Suzanne Thoma, CEO BKW AG, im Interview

Suzanne Thoma
BKW-CEO Suzanne Thoma. (Foto: BKW)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Frau Thoma, in einem BKW-Blog haben Sie geschrieben, die häufigste Frage, die Ihnen gestellt werde, sei, weshalb der Konzern bisher über 130 Firmen akquiriert hat. Wir wollen bei dieser Frage nicht zurückstehen…

Suzanne Thomas: Entscheidender als die Zahl der Firmen, die wir akquiriert haben, ist die Strategie dahinter. Als wir damals realisiert haben, dass die Volatilität des Strompreises das grösste Risiko für die BKW ist und den Konzern gar hätte gefährden können, mussten wir handeln. Mit dem Aufbau des Dienstleistungsgeschäfts ist es uns gelungen, ein robustes Geschäftsmodell zu etablieren, dass auf den drei Bereichen Energie, Netze und Dienstleistungen beruht. Die Ergebnisse der vergangenen Jahre zeigen, dass wir mit dieser Strategie zu einem Wachstumsunternehmen geworden sind und die Grundlage für weiteres Wachstum gelegt haben.

«Die Ergebnisse der vergangenen Jahre zeigen, dass wir mit dieser Strategie zu einem Wachstumsunternehmen geworden sind und die Grundlage für weiteres Wachstum gelegt haben.»
Suzanne Thoma, CEO BKW

BKW-intern sollen Kompetenzen über alle Bereiche hinweg besser genutzt werden. Wie schwierig ist die Koordination und Planung innerhalb eines Netzwerks mit über 130 Firmen und 10’500 Mitarbeitenden?

Das ist sicher eine anspruchsvolle Aufgabe. Unsere Strategie besteht darin, den einzelnen Kompetenzfeldern und Firmen möglichst viel Spielraum zu lassen. Sie kennen ihre Märkte und sollen in ihren Märkten wachsen. Das wachsende Netzwerk hilft ihnen dabei, weil sie dank den Kompetenzen der andern Firmen der Gruppe immer grössere und komplexere Aufträge gewinnen können. Dieser Netzwerkeffekt spielte bisher vor allem innerhalb der einzelnen Dienstleistungsbereiche, beginnt nun aber auch bereichsübergreifend zu wirken.

Anfang September sind mit der Aerovent Crissier SA und der Aerovent Service SA wieder zwei Unternehmen im Bereich BKW Building Solutions dazugekommen. Wie wichtig ist Ihnen bei Akquisitionen, dass wie im Fall dieser beiden Unternehmen die bisherigen Inhaber und die Geschäftsleitung an Bord bleiben?

Tatsächlich versuchen wir in der Regel, die Inhaber und Geschäftsleiter in den Unternehmen zu halten. Dieses Vorgehen ist im beiderseitigen Interesse. Die BKW Gruppe profitiert davon, dass die bisherige Geschäftsführung ihre Märkte und Kunden bereits kennt. Die Unternehmensleitungen profitieren von den Netzwerkeffekten, die ich bereits beschrieben habe. Zudem bieten sich ihnen – wie übrigens auch ihren Mitarbeitenden – neue Entwicklungsperspektiven in der ganzen Gruppe.

Insgesamt legte der Umsatz der BKW im ersten Halbjahr 2021 um 8 Prozent auf 1,65 Mrd Franken zu. Im Energiebereich und im Dienstleistungsgeschäft waren es sogar 9 Prozent. Wie sieht es in diesem Bereich mit der Marge aus?

Mit 59 Prozent ist der EBIT des Dienstleistungsgeschäfts überproportional gestiegen. Das zeigt, dass sich die Marge erfreulich entwickelt hat. Ohne Akquisitions- und Integrationskosten wäre sie noch 1 bis 2 Prozent höher und damit deutlich über dem Branchenschnitt.

«Mit 59 Prozent ist der EBIT des Dienstleistungsgeschäfts überproportional gestiegen. Das zeigt, dass sich die Marge erfreulich entwickelt hat.»

Sind die Dienstleistungen rentabler als die anderen Bereiche?

Wenn sie den ROCE, also die Rendite auf dem eingesetzten Kapital nehmen, ist das Dienstleistungsgeschäft mit Abstand das rentabelste der BKW. Der ROCE bewegt sich hier zwischen 10 und 15 Prozent. Bei der Energie, dem kapitalintensivsten Geschäft der BKW, sind es zwischen 5 und 10 Prozent. Bei den Netzen ist der ROCE reguliert und beträgt 3,8 Prozent.

Der Reingewinn nahm dank der guten Renditen des Stilllegungs- und des Entsorgungsfonds um 86 Prozent auf 209 Millionen Franken zu. Wie hoch waren denn bis anhin die Einzahlungen der BKW in der Veranlagungsperiode 2017-2021?

