Thomas Cotic, Geschäftsführer Bosch Software Innovations

Thomas Cotic

Thomas Cotic, Geschäftsführer Bosch Software Innovations.

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Cotic, Sie sind eines der Gründungsmitglieder der Bosch Software Innovations GmbH (zum Zeitpunkt der Gründung die „Innovations Gesellschaft für innovative Softwaretechnologie mbH”). Wie hat sich seither der Bereich für Finanzlösungen entwickelt und welche Innovationen in diesem Bereich waren am nachhaltigsten?

Thomas Cotic: Der Bereich für Finanzlösungen hat sich extrem gut entwickelt und gehört nach wie vor zu unseren umsatzstärksten Bereichen. In der Schweiz gehören wir zu den führenden Anbietern von Softwarelösungen für Finanzdienstleister. Namenhafte Banken, wie die Bank Julius Bär, Bank Vontobel oder die PostFinance setzen in den Bereichen Client Management, Compliance und Risikomanagement auf unser Lösungsangebot.

«Die zunehmende Gesetzesflut überschwemmt die Banken regelrecht mit neuen Vorschriften. Hier kommen wir ins Spiel und unterstützen sie dabei, diese Vorgaben einzuhalten.» Thomas Cotic, Geschäftsführer Bosch Software Innovations

Wir sind besonders in den Bereichen stark, die von regulatorischen Vorschriften geprägt sind. In den ersten Jahren unseres Firmenbestehens haben wir unter anderen eine risikoorientierte Lösung zur Erkennung von Geldwäsche entwickelt. Mit dem Money Laundering Detection System (MLDS) werden sämtliche Transaktionen eines Instituts regelbasiert überwacht. Grundlage dafür ist unsere Regeltechnologie Visual Rules. Jede Installation von MLDS verfügt neben den aktuellen nationalen gesetzlichen Vorgaben auch individuelle, institutseigene Regelungen. Diese Lösung ist heute bei zahlreichen Banken im Einsatz.

Doch die zunehmende Gesetzesflut überschwemmt die Banken regelrecht mit neuen Vorschriften. Hier kommen wir ins Spiel und unterstützen sie dabei, diese Vorgaben einzuhalten. Die Basis für jede Lösung ist dabei unsere Regeltechnologie Visual Rules. Im Laufe der Jahre sind auf diesem Wege viele neue Lösungen z.B. zur Erkennung von Marktmissbrauch und Insiderhandel sowie zum Risikomanagement entstanden. Ausserdem haben wir eine umfangreiche Client Managment Lösung für die Betreuung vermögender Privatkunden entwickelt. Regelmässig kommen neue Themenbereiche wie mobile Lösungen, FATCA, Suitability oder die Abgeltungssteuer hinzu, die die Banken beschäftigen und neue Lösungen erfordern.

Ihre Software zur grafischen Modellierung von Geschäftsregeln erleichtert die einfache und schnelle Gestaltung von Abläufen. Welche Prozesse im Finanzbereich profitieren davon am meisten, wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?

Alle Bereiche, deren Prozesse regelbasiert abgebildet werden können, profitieren von unserem Portfolio. Besonders im regulatorischen Umfeld gibt es regelmässig Änderungen, die von den Banken zeitnah umgesetzt werden müssen. Unsere Basistechnologie Visual Rules ist genau darauf ausgerichtet. Dank des grafischen Ansatzes von Visual Rules kann der zuständige Fachbereich die Regeln schnell und flexibel selber modellieren – und das ohne spezielle Programmierkenntnisse. Wer fit in Excel ist, findet sich auch mit Visual Rules schnell zurecht. Dadurch verkürzen sich die Entwicklungszyklen enorm.

«Wir verfolgen eine Wachstumsstrategie für alle Märkte, denn die effiziente und schlanke Gestaltung von Prozessen ist überall wichtig.»

Durch den zunehmenden Margendruck der Banken beginnen sie den Fokus auf Bereiche zu setzen, die bisher weniger Aufmerksamkeit erhielten. Dazu zählen beispielsweise die Themen Sonderkonditionen und Pricing. Hier ist das Thema Time-to-Market von grosser Bedeutung. Viele Banken haben strenge Release-Zyklen und können nicht beliebig schnell neue Logik in Produktion bringen. Die Fachbereiche müssen aber schnell auf den Markt reagieren. Dadurch wird viel Flexibilität bei den Preismodellen benötigt und diese weisen eine gewisse Komplexität auf. Deshalb muss der Fachbereich in der Definition der Regeln besser unterstützt werden.

Auch im Finanzbereich gibt es eine grosse Anzahl standardisierter Abläufe. Bieten Sie dafür innerhalb Ihrer Software auch Standard-Templates an, die ohne Änderungen übernommen werden können?

Wir verfolgen einen eher generalistischen Plattformansatz und bringen ein Set an Templates mit, welches die Kunden einsetzen können. Aber das was unsere Basistechnologie auszeichnet ist ihre Flexibilität. Sie ermöglicht es uns in den jeweiligen Projekten direkt auf die Bedürfnisse unserer Kunden einzugehen. Individuelle Anpassungen und Erweiterungen stehen also auf der Tagesordnung. Dank der Simulationsfähigkeit von Visual Rules können verschiedenste Szenarien getestet werden. So können die Regeln optimal auf die jeweiligen Prozesse angepasst werden.

Die visuelle Definition von Geschäftsabläufen sollte auch dazu führen, dass der Entwicklungs- und Programmieraufwand für Applikationen reduziert wird. Haben Sie hier quantitative Informationen, um wie viel schneller und günstiger Ihr Ansatz gegenüber herkömmlicher Programmierung ist?

In Summe ergibt sich durch den Einsatz von Visual Rules ein Produktivitätsgewinn von durchschnittlich 50% bei der Erstellung der Geschäftslogik! Im Projekt eines Automobilherstellers für ein System zur Garantiefallabwicklung konnte für den Anwendungsteil, der mit Visual Rules umgesetzt worden ist, beispielsweise eine Zeitersparnis von über 80% zum vorab geschätzten Aufwand erreicht werden.

Das liegt unter anderem an folgenden Aspekten: Im Entwicklungsprozess mit Visual Rules entfällt im Vergleich zur konventionellen Entwicklung der Geschäftslogik weniger Aufwand auf die klassische Konzeptionsphase. Es wird früher modelliert und weniger textuelle Anforderungsbeschreibung produziert. Wer sicher in Microsoft Excel ist, findet sich auch leicht mit Visual Rules zurecht. Das Modell der Business-Logik wird eindeutig spezifiziert und dann automatisch 1:1 in lauffähigen Regelcode übersetzt. Der Übergang vom Business Analysten zum Programmierer wird bei der Erstellung der Geschäftslogik im Idealfall vollständig eliminiert. Aber auch der Aufwand für das Testen reduziert sich, da Fachbereich und IT auf einer gemeinsamen Plattform enger zusammenarbeiten können. Schliesslich wird noch die Qualitätssicherung vereinfacht, da die grafischen Modelle die Business-Logik übersichtlich und verständlich repräsentieren und die Codegenerierung automatisiert und standardisiert erfolgt.

Seit September 2008 gehören Sie zur Bosch Gruppe. Wie hat das die Kultur und Entwicklung des Unternehmens verändert?

Die Werte und Grundprinzipien von Bosch und Bosch Software Innovations passen sehr gut zusammen. Das war ein entscheidender Aspekt im Zuge der Akquisition. Ausserdem profitieren wir stark von der Bekanntheit der Marke Bosch. Für neue Märkte dient der Name Bosch als als Door-Opener. Erst kürzlich haben unsere Kollegen in Singapur den Zuschlag für ein Credit Risk Rating Projekt bei einer grossen indonesischen Bank erhalten. So stellen wir mit dem Namen Bosch auch an unseren internationalen Standorten ein schnelles Wachstum sicher. Und trotz der Zugehörigkeit zu einem Grosskonzern sind wir weiterhin ein sehr junges, dynamisches und innovatives Unternehmen.

Die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise führt zu einer grösseren Regulierungsdichte und neuen Vorschriften für die Banken. Das Risikomanagement und die Compliance werden davon direkt betroffen. Ist das für Sie als Lösungsanbieter in diesem Segment eine gute Entwicklung?

In dem Rahmen, wo die fortschreitende Regulierung zu einem steigenden Bedarf an intelligenten IT-Lösungen für das Compliance- und Risikomanagement fordert, profitieren wir in der Tat von den Entwicklungen.

«In Summe ergibt sich durch den Einsatz von Visual Rules ein Produktivitätsgewinn von durchschnittlich 50% bei der Erstellung der Geschäftslogik.»

Schätzungen des Marktforschungsinstituts Chartis gehen für das Jahr 2013 von Investitionen in Risikomanagement-Technologie im Wert von 23 Mrd. Dollar aus. Massgeblicher Treiber hierfür sind regulatorische Anforderungen, wie zum Beispiel Basel II, Basel III und Solvency II. Wir stellen uns auf diesen Bedarf mit innovativen und soliden Lösungen ein.

Bei der Gestaltung von Geschäftsregeln kommt man oft erst durch fortschrittliche Analyseverfahren und Data Mining Techniken zu verwendbaren Erkenntnissen. Wie gestaltet sich das Zusammenspiel dieser beiden Bereiche aus Ihrer Sicht, gibt es eine sinnvolle und auch praktikable Kombination?

Geschäftsregel- und Data Mining Ansätze beschäftigen sich mit unterschiedlichen Aufgabenstellungen: Während Data Mining dabei hilft, Daten zu durchforsten und noch unbekannte Muster zu ermitteln, helfen Geschäftsregeln dabei, die notwendigen Datenverarbeitungsschritte (Vor- und Nachverarbeitung) durchzuführen und bekannte Parameter zu berechnen. Viele reale Anwendungen, wie die sogenannte Rekalibrierung im Rahmen der Kreditrisikoprüfungen bei Finanzinstituten können deshalb von einer Kombination beider Konzepte profitieren.

