Ernst Kohler, CEO Rega

von Jolanda Lucchini


Herr Kohler, finanziell war 2008 für die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega kein Krisenjahr: Die Zahl der Heli-Einsätze stieg auf 14?215 (plus 5.8 %) und die Gönnerschaft  auf 2.14 Millionen (plus 4.1 %). Die Beträge der Gönner wird jeweils  im Mai fällig ? konnte 2009 wiederum ein Zuwachs verzeichnet werden?

Die genauen Zahlen werden wir natürlich erst Ende Jahr kennen; aber schon heute ist klar, dass uns die Schweizer Bevölkerung auch im Jahr 2009 grossartig unterstützt. Die Zahl der Gönnerinnen und Gönner wird voraussichtlich auch dieses Jahr steigen.


Der Ertrag aus dem Flugbetrieb stieg 2008 um 2.8 Mio. Franken (plus 4.4%). Wie stark trug die Konzentration der Spezialmedizin dazu bei, die mehr Verlegungen von schwerkranken Patienten von einem Spital ins andere nach sich zieht?

Im Moment ist es noch schwierig abzuschätzen, was diese Entwicklungen für die Rega bedeuten. Es ist damit zu rechnen, dass die Einführung von Fallpauschalen im Gesundheitsbereich zu Konzentrationsbewegungen führen wird. Erfahrungen aus Deutschland zeigen, dass es bei dieser Entwicklung zu vermehrten Verlegungstransporten zwischen Spitälern kommt. Diese Entwicklung zeichnet sich im Ansatz auch in der Schweiz ab. Der Helikopter ist ein sehr zeitsparendes Mittel ? und damit in vielen Fällen auch kostenseitig attraktiv.


Gutes Bergwetter und die Reiselust beeinflussten massgeblich die guten-Ergebnisse des Vorjahres. Wie sieht es diesen Sommer mit den Einsätzen aus? Spüren Sie eine rückläufige Reiselust der Schweizer in Bezug auf die Heli-Einsätze?

Die Zahl der Heli-Einsätze ist tatsächlich in erster Linie vom Wetter abhängig, viel weniger von der Konjunktur. Das zeigte sich auch diesen Sommer. Hingegen konnten wir vor allem Anfang Jahr feststellen, dass die Schweizerinnen und Schweizer wohl etwas weniger im Ausland unterwegs waren als üblich; im Jet-Bereich hatten wir insbesondere Anfangs Jahr Monate mit verhältnismässig wenigen Einsätzen. Aber es ist nicht so, dass wir traurig sind, wenn es uns weniger braucht ? hinter jedem Einsatz steht ein Schicksal, das dürfen wir nicht vergessen.


«Die Rega legt viel Wert darauf, rasch, offen und transparent zu kommunizieren, weil wir gegenüber unseren Gönnerinnen und Gönnern immer wieder neu legitimieren müssen, was wir tun.»


Die Rega ist eine private Stiftung, wird aber von vielen als staatliche Organisation wahrgenommen. Inwiefern wirkt sich diese falsche Wahrnehmung aus? 

Tatsächlich sind sich viele Menschen nicht bewusst, dass die Rega keine staatlichen Subventionen für ihre Tätigkeit bezieht. Ich erlebe immer wieder, wie meine Gesprächspartner erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass wir unseren Leistungsauftrag nicht vom Bund oder von den Kantonen erhalten. Die Rega legt viel Wert darauf, rasch, offen und transparent zu kommunizieren, weil wir gegenüber unseren Gönnerinnen und Gönnern immer wieder neu legitimieren müssen, was wir tun. Es gibt uns nicht einfach darum, weil wir in einem Budget vorgesehen sind, sondern weil uns jedes Jahr wieder rund 2,1 Millionen Personen in der Schweiz ihre Unterstützung zukommen lassen.


Sie decken die Schweiz von zehn Heli-Einsatzbasen ab ? mit Ausnahme des Kantons Wallis. Dort sind die Air Glaciers und die Air Zermatt für die Flugrettung zuständig. Warum? Und hat sich diese Lösung bewährt?

