Gil Winch, Gründer Call Yachol

von Patrick Gunti


Dr. Winch, was bedeutet der Firmenname «Call Yachol»?


«Call Yachol» besitzt im Hebräischen zwei Bedeutungen: Einerseits drückt es die Fähigkeit aus, telefonieren zu können ? also «to call» – und andererseits vermittelt es den Glauben daran, alles zu können.


Können Sie unseren Leserinnen und Lesern ihre Beweggründe zur Gründung von «Call Yachol» ? wo die meisten Mitarbeitenden Menschen mit einer Behinderung sind ? nennen?


Als jemand, der in der israelischen Armee diente und im Krieg verletzt wurde, sind mir Behinderungen und das Thema Tod nicht fremd. Freunde und Bekannte von mir sind im Krieg verletzt oder getötet worden. Aus diesem Grund trat ich vor einigen Jahren der Organisation «Access Israel» bei. Ich wollte helfen und musste gleichzeitig verstehen, dass 80% der körperlich Behinderten in Israel eine Arbeit suchen. Als Organisationsberater weiss ich, dass Call Center loyale und qualifizierte Mitarbeiter, die für längere Zeit angestellt bleiben, suchen. 


In meiner Position als Berater, Psychologe und Sonderpädagoge, der enge Beziehungen zu Regierungsträgern besitzt, fand ich mich in einer Position wieder, in der ich tatsächlich etwas ändern kann, in der ich Dinge miteinander verbinden kann. Wenn man ein Alter erreicht, in dem man in der Lage ist, etwas für die Gesellschaft zu tun, darf man dies nicht einfach ignorieren.


Welche Dienste bietet «Call Yachol» seinen Kunden an?


«Call Yachol» bietet den Kunden Outsourcing-Dienste, in denen es schwierig ist, Mitarbeiter für längere Zeit an den Betrieb zu binden, wie es zum Beispiel bei Call Center der Fall ist. Darüber hinaus bieten wir den Kunden eine Mitarbeitersuche, welche an die Mitarbeiter angepasst ist, eine Anpassung an das Einarbeitungs-Programm des Kunden für seine Mitarbeiter mit körperlicher Behinderung, eine Einführung in das typische Umfeld des Arbeitgebers, sowie eine  Anpassung der gesamten Ausstattung am Arbeitsplatz – je nach körperlicher Behinderung. 



«Wenn man ein Alter erreicht, in dem man in der Lage ist, etwas für die Gesellschaft zu tun, darf man dies nicht einfach ignorieren.» Gil Winch, Gründer Call Yachol


Welches sind die Hauptvorteile, einerseits für die Angestellten von «Call Yachol», andererseits für Ihre Kunden?


«Call Yachol» bietet den Mitarbeitern zwei wesentliche Vorteile: Zum einen soll zwischen dem Management und dem Mitarbeiter ein besonderes Verhältnis entstehen, das Wärme und Spass an der Arbeit vermittelt. Wir versuchen, den angenehmsten Arbeitsplatz im Nahen Osten aufzubauen. Dabei sind wir immer bemüht, Spass an der Arbeit mit einzubeziehen. Sobald ein Mitarbeiter bei «Call Yachol» eingestellt wird, unternehmen wir alles, damit er bei seiner Arbeit erfolgreich sein wird, selbst wenn es mehr Zeit in Anspruch nehmen könnte.


Unsere Kunden haben den Vorteil, bessere und loyale Mitarbeiter zum gleichen Budget zu erhalten und gleichzeitig einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.


Wie viele Angestellte beschäftigen Sie derzeit?


Zurzeit sind es ungefähr 150 Mitarbeitende.


Wie viele Stunden pro Woche arbeiten die Angestellten?


Zwischen 20 Stunden pro Woche bis hin zu einer Vollzeitstelle.


Was können Sie uns über die Job-Anforderungen sagen?


