Charlie Matter, Finnova: «Um jeden Kunden muss man sich jeden Tag bemühen»


Die Finnova machte mit einigen aufseherregenden Abschlüssen, zuletzt mit der Graubündner Kantonalbank, auf sich aufmerksam. Was das spezielle an seiner Bankenplattform ist, wohin er die Finnova noch entwickeln möchte, erklärt der CEO Charlie Matter im Moneycab.

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Matter, die Finnova, herausgegangen aus der ehemaligen Finis, hat in letzter Zeit wichtige Kunden für ihre Bankenplattform gewonnen, so unter anderen die Kantonalbanken Graubündens, Glarus›, Appenzells, Obwaldens und Nidwaldens. Dies nach Jahren ohne Kundengewinne oder sonstige positive Neuigkeiten. Was hat diesen Schub verursacht?

Charlie Matter: In diesem Zusammenhang gilt es an erster Stelle unser Produkt, unsere Software zu erwähnen: Mit Finnova verfügt die Finnova AG über die zurzeit innovativste und zukunftsgerichtetste Gesamtbankenlösung, wie es die NZZ einmal geschrieben hat. Dies stellt sie bei jenen Banken, in denen sie bereits in Produktion ist, Tag für Tag unter Beweis. Hinter Finnova steckt jahrzehntelange Erfahrung in der Entwicklung moderner IT-Lösungen für die Finanzindustrie sowie sehr viel harte und seriöse Arbeit. Umso grösser ist darum auch unsere Freude über die Erfolge der vergangenen Wochen und Monate.
Nicht zu vergessen ist aber auch die Tatsache, dass sich der Markt in den letzten Jahren verändert hat. Besonders Universalbanken haben erst in jüngster Vergangenheit mit der Evaluation ihrer neuen IT-Plattform begonnen.


«Vielen kleineren oder mittleren Universalbanken steht die IT-Revolution noch bevor.» Charlie Matter, CEO Finnova AG



Teil des Vertrages mit der Graubündner Kantonalbank (GKB) ist, dass sie 25 Mitarbeiter der GKB übernehmen und in einem neuen Dienstleistungszentrum in Chur weiterbeschäftigen. Das ist eine signifikante Erweiterung der heutigen Mitarbeiterbasis von 80 Personen. Wie stellen Sie sicher, dass die gewachsene Kultur der Finnova die Erweiterung verkraftet?

Mit den zusätzlichen Kunden hätten wir ohnehin unsere Entwicklungskapazität erweitern müssen. Die Integration von Mitarbeitern einer andern Firma stellt erfahrungsgemäss hohe Anforderungen – und zwar mehr in kultureller als in organisatorischer Hinsicht. Heutige Finnova-Mitarbeiter werden vor Ort in Chur präsent sein und unsere neuen Kolleginnen und Kollegen in unsere Welt einführen. Es geht darum, den Know-how Transfer schnell zu vollziehen, sodass die neue Mannschaft bald ‚Finnova atmet’, schnell in die Produkteentwicklung eingebunden ist und interessante Projekte bearbeiten kann. Zudem verfügen wir über einige Erfahrung mit ähnlichen Zusammenarbeitsmodellen: So wurde ein Teil unserer Privatbanken-Module von Finnova-Spezialisten in Genf entwickelt. Wir sind uns aber der Herausforderungen an das Change-Management bewusst und werden speziell die interne Kommunikation und Pflege der Kultur forcieren.

Ihr Kundenportfolio besteht vorwiegend aus kleineren Universalbanken. Mit der Graubündner Kantonalbank ist jetzt eine Bank dazugekommen, die eine ganz andere Grössenordnung darstellt. Wie wird dieser grosse Kunde die weitere Entwicklung der Lösung und Ihres Unternehmens beeinflussen?

Tatsächlich sind wir mit dem Gewinn der Graubündner Kantonalbank in die obere Etage vorgedrungen. Diese Entscheidung bestärkt uns in unserer Cluster-Idee: Wir gehen davon aus, dass ähnliche Kunden mit ähnlichen Businessmodellen, ähnliche Anforderungen an die IT-Lösung haben – diese Synergien können und müssen genutzt werden. Deshalb wird das Anforderungsmanagement pro Kundengruppe oder Cluster erfolgen. Das Businessmodell der GKB ist durchaus vergleichbar mit anderen Finnova-Banken. Ich erwarte nicht, dass es riesige funktionale Unterschiede geben wird; unsere Lösung wird weiterhin kompakt bleiben. Unsere Erfahrungen im täglichen Betrieb zeigen auch, dass sich bezüglich Laufzeiten keine Probleme ergeben werden. Neue Kunden fordern aber einen Lieferanten immer mit neuen Ideen und Funktionen, darauf freuen wir uns.