Der Kanton Wallis hat sich vor Jahrzehnten für eine eigene Lösung entschieden. Ich gehe davon aus, dass der Kanton mit seinem System zufrieden ist, sonst würde er dafür wohl keine Steuergelder einsetzen. Operationell funktioniert die Zusammenarbeit der Rega mit Air Glaciers und Air Zermatt gut, unsere Gönnerschaft ist im Wallis anerkannt und umgekehrt. Das System funktioniert, und die Schweiz hat wohl die beste Luftrettung weltweit, unabhängig davon, ob die Rega, die Air Glaciers oder die Air Zermatt den Einsatz fliegt.


Derzeit überprüft der Kanton Glarus eine neue integrierte Rettungslösung, die Ambulanz, Alpinretter und Heli umfasst. Welche Vor- und Nachteile bringt ein solches Modell?

Die Rega konzentriert sich auf Ihre Aufgabe ? das ist die Luftrettung. Diese stellen wir sicher, professionell und ohne Kosten für den Steuerzahler beziehungsweise für den Staat. Den Auftrag hierfür erhalten wir von den Gönnerinnen und Gönnern, in deren Interesse wir handeln. Wir betreiben eine Infrastruktur, die es erlaubt, jederzeit an jedem Ort innert nützlicher Frist zur Stelle zu sein, sofern es das Wetter erlaubt. Das ist unser Auftrag. Die Diskussionen um integrierte Rettungslösungen, ob im Kanton Glarus oder anderswo, haben oft auch politischen Charakter. Es geht meist auch um Spital-Standorte und ähnliche, politisch heikle Themen. Das ist eine Diskussion, zu der die Rega nichts beizutragen hat. Wir halten uns, so gut wie irgendwie möglich, da raus und machen einfach unseren Job.


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Aus Sicht der Technik sind Hubschrauber gleich sicher wie Tragflächenflugzeuge und werden unter den gleichen Zuverlässigkeitsforderungen ausgelegt und zugelassen. Trotzdem weisen sie eine deutlich höhere Unfallhäufigkeit auf. Weshalb?

Die meisten Helikoptereinsätze werden in niedriger Flughöhe und im Sichtflug ausgeführt. Die Landeplätze eines Helikopters haben oft gar keine Infrastruktur, auf einer Baustelle oder an einer Unfallstelle gibt es keine Pisten, keine Anflughilfen, keine Beleuchtung und keine Flugverkehrsleitung. Der Pilot ist mehr oder weniger auf sich alleine gestellt. Als Beispiel sei hier die Angabe über Windstärke und Windrichtung aufgeführt. Ein Linienflugzeug erhält diese Angaben bei jedem Start oder Landung durch den Kontrollturm übermittelt. Ein Helipilot muss diese Information selbständig erkunden, im Gelände nach Anzeichen für die Windrichtung suchen, was besonders in der Nacht sehr anspruchsvoll sein kann. Darum investiert die Rega sehr viel in die fliegerische und operationelle Aus- und Weiterbildung der Besatzungen und ? wie das Beispiel Da Vinci zeigt ? in modernste Ausrüstung.


Die Rega erneuert ihre Flotte mit 11 solchen neuen Da-Vinci-Gebirgshelikoptern. Das Investitionsvolumen für diese Helis beträgt knapp 114 Mio. Franken. Welchen Rega-spezifischen Ansprüchen genügen diese Fluggeräte besser als ihre Vorgänger?

Der neue Helikopter ist innen etwas grösser, was eine bessere medizinische Betreuung des Patienten im Flug ermöglicht. Er hat auch mehr Leistung, das gibt uns insbesondere im Gebirge eine gewisse Reserve. Das Cockpit ist moderner, die Instrumente sind die optimale Unterstützung für die Besatzung. Und schliesslich ist auch die ganze medizinische Ausrüstung an Bord des Helikopters überdacht und neu konzipiert worden. Insgesamt sprechen wir von einem grossen Plus an Sicherheit.


«Der verrechnete Flugminutenpreis wurde seit 1996 nicht angepasst, spricht nicht erhöht ? ich weiss nicht, wie viele Preise im Gesundheitswesen in dieser Zeit nicht gestiegen sind.»


