T-Systems-Chef: Europa darf sich nicht abschotten

Reinhard Clemens

T-Systems-Chef Reinhard Clemens.

Berlin – Der NSA-Skandal hat den Ruf nach deutschen und europäischen Datendiensten verstärkt. Unter anderem die Deutsche Telekom prescht mit solchen Plänen vor. Der Chef der Dienstleistungstochter T-Systems, Reinhard Clemens, versichert, man wolle dabei das Internet nicht abschotten.

AWP: Öffnet der NSA-Skandal nach Jahren der Diskussion schliesslich die Tür für Cloud-Dienste «Made in Germany»?

Reinhard Clemens: Als wir vor drei Jahren gesagt haben, wir brauchen eine deutsche Cloud, gab es erst mal Gelächter. Inzwischen hat sich die Welt verändert. Wir haben jetzt eine Menge Gespräche mit Unternehmen – auch Konkurrenten – die fragen, ob wir für sie Dienste in Deutschland nach deutschen Datenschutz-Regelungen betreiben können. Auch amerikanische Firmen kommen auf uns zu. Viele nehmen jetzt wahr, dass sie sich für geschäftlichen Erfolg in Deutschland einem bestimmten Rahmen anpassen müssen. Aber wenn jemand meint, wir müssten Amazon in Deutschland nachbauen – das steht natürlich nicht zur Diskussion.

Bisher wurde der strikte deutsche Datenschutz in der Internet-Branche oft auch als Hindernis betrachtet. Hat sich die Stimmung jetzt gedreht?

Deutschland muss vieles erneuern und einfacher, klarer machen, was den Datenschutz angeht. Aber dank der NSA-Diskussion verstehen die Menschen auch, dass man viele Sachen einfach nicht zulassen darf. Und wir haben eine Position, die man verteidigen muss. Ob das jetzt ein Exportschlager wird? Wir werden sehen. Aber wir haben in Europa verstanden, dass wir etwas machen müssen, um einen echten Standortvorteil zu schaffen. Dabei darf man sich aber nicht abschotten und auf keinen Fall eine digitale Kolonie werden. Wir müssen offen bleiben.

Wie schwierig wäre es, ein Schengen- oder Deutschland-Routing umzusetzen, bei dem die Daten nicht ohne Not ins Ausland gehen?

Antwort: Wir haben einen Vorschlag gemacht, jetzt muss die Politik was tun. Technisch ist der Aufwand nicht übermässig und auch an den notwendigen Investitionen müsste es nicht scheitern. Es geht ja letztlich nur darum, dass die Datenpakete die für Empfänger in Europa gedacht sind, auch hier umgeschlagen werden. Es ist wie ein Navigationssystem für Daten – und wer fährt schon gerne über Peking oder Amerika, wenn er von München nach Hamburg will. Das würde zumindest das Abhör-Risiko mindern. Hier sind keine riesigen Investitionen notwendig. Was man braucht, ist ein Einverständnis mit anderen Netzbetreibern.

Gibt es dabei nicht die Gefahr, sich vom Rest der Welt zu sehr abzugrenzen?

Antwort: Das ist ein grosses Missverständnis: Wir riegeln unser Internet nicht ab. Wir bauen einfach ein Navigationssystem für die Daten – die Autobahn bleibt ja offen und jeder kann sie nutzen. Wir wissen, dass wir in einem globalen Kontext leben, dass wir keine digitale Kolonie sein können. Wir dürfen uns nicht abschotten.

Bringt der NSA-Skandal T-Systems bereits einen Kunden-Zufluss?

Immer häufiger sagen Unternehmen: Wir fühlen uns mit einer in Deutschland angesiedelten Lösung wohler als unsere Daten irgendwo zu anderen Datenschutz-Bestimmungen im Netz zu lagern. Wir haben also erstmal einen schönen Wettbewerbsvorteil, und dafür im Sommer, einen Monat nach den ersten Snowden-Enthüllungen, eine neue Geschäftseinheit «Cyber Security» gegründet. Das führt jetzt aber noch nicht zu Milliarden zusätzlicher Umsätze.

Die NSA-Affäre köchelt bereits seit Anfang Juni. Hätten die deutschen und europäischen Cloud-Anbieter die Lage nicht aggressiver nutzen müssen?

Gut Ding braucht Weile. Wir sagen ja auch nicht, wir müssen die Welt neu bauen und wir müssen in Deutschland alles selber machen – ich glaube, so naiv sind wir alle nicht. Es ist ja auch nicht so, dass man sagen kann, wir machen nationales Routing und alles wird gut. Es geht um eine Kombination verschiedener Dienste: Die Schadsoftware herauszufiltern, Verschlüsselungstechniken einzusetzen, eventuell auch im Mobilfunk. Sicherheit ist nun mal ein System. (awp/mc/ps)

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