Moneycab.com: Herr Meier, Glice ist heute Weltmarktführer von synthetisch hergestelltem Eis. Wie ist die Idee dazu entstanden, die schliesslich zur Gründung von Glice geführt hat?
Viktor Meier: Die Idee entstand 2012, als ich im Fernsehen den spanischen Erfinder Toni Vera sah, der an einer ökologischen Alternative zu klassischen Eisbahnen arbeitete. Mich faszinierte sofort die Möglichkeit, Eislaufen ohne Energie und Wasser zu ermöglichen. Nach unserem Kennenlernen haben wir unsere Kompetenzen gebündelt: Toni als Ingenieur und ehemaliger Eishockeyspieler, ich mit unternehmerischem Hintergrund. So entstand Glice.
In welchen Märkten ist Glice heute besonders stark vertreten, und warum gerade dort?
Glice ist vor allem in Märkten erfolgreich, in denen Eishockey, Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Erlebnisqualität wichtig sind, insbesondere in Europa und Nordamerika. Dort, wo echtes Eis teuer, technisch anspruchsvoll oder ökologisch problematisch ist, bietet synthetisches Eis einen klaren Mehrwert.
Mittlerweile sind in weit über 100 Ländern, zum Teil auch exotischen Destinationen, Menschen auf Glice-Kunsteis gelaufen. Ist Ihnen eine Destination besonders in Erinnerung geblieben?
Ja, besonders in Erinnerung geblieben ist mir Schönbrunn in Wien. Dort eine Eisbahn in einem UNESCO-Weltkulturerbe ohne Energie und Wasser zu installieren, war ein besonderes Projekt und repräsentiert die Werte von Glice. Ebenso bin ich stolz auf die weltweit grösste Eisbahn in Mexiko-Stadt (4000 m²) und auf eine Bahn in Jumeirah auf den Malediven, die unsere Flexibilität und globale Reichweite unterstreichen.
«Glice ist vor allem in Märkten erfolgreich, in denen Eishockey, Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Erlebnisqualität wichtig sind, insbesondere in Europa und Nordamerika.» Viktor Meier, CEO Glice
Glice-«Eis»-Fläche vor dem Schloss Schönbrunn in Wien. (Foto: Glice)
Welche Rolle spielen vorübergehende Installationen bei Grossprojekten und Events im Vergleich zu permanenten Installationen?
Temporäre Installationen sind für Events, Weihnachtsmärkte und Pop-up-Projekte sehr wichtig. Gleichzeitig realisieren wir viele permanente Installationen in Trainingszentren, Hotels und Einkaufszentren. Glice zeichnet sich durch die flexible Umsetzung beider Varianten aus.
Die Nutzung geht weiter über Eislauf und Sport hinaus. Was können Sie uns zu den Tests grosser Automobilhersteller erzählen?
Mehrere Automobilhersteller nutzen Glice, um reproduzierbare Testbedingungen für Fahrversuche auf glatter Oberfläche zu schaffen. Dies ist unabhängig von Wetter, Temperatur oder Jahreszeit und erfordert keinen Energieverbrauch.
Die Kunststoffplatten von Glice sehen aus wie richtiges Eis. Wie werden sie gefertigt?
Unsere Panels sind keine einfachen Plastikplatten. Wir verwenden hochdichte Polymere, bei denen Gleit- und Schmierkomponenten strukturell im Material verankert sind, um eine stabile Gleitfähigkeit zu gewährleisten. Die Produktion erfolgt im Sinterpress-Verfahren: Polymergranulat wird unter hohem Druck und kontrollierter Temperatur verdichtet, wodurch eine homogene, plane und belastbare Oberfläche entsteht. Diese Kombination aus Materialrezeptur und Produktionsprozess ist unser zentrales Know-how und sorgt für das konsistente Verhalten unserer Panels im Betrieb.
Die mit 4000 m2 weltweit grösste Eisbahn in Mexiko-Stadt (Foto: Glice).
Wo liegen die grössten Stärken von synthetischem Eis – und wo die Grenzen im Vergleich zu klassischem Eis?