Gegen den Entscheid der Steuerverwaltung, dass die Rega auf den Gönnerbeiträgen Mehrwertsteuer bezahlen soll (5 Mio. Franken pro Jahr), sind Sie gerichtlich vorgegangen. Warum? 

Die Rega bezahlt die Mehrwertsteuer auf die Gönnerbeiträge bereits seit Sommer 2007. Wir sind eine gemeinnützige Stiftung, die eine Aufgabe erfüllt, die eigentlich in der Verantwortung der Kantone und Gemeinden liegt. Die kostspieligen Vorhalteleistungen werden ausschliesslich durch Spenden finanziert, die nun besteuert werden ? entsprechend können wir nicht nachvollziehen, warum wir die Mehrwertsteuer bezahlen müssen. Wir sind nicht bereit, einfach so hinzunehmen, dass von jedem Gönnerfranken 7,6 Rappen in die Bundeskasse fliessen. Im Interesse der Gönnerinnen und Gönner an einer funktionierenden Luftrettung Schweiz rekurrieren wir dagegen.


Ebenfalls der Rega ans Lebendige wollen die Kranken- und Unfallversicherer. Auf Anregung des Preisüberwachers möchten sie den Flugminutenansatz von derzeit 89 bis 102 Franken um dreissig Prozent herunterhandeln. Ist die Rega zu teuer?

Es ist schon erstaunlich: Die Kranken- und Unfallversicherer profitieren von einem Flugminuten-Preis, der ohne den Beitrag der Gönnerinnen und Gönner viel höher wäre. Der verrechnete Flugminutenpreis wurde seit 1996 nicht angepasst, spricht nicht erhöht ? ich weiss nicht, wie viele Preise im Gesundheitswesen in dieser Zeit nicht gestiegen sind. Unter solchen Voraussetzungen ist es reichlich absurd, von einer Senkung zu sprechen; im Gegenteil, wir müssen über eine Erhöhung verhandeln.


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Als Non-Profit-Organisation muss die Rega die Balance zwischen Menschlichkeit und Wirtschaftlichkeit finden. Können Sie ein Beispiel nennen, wo das besonders schwierig ist?

Unsere Verrechnung ist professionell und lückenlos. Aber natürlich ist die Rega eine gemeinnützige Institution: In sozialen Härtefällen verhalten wir uns kulant und werden eine alleinerziehende Mutter, die jeden Franken zwei Mal umdrehen muss, nicht betreiben. Bei wohlhabenden Personen, die nicht Gönner sind, kennen wir hingegen kein Pardon. Die Rega hat auch einen Sozial- und Betreuungsdienst, der eine Betreuung von Patienten auch nach dem Einsatz ermöglicht. Das ist eine wichtige Arbeit ? und das dafür ausgegebene Geld ist gut investiert.


Sie waren selbst ein erfahrener Bergretter. Welches waren die grössten Herausforderungen, die Sie als solcher meistern mussten?

Ich habe gelernt ? oder vielmehr lernen müssen ?, dass in den Bergen Freude und Leid, Leben und Tod sehr nahe beisammen sind. Rückblickend bin ich für beides dankbar und möchte beides nicht missen. Herausfordernd war sicher das rasche mentale Umschalten; du sitzt zu Hause, in der warmen Stube, und 20 Minuten später wirst du an der Rettungswinde des Helikopters in die Eigernordwand abgesetzt. Da muss jedes Detail, jeder Handgriff und die Kommunikation stimmen ? ohne grosse Absprachen und vorgängige Übung.
Ich schätze mich glücklich 20 Jahre als Bergretter unfallfrei im Einsatz gewesen zu sein. Heute bin ich mit den Herausforderungen, die Rega als moderne Rettungsorganisation zu führen, vollauf ausgefüllt und somit als Bergretter im «Ruhestand».


«Ich habe gelernt ? oder vielmehr lernen müssen ?, dass in den Bergen Freude und Leid, Leben und Tod sehr nahe beisammen sind.»


Welche Bergerfahrungen sind Ihnen auch als CEO nützlich?

