Urs Ryffel, CEO Huber+Suhner, im Interview

Urs Ryffel
Urs Ryffel, CEO Huber+Suhner. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Herr Ryffel, Huber+Suhner blickt auf eine erfolgreiche erste Jahreshälfte zurück. Der Umsatz stieg um 15%, der Auftragseingang um 21% und das operative Ergebnis auf Stufe EBIT um 35%. Die Erwartungen wurden zum Teil massiv übertroffen. Welches waren die wichtigsten Erfolgsfaktoren?

Urs Ryffel: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres ist es uns gelungen, auf allen Ebenen Fortschritte zu erzielen. Das Wachstum in Auftragseingang und Umsatz war breit abgestützt. Unsere Hauptmärkte Kommunikation, Transport und Industrie verzeichneten ausnahmslos einen Zuwachs, der zudem gleichmässig auf alle Hauptregionen, d. h. Asien, Europa und Amerikas verteilt war. Ebenfalls wesentlich zum Erfolg beigetragen hat der Umstand, dass zwei von drei Technologiesegmenten mit sehr starken Leistungen überzeugten. Die Hochfrequenz konnte das starke Vorjahreshalbjahr sogar nochmals übertreffen und die Niederfrequenz machte im Umsatz wie im Ergebnis eine grosse Entwicklung nach oben.

Ein Umsatzwachstum von 44% im Segment Niederfrequenz war aber nicht abzusehen – wie ist der Turnaround gelungen?

Die positive Entwicklung im Technologiesegment Niederfrequenz hat im Wesentlichen drei Gründe: Erstens hielt die schon gegen Ende des letzten Jahres einsetzende, positive Dynamik im Bahnenmarkt an. Die Zahl der Kundenprojekte legte vor allem in Asien, aber teilweise auch in Europa, im ersten Halbjahr 2018 markant zu. Zweitens konnten im Teilmarkt Automotive beim Design-in von Hochvoltsystemen grosse Fortschritte erzielt werden, die zu einem kleinen Teil bereits umsatzwirksam wurden. Und drittens entfalteten die im letzten Jahr eingeleiteten Strukturanpassungen und Portfoliobereinigungen dieses Jahr ihre volle Wirkung.

«In den ersten sechs Monaten dieses Jahres ist es uns gelungen, auf allen Ebenen Fortschritte zu erzielen.»
Urs Ryffel, CEO Huber+Suhner

Auch das Segment Hochfrequenz legte deutlich zu. In welchen Teilmärkten lief es besonders gut?

Es waren dies hauptsächlich der Kernmarkt Mess- und Prüftechnik sowie die Wachstumsinitiative Luft-, Raumfahrt und Wehrtechnik. Besonders private Satellitenprojekte, die eine flächendeckende Versorgung mit Internet in abgelegenen Regionen ermöglichen sollen, wirkten sich hier positiv auf den Umsatz aus.

Worauf ist die tiefere Profitabilität im Segment Fiberoptik zurückzuführen?

Die Fiberoptik konnte jahrelang hohe Zuwachsraten mit zweistelligen EBIT-Margen erzielen. Eine wichtige Basis hierzu legte der Ausbau der 3G/4G-Mobilfunknetze mit Fiber-to-the-Antenna-Lösungen (FTTA) von Huber+Suhner. Dieser Markt hält sich auf konstant hohem Niveau. Allerdings liegt vor der Einführung des neuen 5G Mobilfunkstandards ungefähr ab 2020 der Fokus in diesem Markt auf Grossprojekten in Schwellenländern. Dort sind die Volumen äusserst attraktiv, dafür liegen die Margen tiefer. Wir streben darum in der Fiberoptik ein überdurchschnittliches Wachstum in höhermargigen Marktsegmenten wie Rechenzentren und Small Cells an, um den Business-Mix so zu verschieben, dass in Zukunft wieder zweistellige EBIT-Margen resultieren werden. Auf dem Weg dorthin konnten wir in der ersten Jahreshälfte mit unserer Wachstumsinitiative Rechenzentren ein gutes Stück zurücklegen.

