Timo Dainese, CEO Zugerberg Finanz AG, im Interview
von Sandra Willmeroth
Moneycab.com: Herr Dainese, Zugerberg Finanz hat die verwalteten Vermögen zuletzt deutlich auf rund CHF 5.4 Milliarden gesteigert. Welche Treiber waren für dieses Wachstum entscheidend – Marktperformance, Neugelder oder ein veränderter Kundenmix?
Timo Dainese: Ja, wir erleben seit vielen Jahren ein starkes Wachstum. Es ist das Ergebnis jahrelanger solider Arbeit. Wir sind in allen Segmenten gewachsen: Retail, Affluent, HNWI und Institutionelle Kunden.
Starkes Wachstum kann auch Risiken bergen. Wie stellen Sie sicher, dass Beratungstiefe und Portfoliokontrolle bei zunehmender Unternehmensgrösse unverändert hoch bleiben?
In der Tat bringt das Wachstum nicht nur Vorteile, sondern auch Herausforderungen mit sich. Unser Unternehmen war damit in den letzten Jahren gefordert, und teilweise an der Belastungsgrenze. Wir sind zufrieden, dass wir viel qualifiziertes Personal aufbauen konnten, um die Qualität sicherzustellen. Wir sind heute knapp 100 Mitarbeitende, doppelt so viele wie vor 3-4 Jahren. Das war nötig, um unserem Qualitäts- und Serviceanspruch gerecht zu werden. Heute kommen Fachkräfte aus der Stadt Zürich zu uns zur Arbeit. Das wäre vor 10 Jahren kaum denkbar gewesen und ist unserem starken Brand und unserer tollen Unternehmenskultur geschuldet.
2024/25 waren von hoher Marktvolatilität und Währungsbewegungen geprägt. Wie robust war Ihr Geschäftsmodell in diesem Umfeld, und wo mussten Sie operativ nachjustieren?
Wir haben unser Geschäft im Griff. Volatilität bringt uns da nicht aus dem Tritt. Wir verfolgen seit jeher einen hohen Schweizer Franken Anteil in den Depots. Das hat in den vergangenen Jahren geholfen. Aber wir haben nicht nur gute Entscheidungen gefällt, gerade was die Aktienselektion im Ausland betrifft. Da mussten wir in der Tat nachjustieren.
«Wir haben unser Geschäft im Griff. Volatilität bringt uns da nicht aus dem Tritt.»
Timo Dainese, CEO Zugerberg Finanz AG
Die Mitarbeiterzahl ist auf rund 100 gestiegen. In welchen Bereichen haben Sie gezielt investiert – und ab wann erwarten Sie, dass sich diese Investitionen voll auf die Profitabilität auswirken?
Für uns ist die Profitabilität keine zentrale Kennzahl. Dafür machen wir das Geschäft nicht. Wir wollen Mehrwert schaffen für unsere Kundinnen und Kunden. Dort haben wir investiert. In mehr Knowhow, in kundenfreundlichere Prozesse, in noch mehr Transparenz – beispielsweise über unsere eigens entwickelte Kunden-App.
Zugerberg Finanz wurde erneut von der BILANZ ausgezeichnet, unter anderem für Sharpe‑Ratio‑basierte Performance. Wie wichtig sind solche Rankings für Ihr Neugeschäft – und wo liegen deren Grenzen?
Wir sind keine Bank. Wir führen keine Lohn- und Kontokorrent-Kontos. Wir können nicht unsere Kunden anrufen, und ihnen mitteilen, dass sie zu viel Liquidität auf dem Konto haben, und etwas anlegen sollen. Zu uns kommen die Kunden nur wegen der Qualität der Vermögensverwaltung. Das bedeutet Performance, Risikomanagement, Service, und Transparenz. Performance ist absolut zentral und sehr wichtig. Aber es gibt noch andere Faktoren für zufriedene Kunden. Wichtig ist auch, Zuhören zu können. Bedürfnisse zu verstehen. Proaktiv zu sein, gut zu kommunizieren. Es ist ein umfassendes Gesamtpaket, das den Unterschied macht. Aber ja, am Ende geht es darum, mit verhältnismässig geringen Schwankungen eine solide Performance zu erzielen. Daher wollen wir stets im ersten
Drittel sein, was uns seit vielen Jahren gelingt.
