Stefan Millius, Autor von «Himmelfahrtskommando»

Stefan Millius, Autor von «Himmelfahrtskommando»

Stefan Millius, Autor von «Himmelfahrtskommando».

Am 21. März kommt „Himmelfahrtskommando“ in die Schweizer Kinos, die schwarze Komödie mit prominenten Schauspielern wie Walter Andreas Müller, Beat Schlatter und Andrea Zogg. Der Film basiert auf einer Novelle des Appenzeller Autors Stefan Millius, der auch am Drehbuch mitgewirkt hat. Im Gespräch verrät Millius, wie aus der Buchvorlage ein Film wurde – und wieso „Himmelfahrtskommando“ im Grunde ein Western ist.

Von Oliver Fiechter

Moneycab: Ihr Buch „Himmelfahrtskommando“ ist im Mai 2012 erschienen, ein Jahr später erfolgt der Kinostart des gleichnamigen Films. Wie ist diese kurze Zeit dazwischen zu erklären?

Stefan Millius: Mein Manuskript ist 2009 entstanden. Kurz danach kam ich in Kontakt mit dem St.Galler Regisseur Dennis Ledergerber, der auf der Suche nach einem Stoff für einen neuen Film war. Ich habe ihm mein Manuskript gezeigt, und er war schnell entschlossen, daraus sein nächstes Werk zu machen. Das Drehbuch war dann ein Gemeinschaftswerk von ihm und mir. Dadurch blieb das Buchprojekt eine Weile liegen, und vor knapp einem Jahr habe ich Zeit gefunden, es zu publizieren. Also erst nach den Dreharbeiten.

«Ich nehme eine scheinbar heile Welt, werfe eine Handgranate in diese Idylle und schaue, was geschieht.» Stefan Millius, Autor von «Himmelfahrtskommando»

Buch und Film erzählen die Geschichte eines kleinen Dorfes, das durch einen Unfall unrechtmässig zu viel Geld kommt. Die Vertuschung dieses Betrugs führt dann die Dorfbewohner in eine Spirale tragischer Ereignisse. Wie kamen Sie auf diesen Handlungsbogen?

Ich bin leider selten in der Lage, meine Ideen zu rekonstruieren. Aber es ist eine Ausgangslage, die ich oft verwende. Ich nehme eine scheinbar heile Welt, werfe eine Handgranate in diese Idylle und schaue, was geschieht. Mein Startpunkt ist also ein ausserordentliches Ereignis wie in „Himmelfahrtskommando“ der Unfall, dem eine ganze Sekte zum Opfer fällt. Und nun kommt die Frage: Wie reagieren die Direktbetroffenen?

Kennen Sie die Antwort bereits, wenn Sie mit Schreiben beginnen?

Nein, denn dann würde mich die Geschichte langweilen und ich würde die Arbeit niederlegen. Wichtig ist es, die handelnden Personen sorgfältig aufzubauen, und diese entwickeln dann ihr Eigenleben. Die Geschichte entwickelt sich allmählich. Ich bin kein Planer.

Wie nahe ist der Film am Buch?

Sehr nahe in dem Sinn, dass die gleiche Story erzählt wird. Sehr weit weg in dem Sinn, dass die Erzählstruktur eine völlig andere ist, zusätzliche Handlungsstränge dazu kommen und sich Charaktere zum Teil unterscheiden. Darüber bin ich sehr froh, von der reinen Verfilmung eines Buches halte ich nicht viel. Das sind verschiedene Medien, und so sollen sie auch behandelt werden.

«Ich bin unglaublich glücklich mit dem Endprodukt und staune, wie gut meine Originalidee übertragen wurde.»

Sie haben am Drehbuch mitgeschrieben, das heisst, Sie konnten Ihre Geschichte gewissermassen beschützen oder bewahren. Haben Sie das getan?