Eine Ihrer Wachstumsinitiative betrifft die Luft-, Raumfahrt und Wehrtechnik. Welche Zwischenbilanz lässt sich hier ziehen?

Unsere technologisch und qualitativ sehr hochwertigen Produkte für die Luft-, Raumfahrt und Wehrtechnik erlauben eine hohe Differenzierung, die sich bereits heute in einer starken Marktposition und in attraktiven Margen niederschlägt. Zudem glauben wir auf Grund verschiedener Trends, dass dieser Markt in den nächsten Jahren nochmals stark wachsen wird. Wir haben die Luft-, Raumfahrt und Wehrtechnik deshalb zur Wachstumsinitiative erklärt, um noch fokussierter die erkannten Potenziale auszuschöpfen. Dazu haben wir den Kern der Aktivitäten im letzten Jahr nach Nordamerika verlegt, weil der Markt dort insgesamt am dynamischsten ist. Die Luftfahrt mit der nach wie vor hohen Anzahl neuer Flugzeugbestellungen, die Raumfahrt mit den bereits erwähnten privaten Projekten im Weltraum, und die Wehrtechnik aufgrund eines stärker ausgeprägten Sicherheitsbedürfnisses sind deshalb alles Anwendungsbereiche, in denen wir überdurchschnittlich zulegen wollen. Dieses Ziel haben wir bisher in diesem Jahr erreicht.

«Wir haben die Luft-, Raumfahrt und Wehrtechnik deshalb zur Wachstumsinitiative erklärt, um noch fokussierter die erkannten Potenziale auszuschöpfen.»

Der Elektrofahrzeugmarkt verzeichnet stetiges Wachstum. Welche Erfolge brachte hier die entsprechende Initiative in der ersten Jahreshälfte?

Die Entwicklung zur E-Mobilität auf der Strasse kommt uns entgegen, weil wir auf unserer langjährigen Erfahrung aus dem Bahnenmarkt aufbauen können. Unsere Hochvolt-Kabellösungen für Personenwagen und Nutzfahrzeuge sind in dieser zukunftsorientierten Technologie an vorderster Front mit dabei. Im Automobilmarkt liegen die Anforderungen an die Serientauglichkeit von neuen Technologien enorm hoch. Die zu fahrenden Tests sowie die folgenden Zulassungen nehmen mehrere Jahre in Anspruch, bevor die Fahrzeuge in Produktion gehen und am Markt verfügbar sind. Für uns als Zulieferer ergeben sich zuerst hohe Investitionen in Produkt- und Prozessentwicklung, bis die Volumen aus der Serienfertigung folgen. Zurzeit fokussieren wir mit der Wachstumsinitiative Elektrofahrzeuge darauf, mit unseren Lösungen in neuen Plattformen einspezifiziert zu werden. Wenn dies gelingt – und in dieser Hinsicht sind wir 2018 gut unterwegs –, hängt der Umsatz mittelfristig vor allem auch vom Markterfolg der jeweiligen Plattformen ab.

In den USA wird Huber+Suhner wichtigster Zulieferer beim Aufbau der Ladeinfrastruktur durch Electrify America. Was können Sie uns über dem Umfang des Auftrags und die Pläne von Electrify America sagen?

Electrify America hat im Frühjahr 2018 angekündigt, in den USA bis 2019 über 2000 Schnellladestationen für Elektrofahrzeuge an knapp 500 Orten zu installieren. Huber+Suhner ist mit dem RADOX HPC Schnellladesystem in diesem Vorhaben grösster Lieferant. Allerdings ist unser Kunde nicht Electrify America direkt, sondern dessen vier Komplettsystem-Zulieferer.

Das RADOX HPC Schnellladesystem für Elektrofahrzeuge ermöglicht es, den Leistungsdurchsatz von Ladekabeln auf 400 kW zu erhöhen. Was bedeutet dies hinsichtlich der Ladezeit?

