Urban Schnell, CEO der Helbling Gruppe, im Interview
Von Helmuth Fuchs
Moneycab: Herr Schnell, die Helbling Gruppe hat 2025 zum dritten Mal in Folge weniger umgesetzt (CHF 119,7 Mio., rund 17 Prozent unter dem Rekordjahr 2022), dazu Kurzarbeit. Was sind die Gründe dafür und wie sieht es für 2026 aus?
Dr. Urban Schnell: Der Rückgang geht auf eine Kombination von drei Gründen zurück.
Erstens konsolidiert sich die Helbling Technik nach dem starken Wachstum während der Covid-Pandemie. Sie ist mit rund 70 Prozent Geschäftsanteil der grösste Unternehmensbereich der Helbling Gruppe, entsprechend stark schlägt ihre Entwicklung auf das Gruppenergebnis durch.
Zweitens hat sich die Konjunktur generell abgeschwächt, und unsere Kunden bewegen sich in unseren Hauptmärkten Schweiz, Deutschland und USA in einem schwierigen Marktumfeld. Wir arbeiten dort vorwiegend für exportorientierte, produzierende Industrien, verteilt auf je rund einen Drittel Medizintechnik, Konsumgüter und Industrie.
Drittens verzögern geo- und handelspolitische Spannungen zwischen den Grossmächten USA, Russland und China die Investitionsentscheidungen unserer Kunden. Die Zollpolitik, der Krieg in der Ukraine und im Nahen Osten sowie der sich abzeichnende Konflikt zwischen China und Taiwan haben spürbar zu Verunsicherung geführt. Bezeichnend ist dabei, dass die Helbling Technik 2025 nicht mehr Absagen erhalten hat, sondern bloss deutlich weniger Zusagen. Damit wurden vorübergehende Massnahmen zur Kostenoptimierung unausweichlich.
«Für 2026 stellen wir fest, dass sich die Nachfrage stabilisiert und wieder erholt. Das Geschäft bleibt allerdings kurzfristig getaktet und unsicher, weshalb wir mit Zurückhaltung planen.» Dr. Urban Schnell, CEO der Helbling Gruppe
Im Gegensatz zur Helbling Technik erfreuten sich die Unternehmensbereiche Helbling Business Advisors sowie Helbling Beratung + Bauplanung 2025 eines ausserordentlich guten Geschäftsgangs. Für 2026 stellen wir fest, dass sich die Nachfrage stabilisiert und wieder erholt. Das Geschäft bleibt allerdings kurzfristig getaktet und unsicher, weshalb wir mit Zurückhaltung planen.
Fast der gesamte Rückgang entfiel auf Helbling Technik, ausgelöst vor allem durch den Nachfrageeinbruch bei der reinen Softwareentwicklung – also dort, wo die Künstliche Intelligenz (KI) heute am schnellsten automatisiert. Kommt dieses Geschäft zurück, oder was tritt an seine Stelle?
Wir gehen davon aus, dass sich Künstliche Intelligenz längerfristig als Entwicklungswerkzeug in unterschiedlicher Ausprägung in unseren Dienstleistungen etablieren wird – so wie das bei neuen Technologien in der Vergangenheit stets der Fall war. Die Konsolidierung dieses Marktes steht allerdings noch aus, und die abschliessenden Auswirkungen auf die Helbling Gruppe als Wissensgemeinschaft sind heute noch nicht im Detail absehbar.
42 Partner und 310 Mitarbeitende mit Partizipationsscheinen besitzen das Unternehmen. Das bedeutet auf der einen Seite Stabilität und Sicherheit, erschwert aber die Aufnahme neuer Investoren, um Investitionen zum Beispiel in Themen wie Künstliche Intelligenz zu tätigen. Wie viel investiert Helbling in den kommenden zwei Jahren in KI und Innovationsthemen?
Ein Kernelement der Unternehmensstrategie der Helbling Gruppe ist in unserem Leitbild wie folgt festgehalten: «Wir sind unabhängig und gestalten unsere Zukunft eigenständig.» Dazu gehört, dass die Helbling Gruppe sich im Eigentum ihrer geschäftsführenden Partner und Mitarbeitenden befindet. An diesem Grundsatz ändert sich auch im Hinblick auf die Weiterentwicklung unserer Dienstleistungen unter dem Einfluss der Künstlichen Intelligenz nichts. Wir sind gewillt, die Weiterentwicklung unserer Mitarbeitenden, unserer Infrastruktur und unserer Prozesse aus dem freien Cash-Flow zu finanzieren. Wir legen uns dabei bewusst nicht auf eine fixe Investitionssumme fest, sondern richten den Mitteleinsatz laufend nach dem aus, was unsere Kundenprojekte und unsere Marktposition tatsächlich erfordern.