137 Millionen Franken.

Die Strompreise in der Schweiz steigen nach Berechnungen der ElCom im kommenden Jahr im Schnitt um drei Prozent. BKW-Kunden bezahlen hingegen 2022 weniger für den Strom. Weshalb?

Wir sprechen hier von den Tarifen in der Grundversorgung. Die Kosten für den Strom bleiben bei der BKW unverändert. Hingegen konnten wir die Netzkosten senken – einerseits dank Effizienzmassnahmen, anderseits weil die Kosten für die Höherbewertung unseres Netzes wegfallen, die wir den Kundinnen und Kunden bis 2021 in Rechnung gestellt haben. Hätte die Swissgrid ihre Netztarife nicht erhöht, wären unsere Strompreise für 2022 noch tiefer.

Andere Länder in Kontinentaleuropa sehen sich mit massiven Strompreiserhöhungen konfrontiert. Wie sehen Sie die Strompreisentwicklung auf längere Sicht?

Wir gehen mittelfristig von weiter steigenden Preisen aus. Langfristprognosen sind hingegen schwierig, weil sie zum einen von energie- und geopolitischen Entwicklungen und zum andern von den Gas- und CO2-Preisen abhängen.

Seit dem Aus für das Rahmenabkommen und somit vorerst auch eines Stromabkommens werden die Warnungen, die Schweizer Versorgungssicherheit sei gefährdet, (noch) lauter. Teilen Sie die Befürchtungen?

Tatsächlich könnte die Schweiz Probleme mit der Netzstabilität kriegen, weil sie zunehmend weniger ins europäische System eingebunden ist, der Strom aber trotzdem fliesst. Steigen wird zudem das Risiko, dass es am Ende des Winters zu Versorgungsengpässen kommt, wenn die Stauseen leer und Importe aus den Nachbarländern nicht möglich sind. Aufgrund des europapolitischen Entscheids des Bundesrats könnten solche Mangellagen früher eintreten, als bisher angenommen. Deshalb tut die Schweiz gut daran, schnell Reservekapazitäten für solche Situationen bereitzustellen.

Eine Studie unter Mitwirkung von BKW Power Grid zeigt, dass der vermehrte Einsatz von Photovoltaik, Elektromobilität und Wärmepumpen zu einem viel höheren Leistungsbedarf im Stromnetz und somit zu einem grösseren und schwerer planbaren Netzausbau mit entsprechenden Mehrkosten führt. Welche Lösungsansätze verfolgen Sie?

In der Tat droht das Netz zum Lastesel der Energiewende zu werden. Wir begegnen dem einerseits mit möglichst effizienten und intelligenten Netzen, also mit innovativen Technologien und einem optimalen Mitteleinsatz. Anderseits bieten wir unseren Kundinnen und Kunden Lösungen für den optimalen Einsatz ihrer Photovoltaikanlagen, etwa mittels Ladestationen für Elektrofahrzeuge. So lassen sich Netzkosten sparen oder es lässt sich zumindest verhindern, dass die Kapazität des Netzes weiter erhöht werden muss.

«Ich kann die Diskussion gut nachvollziehen. Was die bestehenden Kernkraftwerke angeht, erinnere ich daran, dass es keine gesetzliche Befristung der Laufzeit gibt. Die KKW dürfen laufen, so lange sie sicher sind.»

Sie haben sich wiederholt für den Bau von Reservekraftwerken ausgesprochen. Sehen Sie eine Chance, dass die Politik doch noch auf diesen Weg einschwenkt?

Im sogenannten Mantelerlass zu den Revisionen des Energiegesetzes und des Stromversorgungsgesetzes schlägt der Bundesrat die Schaffung von Reservekapazitäten für die Wintermonate vor. In der Herbstsession befasst sich der Ständerat mit diesbezüglichen Vorschlägen seiner vorberatenden Kommission. Insofern kann man feststellen, dass sich die Politik des Problems bewusst ist und Lösungen sucht.

Nochmals zurück zum Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg. Zeitgleich werden aus Sorge um die Versorgungssicherheit und den steigenden Energiebedarf die Rufe nach einer Verlängerung der Betriebsgenehmigung für bestehende AKW oder sogar den Bau neuer AKW lauter. Können Sie der Diskussion etwas abgewinnen?

Ich kann die Diskussion gut nachvollziehen. Was die bestehenden Kernkraftwerke angeht, erinnere ich daran, dass es keine gesetzliche Befristung der Laufzeit gibt. Die KKW dürfen laufen, so lange sie sicher sind. An der Realisierbarkeit neuer KKW hege ich allerdings grosse Zweifel. Erstens sehe ich nicht, wer eine solche Investition tätigen soll. Und zweitens würde es bis zu einer allfälligen Inbetriebnahme mindestens 20 Jahre dauern.

Frau Thoma, wir bedanken uns für das Interview.

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