«Am Ende geht es darum, mit verhältnismässig geringen Schwankungen eine solide Performance zu erzielen.»
Ihre Publikationen betonen Schweizer Franken‑Fokus, Dividendenstrategien und selektive Unternehmensanleihen. Welche Anpassungen haben Sie aufgrund des Zinszyklus zuletzt vorgenommen?
In der Schweiz sind wir wieder im Nullzinsumfeld angekommen. Das bedeutet, Obligationen bringen Stabilität, aber sie bringen keine Rendite. Aber ist verkehrt herum, aus dem Marktumfeld die passende Strategie abzuleiten. Das birgt hohe Risiken. Wenn wir es rein ökonomisch betrachten, ist klar, dass man in den nächsten Jahren auf Sachwerte setzen muss. Aber das ist eben nur die halbe Wahrheit. Der Kunde hat ein individuelles Risikoprofil, und es gilt, diesem Rechnung zu tragen. Dividenden gelten als die neuen Zinsen. Fakt ist, wir hatten seit 2008 keine richtige Korrektur mehr. Covid, Ukraine-Krieg… die Märkte haben sich gleich wieder erholt. Wer nicht seit 20 Jahren am Markt ist, weiss gar nicht, was eine richtige Korrektur ist. Bloss weil feststeht, dass wir in den kommenden Jahren die Rendite primär mit Aktien, und anderen Sachwerten, erzielen werden, bedeutet nicht, dass eine solche Strategie auch für jedermann geeignet ist. Aktien sind nicht so risikolos, wie sie sich in den vergangenen 10 Jahren angefühlt haben. Es braucht eine solide Finanz- und Liquiditätsplanung, gerade, wenn es über den Pensionierungszeitpunkt hinausgeht. Sonst wird es bei der nächsten grösseren Korrektur ein böses Erwachen für viele geben.
«Wenn wir es rein ökonomisch betrachten, ist klar, dass man in den nächsten Jahren auf Sachwerte setzen muss. Aber das ist eben nur die halbe Wahrheit.»
Wie entwickelt sich die Nachfrage zwischen klassischer Vermögensverwaltung, Vorsorgelösungen (Säule 2/3a) und institutionellen Mandaten – sehen Sie klare Verschiebungen?
Wir wachsen in allen Segmenten, relativ gleichmässig. Das dürfte auch in Zukunft so bleiben. Bei der 2. Säule tut sich einiges, politisch, gerade, was Freizügigkeit betrifft, und es gibt viele Unsicherheiten. Ich würde mich auf dieses Geschäft nicht ausschliesslich verlassen wollen. Wir tun gut daran, in unserer Kundenbasis sehr diversifiziert zu sein.
Sie investieren in Prozesse und Technologie, u. a. mit einer Digital‑Tochter. Wo liefert Digitalisierung heute messbaren Mehrwert – eher im Kundenerlebnis oder in der Kostenstruktur?
Sowohl als auch. Technologie ist ein Treiber der Entwicklung, sie schafft Kundenerlebnisse – Stichwort Zugerberg Finanz App – und sie sorgt für mehr Effizienz. Der Nutzen ist gross, sowohl am Back-End als auch am Front-End. KI erledigt heute schon vieles für uns. Unsere Strategie, alles selber zu entwickeln, hat sich bislang ausbezahlt. Das war ein schwieriger Entscheid. Wir sind fast alleine auf diesem Weg, mit eigener Entwicklung, was ERP, CRM, Applikationen usw. betrifft. Die meisten sourcen dies out. Für uns war es der richtige Entscheid. Unsere Entscheidungswege sind kurz. Wir beheben Probleme innert Minuten. Wir müssen keine Slots bei Providern beantragen. Wir entscheiden, und setzen um. Aber das waren grosse Entscheide, entgegen dem allgemeinen Trend unseren eigenen Weg zu gehen. Ich bin stolz darauf, dass wir es so gemacht haben.