38 Prozent des Umsatzes erzielen Sie im Ausland, je 13 Prozent in Deutschland und den USA, der Standort in China spielt umsatzmässig noch keine grosse Rolle. In welchen Regionen sehen Sie mit welchen Themen die grössten Wachstumschancen – und wie sieht Ihr geografischer Umsatzmix in drei Jahren idealerweise aus?
Aktuell sehen wir das grösste Potential für weiteres Wachstum der Helbling Gruppe in unseren Heimmärkten Schweiz, Deutschland und USA – aufgrund unserer kulturellen Nähe und unserer Präsenz vor Ort. Der Umsatzmix dürfte sich dabei zugunsten der USA verschieben. Unsere Internationalität wird generell durch das Geschäft bestimmt, wobei wir Chancen am Markt weltweit in diversen Ländern wahrnehmen. Weitere Gründe für eine Internationalisierung können der Zugang zu Talenten und damit zu Kompetenz und Know-how sein, die Attraktivität als Arbeitgeberin, Währungsentwicklungen sowie Unterschiede in den Rechtssystemen.
Ihre Geschäftsgrundlage ist der Verkauf von Expertise, verrechnet in Stunden. Wenn die Künstliche Intelligenz Analysen in Minuten liefert, sinkt der Umsatz eines guten Teiles der heute verrechenbaren Zeit. Wie ändern sich dadurch Ihre Strategie am Markt und Ihr Preismodell?
Künstliche Intelligenz trägt zur Effizienz ausführender Aufgaben bei. Im Gegenzug stellt der wirkungsvolle Einsatz von KI hohe Anforderungen an unsere Mitarbeitenden – sowohl in der Formulierung der Fragen, also im Prompting, als auch in der Qualitätsprüfung der Antworten. Im Drittkundengeschäft gibt es zudem diverse wichtige Aufgaben, die durch KI auch in Zukunft mutmasslich nicht ersetzt werden können: die Pflege von Kundenbeziehungen in einem von gegenseitigem Vertrauen geprägten Geschäft, Verhandlungen, die Führung von Menschen in der Linie und in Projekten, das Tragen von Entscheidungsverantwortung, das Erkennen von Auftrags- und Projektrisiken, das Ausarbeiten von Entwicklungsplänen sowie die physische Umsetzung und experimentelle Verifikation von Konzepten. Genau diese Fähigkeiten bilden den Kern unseres Leistungsversprechens.
«Künstliche Intelligenz trägt zur Effizienz ausführender Aufgaben bei. Im Gegenzug stellt der wirkungsvolle Einsatz von KI hohe Anforderungen an unsere Mitarbeitenden.»
Welche Entwicklungsschritte übernimmt KI in Ihren Projekten heute schon konkret, welche Ersparnis erzielen Sie dadurch, und wo würden Sie einer KI eine Entscheidung niemals überlassen?
Aktuell werden KI-Tools bei uns primär in der Recherche, in der Auswertung und Zusammenfassung von Dokumenten, beim Erstellen von Protokollen und in der Softwareentwicklung eingesetzt. Sichtbar wird Künstliche Intelligenz aber vor allem in den Entwicklungsergebnissen unserer Kundenprojekte. Dabei legt die Helbling Gruppe ihren Schwerpunkt auf «Physical AI», um in Produkten neue Funktionalitäten zu realisieren und betriebliche Prozesse zu optimieren, beispielsweise in der Produktion. Als Dienstleisterin mit dem Anspruch der Qualitätsführerschaft überlassen wir der Künstlichen Intelligenz derzeit keine Entscheidungen – die Verantwortung gegenüber unseren Kunden liegt bei Menschen.
«Physical AI» nennen Sie einen strategischen Schwerpunkt, Ihre Venture Challenge trägt denselben Titel. Was muss die Schweiz unternehmen, damit aus ETH-Forschung nicht ein amerikanisches Produkt, sondern ein schweizerisches oder europäisches Unicorn mit nachhaltiger Erfolgsgeschichte wird?
