreichen wird.

Ich nehme an, dass die Wirtschaftskrise in der Türkei keinen grossen Effekt auf Manmade Fibers hat?

Bei Teppichgarnsystemen verzeichnete das Chemiefasergeschäft einen Rückgang – auch in der Türkei. Das wurde jedoch mehr als ausgeglichen, einerseits durch das sehr starke Filamentanlagen-Geschäft in China, und andererseits durch die anhaltende Nachfrage nach Meltblown-Lösungen für Vliesstoffe.

Wegen zahlreichen Erneuerungen von komplexen Produktionsanlagen ist bei Manmade Fibers das Orderbuch voll. Auch schon über 2023 hinaus?

Das Auftragsbuch von Manmade Fibers ist tatsächlich gut gefüllt. Anfang 2020 unterzeichnete die Division neue Verträge für Filamentspinnanlagen mit dreien der weltweit führenden Hersteller von Chemiefasern in China. Der Gesamtwert beläuft sich auf über CHF 600 Millionen Franken. Das Filamentanlagengeschäft zeigt sich sehr stark, und wir haben bereits Liefertermine bis 2023 in unseren Büchern.

Die Division Surface Solutions hat traditionell eine höhere Marge. Wieviel liegt da drin, wenn alles optimal läuft?

Die Marge der Division Surface Solutions hat sich im 3. Quartal verbessert. Die operative EBITDA-Marge von 14.8% lag nur 60 Basispunkte unter dem Vorjahreswert, bei einem deutlich geringeren Umsatzniveau im Vergleich zum 3. Quartal 2019. Im Vergleich zum Vorquartal verbesserte sich die operative EBITDA-Marge deutlich um 780 Basispunkte. Die gute Margenentwicklung unterstreicht die positiven Effekte der Restrukturierungs- und Kostensenkungsmassnahmen, die zur verbesserten Profitabilität geführt haben.

Wir werden unsere Programme weiter konsequent umsetzen, um Oerlikon zu einem noch kosten- und kapitaloptimierteren Unternehmen mit nachhaltiger Profitabilität zu machen. Wir sind auf gutem Weg, die mittelfristig angestrebte EBITDA-Marge des Konzerns von 16-18% zu erreichen.

„Mobilität ist ein Megatrend, angetrieben vom Wunsch der Menschen, neue Orte zu erkunden, andere Kulturen zu entdecken und die Welt zu sehen. Auch Geschäftsreisen wird es wieder geben.“

Wie lange könnte Ihres Erachtens die Durststrecke bei Ihren Aerospace-Kunden dauern? Für die Luftfahrtbranche sieht’s ja ganz übel aus.

In der Tat. Die Luftfahrtindustrie ist von der Pandemie stärker betroffen als andere Branchen. Wir betrachten dies aber als eine vorübergehende Eintrübung: Mobilität ist ein Megatrend, angetrieben vom Wunsch der Menschen, neue Orte zu erkunden, andere Kulturen zu entdecken und die Welt zu sehen. Auch Geschäftsreisen wird es wieder geben. Virtuelle Treffen haben sich während der Pandemie als gute Alternative erwiesen, sind aber letztendlich kein Ersatz für reale soziale Kontakt, die ein menschliches Grundbedürfnis sind. Und zudem haben Treffen, Diskussionen und Verhandlungen eine andere Qualität, wenn sie persönlich und nicht online stattfinden.

Wenn es um sicheres Reisen geht werden die Zulassung und Anwendung von Impfstoffen gegen Covid-19 eine Schlüsselrolle spielen. Wir sind überzeugt davon, dass die Luftfahrtindustrie in absehbarer Zeit zurückkehren wird.

Oerlikon bietet über 20 verschiedene Methoden zur Oberflächenbehandlung. Eine Beschichtung von Turbinen erhöht beispielsweise deren Leistung. Wieviel Prozent der modernen Flugzeuge greifen bereits darauf zurück?

Wir liefern unsere Technologien und Lösungen sowohl direkt an die Hersteller (OEMs) als auch an deren Lieferanten. Deshalb kann ich nicht genau sagen, in wie vielen Triebwerken unsere Technologie steckt. Da wir aber Marktführer bei thermischen Spritzschichten für Düsentriebwerke sind, schätze ich, dass in über 80% der westlichen Verkehrsflugzeuge unsere Lösungen mitfliegen.

„In über 80 Prozent der westlichen Verkehrsflugzeuge fliegen unsere Lösungen mit.“

Und bei den Stromerzeugern?

In der Energieerzeugungsindustrie liefern wir vor allem Wärmedämmschichten für Gasturbinen, und Verschleissschutzschichten für Wasser- und Windturbinen. Unsere Stärken liegen bei den industriellen Gasturbinen – hier würde ich sagen, dass unsere thermischen Spritzlösungen bei etwa 30-40% aller Anlagen zum Einsatz kommen.

Auch bei der Oberflächentechnologie kommen vermehrt dreidimensionale Druckverfahren zum Einsatz. Wo denn am meisten? Bei den Metallen?

Mit der additiven Fertigung lassen sich dreidimensionale Objekte jeder Art auf völlig neue Weise herstellen. Statt von einem Bauteil – zum Beispiel einem Gussblock – Material durch Zerspanung wegzunehmen, wird es bei der additiven Fertigung in einem (industriellen) 3D-Drucker Schicht für Schicht aufgebaut, also „gedruckt“. Dadurch können Objekte in praktisch jeder Form konstruiert und hergestellt werden. Vor allem werden so aber extrem komplexe Strukturen möglich, was den Ingenieuren völlig neue Möglichkeiten eröffnet – und das aus unterschiedlichsten Materialien.

Oerlikon bietet AM-Lösungen auf der Basis von Metalllegierungen und Kunststoffen an. Und dank unserer Expertise im Bereich Beschichtungen können wir die Endfunktionalität auch von sehr anspruchsvollen Komponenten noch weiter verbessern.

Die Devestitionsphase ist für Oerlikon jetzt abgeschlossen. Es verleibt Ihnen immer noch viel Cash. Wohin damit?

Unsere Strategie und unsere Investitionskriterien sind unverändert: Akquisitionen müssen wertsteigernd sein und Synergien ermöglichen. Wir suchen sehr aktiv auf dem aktuellen Markt, wobei wir eine bessere Preisgestaltung als vor der Krise erwarten. Wir sind immer bestrebt, unser Portfolio mit qualitativ hochwertigen Vermögenswerten zu stärken. Wir konzentrieren uns dabei auf Kernfelder und angrenzende Bereiche.

Liegen Sie mit geplanten Ausgaben von 150 Millionen für 2020 noch im Zielkorridor?

Die CHF 150 Millionen waren die Investitionsausgaben (Capex), die wir mit unseren Ergebnissen für das Geschäftsjahr 2019 bekannt gaben. Aufgrund der Pandemie beschleunigten wir unsere Restrukturierungs- und Kostensenkungsprogramme und reduzierten unsere Investitionsausgaben. Im ersten Halbjahr 2020 haben wir Capex von CHF 48 Millionen verbucht. Für das gesamte Jahr erwarten wir im Vergleich zum Vorjahr deutlich geringere Investitionskosten.

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