Wenn ein Regisseur ein Buch verfilmen will, dann gibt es dafür einen bestimmten Grund, irgendetwas – die Story, einige der Figuren, die Grundaussage – gefällt ihm offenbar. Das ist der Teil des Buches, der transportiert werden muss im Film. Alles andere kann und soll auch freier interpretiert werden. Dennis Ledergerber und ich hatten vom ersten Tag an identische Vorstellungen darüber, wie dieser Film aussehen soll, daher gab es nichts zu beschützen. Ich bin unglaublich glücklich mit dem Endprodukt und staune, wie gut meine Originalidee übertragen wurde.

Der Film wird als tragische oder schwarze Komödie angekündigt. Was ist er für Sie?

Die Einteilung in Genres ist eigentlich eine Unart. Unser Leben ist ja auch nicht einfach eine Komödie oder eine Tragödie, jeder Tag bringt ein bisschen von allem. Komödie ist nicht falsch, aber verfänglich. Es gibt keine eigentlichen Pointen oder Schenkelklopfsprüche, die Komik entsteht aus der Absurdität der Situation, aus der totalen Überforderung der handelnden Personen. Am ehesten ist „Himmelfahrtskommando“ für mich ein Western.

Wieso gerade ein Western?

Weil Themen wie Vergeltung, Schuld und Konfrontation im Vordergrund stehen. Die Bildsprache und die Musik unterstützen diesen Eindruck. Nur ein Pferd sucht man vergeblich bei uns… Man könnte auch von einer griechischen Tragödie sprechen: Mit einem kleinen Kieselstein, der Richtung Abgrund rollt, beginnt alles, und je mehr Leute versuchen, den Kieselstein aufzuhalten, desto fataler wird es, weil immer mehr ins Rollen gerät.

«Die Filmförderung ist eine Baustelle… Da braucht es radikal neue Ansätze.»

Sie spielen selbst eine kleine Rolle im Film. War das Ihr Wunsch oder hatte das andere Gründe?

Es hat sich irgendwie so ergeben. Ich bin kein Schauspieler und will auch keiner sein, aber ich kannte natürlich die Figur gut, weil sie meine Schöpfung ist. Rückblickend bin ich sehr froh um die kleine Rolle. Als Autor ist man ja nur der Vorlagengeber, und so bin ich nun auch mit dem Endprodukt auf ewig sichtbar verbunden.

Es ist bekannt, dass Ihr Film mit weniger als 100‘000 Franken entstand. Andere Produktionen werden grosszügig von der Filmförderung unterstützt. Wieso „Himmelfahrtskommando“ nicht?

Wir haben einen eher symbolischen Beitrag an die Postproduktion erhalten, mehr nicht. Ich sehe das Problem an der Inkonsequenz der zuständigen Stellen: Alle rufen nach aussergewöhnlichen Filmen, die über die Schweiz hinaus von sich reden machen können. Hat dann jemand den Mut, eine schräge Story auf völlig neue Weise umzusetzen, herrscht plötzlich Angst. Gleichzeitig fliesst viel Geld in sehr konventionell gemachte Filme, die dann an der Kinokasse floppen, weil das niemand mehr sehen will. Die Filmförderung ist eine Baustelle. Das wäre nicht mal so tragisch. Nur ist das Fundament schon in Schräglage erstellt worden. Da braucht es radikal neue Ansätze.

Zum Schluss: Warum sollte das Schweizer Publikum „Himmelfahrtskommando“ im Kino unbedingt sehen?

Viele Kinobesucher haben Vorbehalte gegenüber dem Schweizer Filmschaffen, und diese sind leider gar nicht mal alle unberechtigt. Schweizer Filme sind oft zu kopflastig oder von irgendwelchen gesellschaftspolitischen Botschaften getrieben – oder man versucht vergeblich, Hollywood zu imitieren. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Ich glaube, wir haben einen für Schweizer Verhältnisse sehr besonderen Film gemacht, sowohl was die Story wie die Umsetzung bis ins Detail angeht. Aber gleichzeitig mag ich gar keine Vergleiche machen. „Himmelfahrtskommando“ ist kein Schweizer Film, er ist einfach zufällig durch Schweizer in der Schweiz entstanden.

Trailer zum Film:

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