Chefwechsel bei der Swisscom – Geringerer Glasfaserausbau droht

Chefwechsel bei der Swisscom – Geringerer Glasfaserausbau droht
Christoph Aeschlimann, designierter Swisscom-Konzernchef. (Bild: Swisscom)

Bern – Die Swisscom setzt den Generationenwechsel an der Spitze fort und bekommt einen neuen Konzernchef: Nach neun Jahren an der Spitze nimmt Urs Schaeppi auf 1. Juni den Hut. Sein Nachfolger wird Netz- und Technikchef Christoph Aeschlimann.

Damit übernimmt ausgerechnet der Verantwortliche aus jenem Bereich das Steuer, wo gegenwärtig die grössten Baustellen des Schweizer Marktführers liegen. Denn die Swisscom hatte in den vergangenen Jahren immer wieder mit grossen Netzpannen Schlagzeilen gemacht, die auch in der Politik für rote Köpfe gesorgt hatten.

Swisscom-Chef Schaeppi musste sich für die Ausfälle der Notfallnummern entschuldigen. Die Netzpannen bezeichnete Schaeppi am Donnerstag im Interview mit AWP Video als den Tiefpunkt seiner Karriere.

Die zweite Grossbaustelle des Telekomkonzerns ist der Ausbau des Glasfasernetzes, den die Eidgenössische Wettbewerbskommission (Weko) und das Bundesverwaltungsgericht wegen Kartellverstössen gestoppt haben.

Schaeppi: «Ich gehe aus eigenen Stücken»
Die Netzpannen seien aber nicht der Grund für seinen Abgang gewesen, sagte Schaeppi auf der Bilanzmedienkonferenz: «Ich gehe aus eigenen Stücken.» Es sei immer das Ziel gewesen, eine langfristige Nachfolgeplanung zu machen und zusammen mit dem Verwaltungsrat die Geschäftsleitung zu verjüngen.

Die Swisscom stehe sehr gut da. Die Kundenzufriedenheit sei sehr hoch, der Konzern sei Technologieführer und finanziell attraktiv. Die Rentabilität für die Aktionäre sei die zweithöchste in der Branche in Europa in den letzten zehn Jahren hinter der Deutschen Telekom, erklärte Finanzchef Eugen Stermetz.

Seit Schaeppi 2013 das Steuer nach dem Tode von Carsten Schloter übernahm, hat die Swisscom zwar leicht an Umsatz eingebüsst, aber operativ mehr verdient. Der Reingewinn von 2021 ist dank Sondereffekten sogar der höchste seit 2009.

«Ich bin jetzt 23 Jahre bei der Swisscom und davon 9 Jahre als Konzernchef. Es ist der richtige Zeitpunkt, hier Abschied zu nehmen. Ich kann Christoph Aeschlimann eine hervorragende Swisscom überlassen. Jetzt muss er sie noch weiterentwickeln», sagte Schaeppi. Aeschlimann sei ein Super-Nachfolger.

Zuverlässigkeit der Netze erhöhen
Und Aeschlimann machte vor den Medien gleich klar, wo die Prioritäten liegen: Beim Netz und der Technik. Diese seien sehr komplex geworden. «Deshalb haben wir uns zum Ziel gesetzt, bis 2025 unsere IT- und Netzlandschaft massiv zu vereinfachen», sagte er vor den Medien.

Gleichzeitig wolle man die Qualität und die Zuverlässigkeit der Netze erhöhen. «Das geht so weit, dass wir unser Kernnetz nicht nur redundant, sondern sogar zwei Kernnetze bauen», sagte Aeschlimann. Diese seien dann komplett redundant. «Das macht praktisch kein anderes Telekomunternehmen auf der Welt.»

Zudem machte der Netzchef und künftige Konzernchef klar, was es bedeutet, wenn die Weko auf ihren Forderungen beim Glasfaserausbau beharrt. Bekanntlich will der «Blaue Riese» die Zahl der Glasfaseranschlüsse bis Ende 2025 von einem Drittel der Haushalte und Geschäfte auf rund 60 Prozent verdoppeln. Das wären 1,5 Millionen zusätzliche Anschlüsse gegenüber heute.

Dabei legt die Swisscom nur noch eine Zuleitung von der Telefonzentrale bis zum Strassenschacht, was wesentlich billiger und schneller sei als das bisherige Ausbaumodell mit vier Fasern. Die Weko verlangt indes einen Ausbau mit vier Fasern.

Baustellen im ganzen Land
«In ländlichen Gebieten müssten wir bis zu 80 Prozent der Kanalisation für die zusätzlichen Leitungen erweitern und alle Strassen dafür aufreissen», sagte Aeschlimann. Dies hätte nicht nur höhere Kosten zur Folge, sondern eine Verzögerung des Ausbaus.

Im schlimmsten Fall, wenn die Weko auf einem Ausbau mit vier Fasern beharre, hätte das Mehrkosten von 30 bis 40 Prozent zur Folge, sagte Schaeppi. Bis Ende 2025 würde das 400 bis 600 Millionen Franken ausmachen.

Zudem könnte man bis Ende 2025 nur noch 1 Million Haushalte mit den ultraschnellen Leitungen erschliessen. Das wären 500’000 Haushalte und Geschäfte weniger als geplant. Damit würde man nur noch 50 Prozent der Bevölkerung abdecken statt 60 Prozent.

Und das Problem werde in Zukunft wesentlich grösser, sagte Schaeppi: «Je weiter man aufs Land geht, desto höher werden die Mehrkosten steigen.» Deshalb sei es wichtig, möglichst bald Rechtssicherheit zu bekommen. Die Swisscom befinde sich im Dialog mit der Weko für eine Lösung im Glasfaserstreit. (awp/mc/ps)

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