Sie sprechen seit Jahren von einer anstehenden Konsolidierung im Schweizer Vermögensverwaltungsmarkt. Sehen Sie aktuell konkrete Signale – und welche Rolle will Zugerberg Finanz dabei spielen?
Es gibt viele globale Player, die als Konsolidatoren auf dem Schweizer Markt auftreten. Mehrheitlich Private Equity unterstützt. Vermögensverwalter schliessen sich zusammen, gehen unter ein Dach. Für viele macht dies Sinn, weil sie vieles outgesourced haben – Compliance, Legal, Research, IT, Digitalisierung, usw. Wir dürfen nicht vergessen, es gibt hunderte 1- oder 2-Mann Vermögensverwalter in der Schweiz. Oder es gab sie. Doch diese Zeiten sind vorbei, regulatorisch. Man kann nicht Geschäftsführer, Kundenberater, Portfoliomanager und Risikomanager in einer Person sein. Es braucht eine Gewalten- und Kompetenztrennung, im Sinne der Kundschaft. Ich bin daher überzeugt, dass die Konsolidierung anhalten, und viele kleine und mittlere Vermögensverwalter betreffen wird.
«Es gibt viele globale Player, die als Konsolidatoren auf dem Schweizer Markt auftreten.»
Was uns betrifft, so suchen viele Konsolidatoren den Kontakt. Wir schätzen den Austausch, und wir schätzen, dass wir quasi als State of the Art Asset Manager der Zukunft betrachtet werden und ein hohes Interesse an uns besteht. Es ist eine Frage des Respekts, dass wir Zuhören, und auch Feedback geben. Doch wir haben alles intern, was notwendig ist, was ich zuvor angesprochen habe. Aber für viele Vermögensverwalter können Zusammenschlüsse einen Mehrwert bringen.
Wie bewerten Sie die aktuellen regulatorischen Rahmenbedingungen für unabhängige Vermögensverwalter – sind sie eher Bremsklotz oder Wettbewerbsfilter zugunsten qualitätsorientierter Anbieter?
Puh. Das ist eine anspruchsvolle Frage. Die regulatorischen Anforderungen nehmen laufend zu. Beispielsweise im Bereich Geldwäsche. Das bringt viel Zusatzaufwand. Aber ja, die Regulierung ist auch Wettbewerbsfilter in Richtung mehr Qualität.
Was sind Ihre drei strategischen Schwerpunkte für die kommenden 18 bis 24 Monate – Wachstum, Effizienz, Internationalisierung oder bewusstes „organisches Reifen“?
Wir wollen weiter organisch wachsen. Wir wollen noch besser werden, in der Performance, im Kundenservice, in der Digitalisierung, in der Customer Experience. Wir wollen konsolidieren, und skalieren. Wir wissen sehr genau, was zu tun ist.
Mit Blick auf Inflation, Geopolitik und strukturelle Trends wie KI: Wo sehen Sie für Anleger die grössten Risiken – und wo unterschätzte Chancen in den nächsten Jahren?
Die grössten Risiken bestehen darin, den Effekt der langfristigen Rendite auf das Kapital zu unterschätzen. Die Schweizer Bevölkerung ist Weltmeister darin, zu wenig in Aktien anzulegen. Der Effekt von 6-7 Prozent jährliche Rendite wird systematisch unterschätzt, was der Grund dafür ist, dass Schweizer unterdurchschnittlich viel in Aktien anlegen. Das sieht man auch daran, wie tief der durchschnittliche Aktienanteil in 3a Lösungen ist, die typischerweise noch Jahrzehnte laufen, oder daran, dass viele Schweizer Pensionskassen nach wie vor reglementarisch gezwungen sind, den grössten Anteil der Vermögen in Obligationen zu halten. Obwohl der Anlagehorizont einer Pensionskasse grundsätzlich unendlich lang ist.