US-Notenbank: Wirtschaft wächst weiter mit «moderatem» Tempo

Ben Bernanke

Fed-Chairman Ben Bernanke.

Washington – Die US-Notenbank Fed zögert offenbar, die Tür für eine geldpolitische Lockerung weiter aufzumachen. Die Währungshüter schätzen den Zustand der US-Wirtschaft trotz der zuletzt überwiegend enttäuschenden Konjunkturdaten kaum anders ein als noch im April. Das zeigt der jüngste Konjunkturbericht (Beige Book), den die Fed am Mittwochabend veröffentlicht hat. Nach dem enttäuschenden letzten Arbeitsmarktbericht hatten Spekulationen um ein neues Anleihekaufprogramm, mit dem die Fed die Konjunktur anschieben könnte, Auftrieb erhalten.

Doch die Notenbanker zeigen sich reserviert: Die amerikanische Wirtschaft sei von Anfang April bis Ende Mai mit «moderatem» Tempo gewachsen, heisst es im Beige Book. Im Vergleich zum letzten Konjunkturbericht ergeben sich damit kaum Unterschiede. Im April hatte die Fed dem US-Wachstum «mässiges bis moderates» Tempo bescheinigt.

Fed sieht Arbeitsmarkt nicht so kritisch
Den schwächelnden Arbeitsmarkt sieht die Fed anscheinend nicht so kritisch: Die Einstellungen seien im Berichtszeitraum unverändert geblieben oder hätten leicht zugelegt. In Sachen Teuerung gibt es ebenfalls nichts Neues: In den zwölf Notenbank-Distrikten sei die Inflation auf mässigem Niveau geblieben, stellt der Fed-Report weiter fest. Im April hatten die Währungshüter noch die Risiken der gestiegenen Ölpreise betont, doch die sind seitdem wieder kräftig gesunken. Die Finanzmärkte nahmen die Veröffentlichung nahezu teilnahmslos zur Kenntnis: Der Euro-Kurs reagierte kaum und wurde zuletzt bei 1,2547 US-Dollar notiert. Auch die US-Börsen blieben unbeeindruckt.

Äusserungen von US-Top-Notenbanker Dennis Lockhart hatten am Nachmittag bereits Spekulationen über wachstumsstützende Massnahmen der Fed angefacht. Lockhart sagte, die wacklige wirtschaftliche Erholung könne weiteres Handeln erfordern. Anleger setzen angesichts der jüngsten Eintrübung der weltweiten Konjunktur und den steigenden Risiken durch die europäische Schuldenkrise zunehmend auf ein neues Anleihekaufprogramm (QE3) der US-Notenbank.

Klare Signale von Bernanke erhofft
Klare Signale erhoffen sich die Finanzmärkte nun von Fed-Chef Ben Bernanke, der am morgigen Donnerstag vor dem wirtschaftlichen Ausschuss des US-Kongresses sprechen wird. Auch Vizechefin Janet Yellen wird sich in Boston äussern. Sie zählt zu den Verfechtern einer lockeren Geldpolitik, hatte die Hürde für weitere expansive Massnahmen vor einigen Wochen jedoch noch als hoch bezeichnet.

EZB belässt Leitzins unverändert
Die Hoffnungen der Investoren liegen auch auf der Europäischen Zentralbank (EZB). Diese hatte ihren Leitzins am Nachmittag zwar wie erwartet unverändert auf dem Rekordtief von 1,0 Prozent belassen, aber konsequentes und «sofortiges» Handeln bei einer Verschärfung der Schuldenkrise in Aussicht gestellt. Viele Experten rechnen mit einem Zinsschritt um mindestens 25 Basispunkte im Juli.

«Obwohl die EZB vorerst noch stillhält, hat der Markt die Botschaft erhalten, dass sie im Zweifelsfall bereit zum Handeln ist», sagte Rainer Sartoris, Devisenexperte vom Bankhaus HSBC Trinkaus. Vor allem Draghis Aussagen in der Pressekonferenz, wonach einige Mitglieder des EZB-Rats sich für eine Zinssenkung aussprachen, sorgten für Hoffnung auf ein baldiges Eingreifen der Notenbanker. Offensichtlich wolle die EZB zunächst den Handlungsdruck auf die Politik hochhalten. (awp/mc/ps)

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