Dank des integrierten Kühlsystems im Kabel wird dieses trotz des hohen Leistungsdurchsatzes kaum erwärmt. Zudem fällt der Kabelquerschnitt vergleichbar mit einem Treibstoffschlauch an einer herkömmlichen Benzinsäule aus, was die Handhabung an einer Schnellladestation überhaupt erst möglich macht. Herkömmliche Ladesysteme arbeiten heute mit einem Leistungsdurchsatz von 22 bis maximal 150 kW Gleichstrom. Mit 400 kW Leistungsdurchsatz reduziert sich die Ladezeit auf einen Bruchteil. Im Alltag bedeutet dies, dass in einer knappen Viertelstunde der Ladestand einer 100 kWh Batterie auf mindestens 80 % gebracht werden kann.

«Der Markt für Rechenzentren ist sehr fragmentiert und die Vielfalt der Kundenprojekte deshalb gross.»

Das Geschäft im Bereich der Wachstumsinitiative Rechenzentren legte zweistellig zu. Welche wichtigen Projekte waren dafür verantwortlich?

Genannt werden immer wieder die ganz grossen Namen wie Amazon, Google, Facebook oder Microsoft, die riesige Rechenzentren bauen und unterhalten, weil der Umgang mit Daten Teil ihrer Strategie ist. Der Markt für Rechenzentren ist jedoch sehr fragmentiert und die Vielfalt der Kundenprojekte deshalb gross. Das bedeutet, dass in der Regel jedes Kundenbedürfnis sehr spezifisch ist und wir mit unseren flexiblen Lösungen in einer guten Ausgangslage sind. Jüngst konnten Projekte von amerikanischen Medienkonzernen und chinesischen Airlines gewonnen werden.

Von welcher Entwicklung gehen Sie in der zweiten Jahreshälfte aus?

Wir gehen davon aus, dass sich das zweite Halbjahr im Vorjahresvergleich weiterhin positiv entwickeln wird. Die Dynamik dürfte aufgrund projektbezogener Einflüsse allerdings etwas geringer ausfallen als im ersten Halbjahr. Wenn die Währungssituation vergleichbar bleibt, sehen wir ein Umsatzwachstum von mindestens 10 % als realistisch.

Huber+Suhner als weltweit tätiges Unternehmen ist immer auch vom geopolitischen Umfeld abhängig. Wo sehen Sie derzeit die grössten Risiken, die Huber+Suhner einen Strich durch die Rechnung machen könnten?

Die zwei grössten Risiken momentan liegen ausserhalb unseres Einflussbereichs: Ein Abschwung der Weltwirtschaft unter dem Einfluss der zunehmenden Handelsstreitigkeiten und Verwerfungen an der Währungsfront. Wir können zwar innerhalb unseres Produktionsnetzwerks Verschiebungen vornehmen, was aber immer Zeit in Anspruch nimmt und Ressourcen bindet. Sollte sich das Klima in unseren wichtigsten Absatzmärkten und –regionen unerwartet verschlechtern, wäre dies für weite Kreise der Industrie eine Herausforderung. Auch Huber+Suhner könnte sich dem nicht entziehen. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass wir mit unserer Positionierung in Bezug auf Technologien, Märkte und Regionen gerade auch in schwierigen Zeiten bestmöglich aufgestellt sind.

Herr Ryffel, besten Dank für das Interview.

Zur Person:
Vorsitzender der Konzernleitung (Chief Executive Officer)

1967, Schweizer

Ausbildung und beruflicher Werdegang

Dipl. Ing. ETH Zürich. 1992 bis 1999 Leiter Geschäftsentwicklung bei ABB Schweiz, Zürich und Leiter der globalen Geschäftseinheit Hydro Power Plant Service. 1999 bis 2002 General Manager für den Bereich Hydro Power bei ALSTOM, Lissabon und für Wasserkraftwerke sowie für den Bereich Hydro Power Plants und Systeme in Paris. Seit 2002 bei HUBER+SUHNER als Leiter der Geschäftseinheit Rollers. 2004 bis 2007 Leiter der Einheit Kabelsystemtechnik. 2007 bis 2016 Leiter des Geschäftsbereichs Fiberoptik; seit 2008 Mitglied der Konzernleitung und seit 1. April 2017 Vorsitzender der Konzernleitung.

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