Technologisch halten iPad, Tablet PCs, Smartphone und weitere Geräte mit Touch Screens auch in der Geschäftswelt Einzug. Wie haben Sie sich vorbereitet für die neue Art Informationen aufzubereiten und zu verarbeiten und welche weiteren Entwicklungen sehen Sie hier?

Aktuelle Studien belegen, dass die Beratungsqualität in Banken kontinuierlich auf dem Prüfstand steht. Eine individuell auf den Kunden zugeschnittene Beratung ist darum von sehr grosser Bedeutung. Deshalb haben wir eine Lösung für die Anlageberatung auf dem iPad entwickelt. Mit der mobilen Beratungslösung – dem Touch Investment Advisory – können Relationship Manager ihren Kunden ortsunabhängig eine strukturierte, systematische und interaktive Anlageberatung bieten. So unterstützen wir Banken dabei, ihren Kunden eine bestmögliche Anlageberatung zu bieten. Klassische CRM-Funktionalitäten, wie beispielsweise die Kontakterfassung und Terminplanung werden wir in Kürze auch für die Nutzung auf dem iPhone und iPad zur Verfügung stellen.

«Die Entwicklung geht eindeutig dahin, immer mehr Prozesse mobil abzubilden.»

Insbesondere bei mobilen Lösungen ist ein ausgeklügeltes Sicherheitskonzept sehr wichtig. So adressiert unser Sicherheitskonzept unterschiedliche Aspekte. Dazu gehört eine starke Authentisierung, standortabhängige Zugriffsrechte, eine verschlüsselte Kommunikation sowie eine eigene zusätzliche Datenverschlüsselung für die Offline-Unterstützung. Auf Wunsch kann die Anzahl gleichzeitig verfügbarer sensibler Kundendaten begrenzt werden. Die Verfügbarkeit von sensiblen Kundendaten auf dem mobilen Gerät kann zudem durch einen Freigabeprozess abgesichert werden.

Die Entwicklung geht eindeutig dahin, immer mehr Prozesse mobil abzubilden. Ich denke das Sprichwort „Time is money“ passt hier ziemlich gut. Unternehmen sind bestrebt Ihre Prozesse so effizient wie möglich zu gestalten. Dementsprechend müssen Mitarbeiter auch unterwegs ohne Medienbrüche Kundendaten, Aufgaben und Termine managen sowie Freigaben erteilen können. Die Entwicklungen ins unserem Hause folgen hier ganz dem Motto „any time, any place, any device“.

Zusätzlich zu den deutschen Standorten sind Sie noch in den USA und Asien präsent. Wo sehen Sie in den kommenden Jahren das grösste Wachstum?

Wir verfolgen eine Wachstumsstrategie für alle Märkte, denn die effiziente und schlanke Gestaltung von Prozessen ist überall wichtig. Aber wir denken auch über die Erschliessung weiterer Märkte nach. In einigen Schwellenländern ist ein rasantes Wachstum der Finanzzentren zu verbuchen, so dass wir uns diese ganz genau anschauen. Schliesslich wollen wir am Ende des Tages alle ein Stück vom Kuchen abhaben.

Die Internationalisierung bedeutet auch eine zusätzliche Herausforderung im Bereich Diversity. Wie gehen Sie mit dem Thema um, welche besonderen Massnahmen gibt es in Ihrem Unternehmen, um dem Thema gerecht zu werden?

Um unsere innovativen Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, sind wir auf eine offene, lernbegierige und vielfältige Belegschaft angewiesen. Schon bei der Personalauswahl legen wir deshalb Wert auf die Fähigkeit und Bereitschaft künftiger Kolleginnen und Kollegen zur Selbstreflexion, zur Wertschätzung von Unterschieden und zu bewusstem Querdenken. An diesen Kriterien orientieren sich beispielsweise auch unsere bereichs- und standortübergreifenden Schulungsmassnahmen. Daneben bieten wir unseren Mitarbeitern bei Bedarf natürlich auch ganz klassische unterstützende Massnahmen wie kostenlose Sprachkurse an.

Der Gesprächspartner:
Thomas Cotic ist Gründungsmitglied und Geschäftsführer der Bosch Software Innovations GmbH. Er verantwortet den Bereich Softwareprojekte. Vor der Unternehmensgründung war der Diplom-Informatiker in leitender Funktion bei einem Technologieunternehmen mit Schwerpunkt Intelligente Systeme tätig.

Das Unternehmen:
Bosch Software Innovations ist ein führendes Unternehmen im Business Rules Management und bietet komplette Software- und Systemlösungen für die Finanzindustrie, eMobility und weitere Branchen an. Mit seinen Produkten, Lösungen und Dienstleistungen liefert Bosch Software Innovations fachliches und technisches Know-how in diesen Bereichen Technology, Finance und eMobility.

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