Die Helbling Gruppe legt den Schwerpunkt auf «Physical AI», um maximale Synergien mit bestehenden Technologien in ihrem spezialisierten Dienstleistungsangebot zu erzielen, etwa in Sensorik, Aktorik, Robotik und Automation. Wir erhoffen uns dadurch ein Alleinstellungsmerkmal, das sinnbildlich für schweizerische und europäische industrielle Errungenschaften stehen soll. Die Schweiz kann dazu wichtige Beiträge leisten: in der Pflege von Interessengemeinschaften, in der Kommunikation, im Aufbau von Netzwerken zwischen Akademie, Forschung und Entwicklung sowie Industrie, in einer angemessenen Regulierung und bei orchestrierten Investitionen in Infrastrukturprojekte. So entstehen aus lokaler Forschung auch lokale Erfolgsgeschichten.
Als prägender Partner des SGES rücken Sie die Kreislaufwirtschaft ins Zentrum, während Nachhaltigkeit in der öffentlichen Diskussion laut Ihrem eigenen Bericht 2025 an Priorität verloren hat. Mit welchen konkreten Massnahmen wollen Sie das Thema stärken, was erwarten Sie an messbaren Ergebnissen von Ihrem Engagement am SGES?
Die Helbling Gruppe bietet Dienstleistungen seit 2010 im Bereich EcoDesign und seit 2019 im Bereich Nachhaltigkeit an. Letztere hat sich im Zeitraum 2019-2022 einer guten Nachfrage erfreut. Seither hat jedoch KI die Agenda unserer Kunden zunehmend bestimmt. 2025 schien Nachhaltigkeit unter Einfluss der zweiten Amtszeit von U.S. Präsident Trump gänzlich von der Agenda unserer Kunden verschwunden. Seit 2026 rückt das Thema Nachhaltigkeit im Sinne von SGES wieder vermehrt ins Zentrum des Interesses. Wir sind von der dringenden Notwendigkeit der Nachhaltigkeit überzeugt und wollen mit unserer finanziellen und redaktionellen Unterstützung von SGES ein klares Zeichen setzen. Ferner sind wir überzeugt, dass nicht Verzicht, sondern vielmehr technologische Innovation das Problem der Klimawende lösen muss, womit sich der Kreis mit unseren Interessen als Unternehmung schliesst.
«2025 schien Nachhaltigkeit unter Einfluss der zweiten Amtszeit von U.S. Präsident Trump gänzlich von der Agenda unserer Kunden verschwunden. Seit 2026 rückt das Thema Nachhaltigkeit im Sinne von SGES wieder vermehrt ins Zentrum des Interesses.»
Woran scheitert die Kreislaufwirtschaft in Projekten am häufigsten, welche wichtigsten Rahmenbedingungen müssen für eine bessere Erfolgsrate gegeben sein?
Im Rahmen der Entwicklung unserer Nachhaltigkeitsdeklaration und unseres Markenanspruchs «Innovating a sustainable future» sind wir zur Überzeugung gelangt, dass Nachhaltigkeit als unabdingbarer Erfolgsfaktor für eine erfolgreiche Produktinnovation gelten müsste – nebst den bekannten Erfolgsfaktoren Kundennutzen und Marktbedarf, technische Machbarkeit und wirtschaftliche Machbarkeit. Unsere Beobachtungen seit 2022 und insbesondere im Jahr 2025 zeigen aber, dass Nachhaltigkeit der Wirtschaftlichkeit von Produktinnovationen zu oft untergeordnet wird. Genau daran scheitern Kreislaufprojekte am häufigsten. Bessere Erfolgsraten setzen deshalb voraus, dass Nachhaltigkeit von Beginn weg als gleichwertiges Kriterium in die Produktentwicklung einfliesst und nicht erst am Schluss gegen die Kosten abgewogen wird.
Welche Strategien und Technologien zur Anpassung an den Klimawandel und dessen Beeinflussung halten Sie für erfolgversprechend, welche für politische Illusionen?
Als politische Illusion erachten wir die Annahme, dass die Klimawende durch freiwillige Veränderung des Verhaltens von Individuen in Form von Verzicht erfolgen wird. Vielmehr sind wir überzeugt, dass innovative Technologien mit Einsatz in nachhaltigen Produkten die Antwort liefern müssen. Darin liegt für die Helbling Gruppe als Dienstleisterin denn auch der grösste Stellhebel in ihrem ökologischen Beitrag.
Wenn Ihnen dieses Jahr ein Mäzen die Gründung eines eigenen Startups finanzieren würde: Was würde dieses Startup produzieren oder anbieten?