Die Arbeitsplätze bei «Call Yachol» teilen sich in Verkauf und Dienstleistung auf. Die Arbeitsbedingungen im Dienstleistungssektor sind kompliziert, da wir Mobilfunkanbietern unsere Dienste für unterschiedliche Bereiche anbieten: wie beispielsweise für Programme, Geräte usw. Dies alles kann sich schnell ändern. Der Einarbeitungskurs dauert 2 Monate und ist relativ kompliziert. Wenn wir einen Mitarbeiter suchen, prüfen wir sowohl seine kognitiven Fähigkeiten als auch seine Fähigkeit, unter Stress arbeiten zu können. Daher nehmen wir nur einen von insgesamt sechs Bewerbern an.


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Was sind die Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Mitarbeitenden?


Unser Management-Team arbeitet sehr hart, da wir fordern, dass das Verhältnis zwischen dem Management und den Mitarbeitenden einem Eltern-Kind-Verhältnis gleich kommt. Das Management ist nicht nur für die Ergebnisse und Ziele des Mitarbeiters verantwortlich, sondern auch für sein Wohlbefinden innerhalb des Betriebs. Wir glauben, dass ein glücklicher Mitarbeiter ein guter Mitarbeiter ist und es ist die Aufgabe des Managements, darauf als Erstes zu achten. Über die allgemeinen Aufgaben des Managements hinaus erwarten wir auch die Ausführung einer Elternfunktion, was in einem Teil der Ausbildung, die sie von uns erhalten, verankert ist.


Wie werden die Mitarbeitenden ausgebildet, damit sie ihren Job so gut wie möglich erledigen können?


Der Einarbeitungskurs ist ziemlich lang. Er dauert 2 Monate, 7 Stunden täglich. Nach diesem Kurs befindet sich das Management jederzeit vor Ort und steht den Mitarbeitenden auch während der Arbeitszeit zur Seite. Bei uns sind mehr Manager als in anderen Call Centers eingestellt, damit den Mitarbeitern eine grössere Beachtung geschenkt wird und das Management eine grössere Präsenz besitzt. Darüber hinaus gibt es eine Organisationsberatungsfirma, die den Mitarbeitern und vor allem dem Management direkt dabei hilft, den Mitarbeitern behilflich zu sein und sich ihrer anzunehmen. Wir geben unseren Mitarbeitenden die Zeit, die sie brauchen. Wir sind bereits zufrieden, wenn wir nur eine kleine Besserung von Tag zu Tag oder von Woche zu Woche sehen.



«Wir glauben, dass ein glücklicher Mitarbeiter ein guter Mitarbeiter ist und es ist die Aufgabe des Managements, darauf als Erstes zu achten.»


Was sind die Reaktionen auf das Geschäftsmodell in Israel?


Die Reaktionen fallen sehr positiv aus. Wir haben so viele potenzielle Kunden, dass wir keine Vermarktungsfunktion benötigen. Die Vereine, mit denen wir arbeiten, sind mit uns sehr zufrieden, dies gilt ebenso für die Regierungsbüros und die relevanten Ministerien. Sie alle bestätigen und ermutigen uns in unserem Tun. Sobald aber von den Beamten der Regierungsbüros die Rede ist, treffen wir auf keine Sympathie, wir gehen ihnen sogar auf die Nerven.  Denn 85% unserer  Mitarbeiter waren arbeitslos, die Regierungsbürokratie hatte in der Arbeitsvermittlung dieser Personen keinen Erfolg. Wir sind dort erfolgreich, wo sie versagten.&


Erhalten Sie Unterstützung von anderen Unternehmen, Organisationen oder der Regierung?


Wir erhalten viel Ermutigung, Vorschläge und Unterstützungsangebote. So hinterliess uns zum Beispiel eine Firma, die ein Call Center verliess, ihre gesamte Ausrüstung, die sie nicht mehr benötigte. Ein Kunde erlaubt unseren Mitarbeitenden, seinen Transport mit zu benutzen. Ein anderer Kunde schickt unsere Mitarbeiter auf seine Kosten zu Ausflügen und Theateraufführungen, usw.


Wenn aber von der Regierung die Rede ist, sind uns die Minister und Geschäftsführer positiv gestimmt, die Beamten aber, wie bereits erwähnt, nicht. Da  «Call Yachol» ein gewerbliches Unternehmen ist und in Israel keine ähnliche Organisation besteht, gibt es auch kein  Regierungsbüro, das für unsere  finanzielle Unterstützung zuständig ist. Solch ein Verfahren gibt es nicht. Nur NGOs können  finanzielle Unterstützung von der Regierung erhalten, nicht  aber gewerbliche Unternehmen wie wir. Deswegen haben wir keine Finanzierung von der Regierung bekommen, obwohl wir der grösste Arbeitgeber für Personen mit Behinderungen in Israel sind.&


Was ist Ihre Vision für «Call Yachol»?


Das Ziel von «Call Yachol» ist, dass 10% aller Mitarbeitenden der Call Center in Europa, den USA und dem Rest der Welt, Mitarbeitende mit körperlichen Behinderungen sein werden. Wir möchten in Europa, Nordamerika und in den USA Filialen öffnen. Den Anfang machen wir in der Schweiz. Unsere Vision ist die Beschäftigung tausender Personen mit körperlichen Behinderungen in ganz Israel, eine technologische Entwicklung, die Personen mit schweren körperlichen Behinderungen ermöglicht, zu Hause zu arbeiten, und die Förderung weiterer Bereiche, in denen die Beschäftigung von Personen mit Behinderungen vorteilhaft ist. In der Stiftung «MyHandicap» sehen wir einen Partner für unsere Ziele und wünschen uns, mit ihr zusammen unsere Verbreitung in Europa zu verwirklichen.


Herr Winch, herzlichen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.





Zur Person:
Dr. Gil Winch hält einen Ph.D. in Psychologie an der Universität von Tel Aviv. Winch war als Berater für viele der grössten Unternehmen Israels tätig. 2001 gründete er «Tandem Consultants», welche zahlreichen Call Center im letzten Jahrzehnt beratend zur Seite standen. 2008 vewirklichte Winch seine Vision und gründete «Call Yachol»


Zum Unternehmen:
Die Integration oder Re-Integration von Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt ist in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus gerückt. Dabei geht es nicht nur um Tätigkeiten in geschützten Beschäftigungsstätten, sondern vor allem auch im offenen Arbeitsmarkt. In der Schweiz wurde mit der 5. IV-Revision das Schwergewicht auf die Eingliederungsmassnahmen ausgerichtet. Gleichzeitig wird die verbleibende Erwerbsfähigkeit genauer geprüft, bevor eine Rente zugesprochen wird. Mit frühzeitiger Erfassung, intensiverer Begleitung und aktiverer Mitwirkung sollen mehr Behinderte (teil-)erwerbstätig bleiben. Mit der Revision erhalten die Behinderten mehr Unterstützung, damit sie nach Möglichkeit erwerbstätig bleiben können und dadurch auch gesellschaftlich besser integriert sind.


Das israelische Unternehmen «Call Yachol» geht einen Schritt weiter: Das Call Center beschäftigt praktisch ausschliesslich Menschen mit einer Behinderung, ist aber allein im freien Markt tätig. Die Vision des Unternehmens ist es, dass in Zukunft 10 Prozent aller Mitarbeiter der Call Center weltweit Mitarbeiter mit körperlichen Behinderungen sein werden. Der Anfang der Expansion soll in der Schweiz gemacht werden, wo ein erstes Call Center nach dem Vorbild von «Call Yachol» geplant ist. Unterstützt wird das Projekt von der Stiftung «MyHandicap», die vom deutschen Internet-Unternehmer Joachim Schoss gegründet wurde und präsidiert wird, und deren Ehrenschirmherr der ehemalige US-Präsident Bill Clinton ist.

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