Sie arbeiten mit Ihren Kunden sehr eng zusammen beim Betrieb und der Weiterentwicklung der Lösung. Auf der Basis einer «Modellbank» versuchen Sie Ihre Lösung als möglichst einheitlichen Standard weiter zu entwickeln. Haben Sie mit diesem sehr strategischen Vorgehen genügend taktischen Spielraum, um die Lösung zum Beispiel auch opportunistisch im Privatbanken-Sektor zu positionieren?

Zwei Dinge möchte ich klarstellen: Erstens konzentriert sich die Finnova auf die Weiterentwicklung der Lösung – der RZ-Betrieb wird von den Kunden selber oder von Partnern sichergestellt. Und zweitens dient die Modellbank nicht der Weiterentwicklung, sie ist der Ausgangspunkt für die Implementierung der Software. Was die Privatbanken betrifft: Neben den Universalbanken fokussierte die Finnova seit Beginn der Entwicklung auf dieses Segment. Die Wertschriften-Applikationen wurden in Zusammenarbeit mit mehreren renommierten Privatbanken entwickelt. Dabei ist auch sehr viel Private Banking Know-how in Finnova eingeflossen. Wir werden darum die Privatbanken wieder angehen – das ist nicht opportunistisch, sondern durchaus opportun.

Ihr angestammtes Segment der kleineren Universalbanken ist für ein weiteres Wachstum nur noch bedingt geeignet. Wo sehen Sie Ihre Wachstumschancen, in welchen Kundensegmenten möchten Sie weiterkommen?

Wie erwähnt fokussieren wir mit unserer Strategie auf verschiedene Segmente und Bereiche. Finnova lässt sich in Modulen oder aber als Gesamtlösung einsetzen. Unsere Software deckt die Bedürfnisse von Banken unterschiedlicher Ausrichtungen ab, nur Grossbanken sind für die Finnova kein Thema. Was die von Ihnen genannten kleineren oder mittleren Universalbanken anbelangt, so gibt es noch viele Möglichkeiten und Chancen: In diesem Bereich steht vielen Instituten die IT-Revolution noch bevor – und die Finnova möchte hier ebenfalls mitspielen. Alles in allem sehen wir für Finnova ein breites Einsatzgebiet mit guten Wachstumschancen.

Die Finnova hat auch in den Zeiten als IT Firmen an der Börse boomten und als Inbegriff von «cool» galten kaum von sich reden gemacht. Trotzdem hatten Sie kaum je Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden und zu behalten. Was ist das Besondere an Finnova, was macht die Firma für die Mitarbeiter attraktiv?

Das müssten Sie eigentlich unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fragen. Wir haben uns und unsere Lösung in Lenzburg zwar etwas abseits, aber als sehr aufmerksame Beobachter des Geschehens entwickelt. Unsere Firma, unsere Entwickler entsprechen vielleicht nicht diesem Image der «coolen» und flippigen Softwarefreaks. Dafür verfügen wir über die «coolste» Gesamtbankenlösung. Da stecken viel Knochenarbeit und ein sauberes Engineering dahinter. Ein wesentlicher Bestandteil unserer Firmenkultur ist auch, dass jeder ‚Finnovator’ mit einer hohen Eigenverantwortung zum Gesamtergebnis beiträgt und sich persönlich für sein Resultat verpflichtet fühlt. Das sind meines Erachtens die wesentlichsten Motivatoren, welche Mitarbeiter bewegen – es muss einfach stimmen.

Ihre ersten Kunden sind zum Teil auch Ihre Aktionäre. Die Bindung ist durch die Natur der Bankensoftware eine sehr langfristige. Diese Sicherheit könnte auch zu einer gewissen Trägheit führen. Wie wirken Sie dem entgegen?

Ich denke, das ist eine Einstellungssache. Auch nach unseren Erfolgen bleiben wir voll auf Angriff, da bleibt überhaupt kein Platz für Trägheit oder Schlendrian. Um jeden Kunden, ob Aktionär oder nicht, muss man sich jeden Tag bemühen. Wir bewegen uns nach wie vor in einem äusserst hart umkämpften Markt, in dem time-to-market eine zentrale Rolle spielt. Ausserdem hat die Kostensensibilität bei den Banken in den letzten Jahren stark zugenommen. Das haben wir bei der Finnova ebenfalls direkt gespürt. Unter diesem internen und externen Druck, der mit dem Gewinn unserer neuen Kunden noch zugenommen hat, verfällt man kaum in Trägheit. Zudem bietet der Erfolg des Unternehmens und des Produktes Motivation genug.

Sie sind seit 1999 bei der Finnova. Nach einer europäischen Managementaufgabe mit einem IPO bei der Selecta scheint die Finnova eine eher ruhige, bescheidene Herausforderung zu sein. Was hat Sie an der Aufgabe gereizt?