Das Startup würde einen Talentpool in KI-exponierten Berufen aufbauen und Juniors systematisch zu den Seniors von morgen entwickeln. Damit leistete es einen Beitrag zu unserer gesellschaftlichen Verantwortung gegenüber jungen Menschen – und es hielte für Unternehmen jene senioren Talente bereit, die für den wirkungsvollen Einsatz von Künstlicher Intelligenz auch in Zukunft gebraucht werden.
Welche bahnbrechenden Innovationen zeichnen sich für die kommenden drei Jahre ab, die unser Leben am nachhaltigsten beeinflussen werden – und mit welcher davon wird Helbling in Zukunft Geld verdienen?
Die Frage zielt auf eine der grossen Herausforderungen der Helbling Gruppe, nämlich auf das Antizipieren jener Dienstleistungen, die in Zukunft am Markt gefragt sein werden. Die Helbling Gruppe antwortet darauf mit «Föderalismus» und «Unternehmertum» als Kernelementen ihrer Unternehmensstrategie: Kundennähe und Flexibilität am Markt zur Früherkennung von Trends, gepaart mit unternehmerischer Weitsicht zur kontinuierlichen Weiterentwicklung unserer Dienstleistungen – heute in über 60 unternehmerisch selbständigen Geschäftseinheiten innerhalb der Helbling Gruppe. Verdienen werden wir unser Geld dort, wo diese Einheiten innovative Technologien entwickeln und früh in konkrete Kundenlösungen übersetzen. Ferner setzt die Helbling Gruppe weiterhin auf ihren einzigartigen Leistungsverbund aus Engineering und Beratung, um ihre Kunden in zunehmend komplexen, fakultätsübergreifenden unternehmerischen Fragestellung umfassend zu unterstützen.
«Eine der grossen Herausforderungen ist das Antizipieren jener Dienstleistungen, die in Zukunft am Markt gefragt sein werden. Die Helbling Gruppe antwortet darauf mit «Föderalismus» und «Unternehmertum» als Kernelementen ihrer Unternehmensstrategie.»
Wie beurteilen Sie die wirtschaftlichen Entwicklungen in Europa, den USA und China – und welche Chancen hat ein kleines Land wie die Schweiz im Kräftemessen der Grossmächte?
Die wirtschaftliche Entwicklung Europas scheint zurzeit auch an Partikularinteressen der Mitgliedsstaaten und an übermässiger Regulierung zu leiden. In den USA überschattet der ungebremste KI-Hype die schleppende Entwicklung anderer Wirtschaftszweige. China wiederum scheint sich durch gezielte staatliche Interventionen zur dominierenden Wirtschaftsmacht zu entwickeln. Die Schweiz kann als kleines Land von ihren Stärken und Tugenden profitieren: Agilität, Flexibilität, Qualität, Bildung und Verlässlichkeit. Wünschenswert wären eine höhere Investitionsbereitschaft in skalierende Startups sowie die Bereitschaft, internationale Talente nach ihrer Ausbildung stärker in der Schweiz zu halten.
«Wünschenswert wären eine höhere Investitionsbereitschaft in skalierende Startups sowie die Bereitschaft, internationale Talente nach ihrer Ausbildung stärker in der Schweiz zu halten.»
Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei, wie sehen die aus?
Dass der Hype um die Künstliche Intelligenz schon bald einem geordneten Einsatz als wertvolles Werkzeug Platz macht – und dass dabei im Interesse einer sanften Landung keine Blase platzt.
Dass wir als Gesellschaft eine Antwort darauf finden, wie wir im Sinn eines Beitrags zur sozialen Nachhaltigkeit junge Menschen in KI-exponierten Berufen in den Arbeitsprozess einbinden.
| Über die Helbling Gruppe Die 1963 gegründete, international tätige Helbling Unternehmensgruppe positioniert sich als interdisziplinärer Leistungsverbund von Engineering- und Consulting-Kompetenzen. Die unabhängige Gruppe wird von 42 Partnern in geschäftsführenden Funktionen geleitet. Die Gruppe hat ihren Hauptsitz und vier Standorte in der Schweiz, ist mit eigenen Gesellschaften in Deutschland, in Polen, in den USA und in China vertreten und beschäftigt über 600 Professionals. Der Schwerpunkt der Gruppe liegt auf ausgewählten Dienstleistungen für technologische Innovation und Business Consulting. |
Dieses Interview kam mit der Unterstützung des Swiss Green Economy Symposiums zustande:
