Die Bahnhofstrasse ist nicht die Wallstreet


Die Volksseele kocht, der „Blick“ wirft sich in die Presche für die Kleinen und bezichtigt führende Manager der unverschämten Abzockerei.Die Betroffenen wehren sich mit dem stereotypen Argument, dass Wallstreet den Takt vorgebe.

Von Helmuth Fuchs

Wer nicht mitmache, dem liefen die Kadermitarbeiter in Scharen davon (Walter Kielholz, VR Präsident der Credit Suisse und VR Vizepräsident der Swiss Re in der Sonntagszeitung vom 28. März ). „Da kann man keine moralische Diskussion führen“.

Die Globalisierung kann auch FÜR die Schweiz ausgelegt werdenNebst Informatik- werden neuerdings auch weitere fachlich anspruchsvolle Aufgaben (Controlling, Rechnungswesen) gemäss den Lehren der Globalisierung dorthin verlagert, wo sie bei gleicher oder genügender Qualität am günstigsten erledigt werden können (zum Beispiel nach Indien).

Gemäss dieser Logik würde es Sinn machen, die Leistungen, welche an der Wallstreet und an anderen Hochpreisfinanzplätzen nicht mehr zu vernünftigen Kosten erbracht werden können, an attraktivere Standorte zu verlegen, zum Beispiel ins neue Niederlohnland Schweiz. Wenn hier die Manager mit 2 Millionen pro Jahr statt 20 Millionen „entschädigt“ werden, spart dies auf der Teppichetage hunderte von Millionen. Lustigerweise argumentieren ja meistens Schweizer Manager, die hier leben und arbeiten mit dem Auszugs-Szenarium.

Reisende in Sachen Gier ziehen lassenDa Walter Kielholz im gleichen Interview betont, dass der Heimmarkt Schweiz für die Credit Suisse zentral und der Standort Schweiz für Fachkräfte hoch attraktiv sei, wird es auch keine Probleme bereiten, die Spezialisten in der Schweiz zu Schweizerischen Konditionen zu beschäftigen. Und die Schweizer Manager, welche Wallstreet allenfalls als Finanzpublikation kennen, werden der Versuchung widerstehen können, sich wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten sofort ins gelobte Hochlohnland USA abzusetzen, sei es auch nur darum, weil kaum jemand dort auf sie gewartet hat.

Neues Finanzkompetenzzentrum ZürichWie wäre es also, statt in den Kanon des unbewiesenen Mythos „uns laufen die Besten davon“ einzustimmen, ein Finanzkompetenzzentrum Zürich zu definieren (das eigentlich schon existiert), die Managerbezüge auf ein erträgliches Mass zu reduzieren (und vor allem an nachweisbare Leistungen zu koppeln), weniger Leute zu entlassen und so zum Wirtschaftswachstum statt zum Wirtschaftsfrust beizutragen?

Herr Kielholz und die vielen Verwaltungsräte sind gefordert, hier ein bisschen weiter und um die Ecke zu denken. Zürich ist nicht Wallstreet und das ist seine Chance.

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