Ich liebe diese Aufgabe, sie erfordert viel Arbeit und viel Engagement! Ich bin von Detailfragen bis zur Strategie sehr nahe am Geschehen. Und das ist für mich jeden Tag aufs Neue motivierend, von bescheidener Herausforderung kann keine Rede sein – im Gegenteil.

Eines der grossen IT Themen ist das Outsourcing in Billiglohnländer wie Indien oder in die Länder Osteuropas. Wie sehen Sie diese Entwicklung und wie kann die Finnova in diesem Umfeld der tiefen Löhne bestehen?

Die grosse Herausforderung liegt in der Verbindung von Informationstechnologie und Banken-Know-how. Der regelmässige Austausch mit unseren Kunden ist sehr wichtig und verlangt nach Nähe. Ausserdem fühlen wir uns dem Standort Schweiz verpflichtet. Wir sehen jedoch auch, dass die Prozesse innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette neu definiert, ja immer wieder neu erfunden werden müssen, um gegenüber den niedrigen Löhnen von gut ausgebildeten Offshore-Etwicklern konkurrenzfähig zu bleiben. Das Aufgabenspektrum unserer Leute wird daher breiter werden. Die Anforderungen an die Arbeitnehmer steigen, indem vor- und nachgelagerte Prozesse noch optimaler in die Arbeit eingebunden werden müssen. Es ist eine ständige Herausforderung, alles ist in Bewegung – aber das ist in andern Branchen schon lange so – warum sollte dies in der IT anders sein?

Sie haben im Umfeld der Universalbanken eine lukrative Nische gefunden, die sich mit einem eigenen Tempo entwickelt. Bodenständigkeit und Verlässlichkeit sind wichtige Werte in diesem Umfeld. Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Entwicklungen in diesem Segment?

Das Kostenbewusstsein wird weiter zunehmen, die Total Cost of Ownership weiter an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass sich die Banken auf Teile der Wertschöpfungskette spezialisieren: Segmentierung, Fokussierung, Standardisierung oder Sourcing sind also einige Headlines. Neue Technologien eröffnen auch neue Möglichkeiten. Getrieben durch die technische Entwicklung im Bereich Kommunikation und Internet sind nach wie vor viele neue Anwendungsbereiche denkbar mit neuen Dienstleistungen für die Bankkunden.
Daneben werden Werte wie Persönlichkeit, Bodenständigkeit und Vertrauen nichts von ihrer Wichtigkeit verlieren. Dies gilt besonders in turbulenten Zeiten.

Die Entwicklung des letzten Jahres mit dem massiven Zugewinn der Kundenbasis haben wahrscheinlich auch Sie kaum so in Ihren Businessplänen gehabt. Wie sehen Ihre Pläne für die nächsten drei Jahre aus, was sind Ihre wichtigsten Ziele?

Primär geht es darum, den Verpflichtungen gegenüber unseren bestehenden und neuen Kunden nachzukommen. Parallel dazu werden wir Finnova weiterhin den Gegebenheiten und Erfordernissen des Marktes konsequent anpassen. Anderseits werden wir auch in Zukunft ein gesundes finanzielles Wachstum mit entsprechendem Ausbau der Kundenbasis anstreben. Um diese Ziele zu erreichen, haben wir uns personell verstärkt und optimieren unsere Strukturen und Prozesse laufend. Dies gehört unter anderen zu den ständigen Aufgaben eines Unternehmers.

Sie haben zwei Wünsche frei, wie sehen diese aus?

Ich glaube, es wäre in unserer momentanen Situation fast vermessen, weitere Wünsche zu äussern, nachdem beinahe alle unsere Wünsche und Hoffnungen im vergangenen Jahr in Erfüllung gegangen sind. Ich denke, es liegt jetzt primär an uns, etwas aus unseren schon verwirklichten Wünschen zu machen. Besser könnten die Voraussetzungen nun wirklich nicht sein.


Moneycab Interviews Charlie Matter 
Im Jahr 1999 stieg Charlie Matter in die finis AG für Bankensoftware ein und ist seither für die Geschicke des Unternehmens verantwortlich. Nachdem bis im Herbst 2003 die Fertigstellung sowie Einführung der Gesamtbankenlösung im Zentrum stand, konzentriert er sich jetzt als CEO sowie Delegierter des Verwaltungsrates auf die Vermarktung von Finnova. Zur Erfüllung dieser Aufgabe bringt der 1956 geborene Vater von zwei Kindern optimale Voraussetzungen mit: Als geschäftsführender Direktor und Mitglied der europäischen Geschäftsleitung der Selecta AG war er in mehrere nationale und internationale Projekte involviert, etwa das IPO von 1997. Als Vizedirektor der Telekurs AG und Organisationsberater im Banken- und Versicherungsbereich der IBM verfügt der Betriebsökonom HSG über das entsprechend profunde Finanz- und IT-Know-how.

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