Die grössten Stärken von synthetischem Eis sind Nachhaltigkeit, weltweite Einsetzbarkeit und minimale Betriebskosten. Die Grenzen liegen weniger in der Technologie, sondern vor allem in den Anforderungen und Reglements der Verbände. Spitzensport-Wettkämpfe unterliegen sehr engen Standards und Abläufen, was offizielle Wettbewerbe erschwert. Für Training, Events und Freizeit ist synthetisches Eis jedoch oft die überlegene Lösung, da es unabhängig von Energie und Wasser funktioniert, sofort verfügbar ist und langfristig wirtschaftlich betrieben werden kann.
«Die grössten Stärken von synthetischem Eis sind Nachhaltigkeit, weltweite Einsetzbarkeit und minimale Betriebskosten.»
Was macht die Glice-Oberfläche technisch einzigartig im Vergleich zu anderen Lösungen?
Die Glice-Oberfläche basiert auf einer speziell entwickelten Polymerstruktur, die über viele Jahre optimiert wurde. Sie bietet gleichmässiges Gleitverhalten, geringen Abrieb und hohe Langlebigkeit, ganz ohne externe Energie oder Zusatzstoffe. Die Performance wurde zudem unabhängig geprüft, unter anderem durch standardisierte Abriebtests beim Fraunhofer-Institut.
Wie sieht es mit der Wartung aus?
Glice benötigt weder Kühlung, Wasser noch Eismaschinen. Die Wartung ist minimal und umfasst einfache Reinigung und Pflege. Dafür haben wir mit Glice Care und Glice Clean Lösungen und Routinen entwickelt, die das Gleitverhalten stabil halten und die Lebensdauer verlängern.
Wie entwickeln sich Gleitverhalten, Abrieb und Wartung über die Lebensdauer hinweg?
Unsere Performance basiert nicht auf kurzfristigen Effekten, sondern auf Materialphysik. Die Reibwerte liegen sehr nah an echtem Eis, was Skater auch praktisch wahrnehmen. Der Abrieb ist gering und die Wartung unterscheidet sich deutlich von klassischen Eisbahnen: Kein Energieverbrauch, kein Wasser, kein maschinelles Resurfacing. In der Praxis ist Sauberkeit entscheidend. Wer die Fläche sauber hält und Späne entfernt, erhält das Gleitverhalten konstant. Daher erreichen wir eine Lebensdauer von über einem Jahrzehnt, bei richtiger Pflege sogar sehr zuverlässig.
«Unsere Performance basiert nicht auf kurzfristigen Effekten, sondern auf Materialphysik. Die Reibwerte liegen sehr nah an echtem Eis, was Skater auch praktisch wahrnehmen.»
Wie reagieren Eishockey-Spieler, Trainer oder Eiskunstläuferinnen beim ersten Kontakt mit Glice?
Ich erlebe oft, auch bei Profis, dass anfängliche Skepsis schnell in Überraschung umschlägt. Viele erwarten, dass synthetisches Eis zäh, langsam und künstlich wirkt, erleben aber das Gegenteil: Sie merken sofort, wie nah es an echtem Eis ist. Im Eishockey ist das besonders spürbar, da Spieler sensibel auf Kanten, Beschleunigung und Richtungswechsel reagieren. Auch im Eiskunstlauf bestätigen die Athleten die Qualität, wobei dort Technik, Präzision und Wiederholbarkeit im Vordergrund stehen. Nach wenigen Minuten wandelt sich das anfängliche «Geht das wirklich?» in ein überzeugtes «Das ist ernsthaft».
Bei den kommenden Olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo werden Sie zwei Demo-Anlagen für Curling aufbauen. Können Sie sich vorstellen, dass Curling-Wettbewerbe in Zukunft auf künstlichem Eis stattfinden?
Curling-Eis wird «gepebbelt» – also mit feinen Wassertropfen besprüht, die zu einer körnigen Struktur gefrieren. Diese Oberfläche lässt sich mit der Glice-Technologie nicht realistisch nachbilden. Deshalb eignet sich Glice im Curling vor allem für Trainingszwecke und Demonstrationen, wird aber nicht für offizielle Wettkämpfe eingesetzt.
Ganz anders ist die Situation beim Eislaufen und Hockey: Dort kommen wir dem Gefühl und der Performance von echtem Eis sehr nahe.