Die mentale Stärke, sich rasch einen Überblick zu verschaffen und innert kurzer Zeit Entscheide zu treffen, die zum Ziel führen. Und dass nach einem erfolgreichen, gemeinsam errungenen Gipfelerfolg ein Abstieg folgt, der wieder als Seilschaft ? und nur als Seilschaft ? gemeistert werden kann, bevor man sich wieder auf sicherem Grund bewegen kann.


Die Rega hat in letzter Zeit viel investiert und ist heute ein modernes Rettungsunternehmen. Wo sehen Sie kurz- und mittelfristig noch Handlungsbedarf?

Die Rega ist gebaut. Es geht in der Zukunft darum, dieses grossartige Werk weiter zu entwickeln und sich nicht mit dem Erreichten zufrieden zu geben. Die Schweiz hat heute schon das modernste Luftrettungssystem der Welt. Wir wollen diesen Status behalten und dabei moderne Fluggeräte in Kombination mit Spitzenmedizin so einsetzen, dass die Hilfe noch effizienter, sicherer und erfolgreicher an die Unfallstelle oder in den letzten Winkel der Welt gebracht werden kann ? und zwar bei jedem Wetter, bei Tag und bei Nacht, rund um die Uhr.





Der Gesprächspartner
Ernst Kohler, Jahrgang 1963, ist seit Anfang 2006 GL-Vorsitzender der Rega. 

Der gelernte Elektromonteur absolvierte an der Technischen Fachschule in Winterthur eine Weiterbildung, parallel dazu erwarb er 1985 das Bernische Bergführerpatent. 1987 trat er in das damalige Bundesamt für Militärflugplätze ein und leitete verschiedene Projekte der Luftwaffe. 1996 übernahm er die Leitung der Abteilung Elektronikbetriebe der Luftwaffe im Kanton Bern. Es folgte ein Nachdiplomstudium in Betriebswirtschaft am St. Galler Management Institut. 2004 wurde er Mitglied der Geschäftsleitung der Betriebe Luftwaffe und führte als Betriebsleiter den Betrieb Berner Oberland. Von 1999 bis 2005 war er Stiftungsrat der Rega und Mitglied der Finanzkommission. Als langjähriger stellvertretender Rettungschef der Alpinen Rettung Schweiz in Meirigen war Ernst Kohler auch ein erfahrener Bergretter.

Die Rega
Die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega wurde 1952, damals noch als Sektion der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft, vom Arzt Rudolf Bucher gegründet. Sie ist eine selbständige und gemeinnützige private Stiftung und beschäftigt heute über 300 Mitarbeitende, davon 63 Piloten und zwei Pilotinnen. Der Hauptsitz, die Einsatzzentrale und die Basis der drei Ambulanz-Jets befinden sich auf dem Flughafen Zürich-Kloten, die zehn Einsatzbasen mit je einem Rettungshelikopter in Basel, Bern, Erstfeld, Wilderswil, Lausanne, Locarno, Samedan, St. Gallen, Untervaz und Dübendorf. Dazu kommen zwei von Partnern betriebene Basen in Mollis, und Genf.


Die Mehrzahl der Rega-Einsätze erfolgt mit dem Helikopter, der im Gebirge bei Bergrettungen, Skiunfällen, Suchflügen und Evakuationen eingesetzt wird. Im Flachland gilt die Mehrzahl der Rega-Helikoptereinsätze Verkehrsunfällen, gefolgt von Sport- und Arbeitsunfällen sowie krankheitsbedingten Noteinsätzen. Zu den Sekundäreinsätzen zählen unter anderem Verlegungsflüge von Notfallpatienten von Spital zu Spital, Transporte von Organen, Blut und Medikamenten, Hilfsflüge für Bergbauern, Tiertransporte und Einsätze bei Katastrophen sowie Repatriierungsflüge, auf denen Kranke oder Verunfallte aus fernen Ländern in die Schweiz zurückgeflogen werden. Als Dank für die Unterstützung erlässt die Rega ihren Gönnerinnen und Gönnern allfällige Kosten, die durch einen Einsatz der Rega entstehen und die nicht von Dritten gedeckt sind.

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