Greenpeace: «Ölindustrie beherrscht Unfälle in der Tiefsee nicht»

In unseren Interviewbeitrag nimmt Greenpeace-Experte Christian Bussau Stellung zur Ölkatastrophe im Golf von Mexiko.


Frage: Herr Bussau, was würden Sie BP-CEO Tony Hayward sagen, wenn Sie ihn jetzt vor sich hätten?


Christian Bussau: Es ist unverantwortlich, Öl und Gas in solchen Tiefen aus dem Meer zu holen, wenn man auf Unfälle nicht vorbereitet ist. Wenn etwas passiert muss Material zur Unfallbekämpfung parat sein und es müssen im Vorfeld Übungen für ein Worst Case Szenario durchgeführt werden.


Wie wirkt sich das weiter ausströmende Öl auf die Meereslebewesen im Golf von Mexiko aus?


Tote Vögel und Schildkröten sind nur der sichtbarste Teil der Katastrophe, das wirkliche Drama ist das Massensterben unter der Wasseroberfläche. Der Planktongürtel mit kleinen Krebsen, Quallen, Larven und kleinen Fischen stirbt ab oder wird geschädigt. Der Planktongürtel ist aber die Nahrungsgrundlage der grösseren Fische bis hin zu den Walen. Was mit den Lebewesen in der Tiefsee geschieht, können wir gar nicht wissen, weil dieser Lebensraum kaum erforscht ist. Der Abbau von abgesunkenem Öl durch Bakterien erfolgt mit Sicherheit sehr langsam, weil es in 1500 Metern Tiefe sehr kalt ist.


Was mit den Lebewesen in den Sumpflandschaften und den Flussarmen geschieht, wenn das Öl dort eindringt, kann man ebenfalls schwer vorhersagen. Sumpflandschaften und Mangrovenwälder kann man nicht reinigen wie einen Sandstrand. Wenn das Öl hier hereinschwappt, kann es Jahre dauern, bis sich die Tier- und Pflanzenwelt erholt.


Landen das Öl und die eingesetzten Chemikalien über die Nahrungskette letztlich auch beim Menschen?


Die eingesetzten Chemikalien sollen das Öl in kleine Tröpfchen auflösen und verhindern, dass es die Küsten erreicht. Gleichzeitig schaden die Chemikalien jedoch den Meerestieren. Muscheln filtrieren das Meerwasser und nehmen so die Schadstoffe auf. Sie werden von Krebsen gefressen, die wiederum Fischen als Nahrung dienen. Im Moment gibt es im Golf von Mexiko ein Fischereiverbot. Aber Biologen und Gesundheitsämter werden noch über Monate beobachten müssen, ob Fische, Garnelen und andere Meerestiere von Chemikalien und Ölrückständen belastet sind.


Wie gross ist die Gefahr, dass das Öl mit dem Golfstrom auch nach Europa kommt?


Dass das auslaufende Öl nach Europa kommt kann man ausschliessen. Die leichten Substanzen verdunsten, der Rest des Öls verdickt und verklumpt. Die Teerkügelchen sinken dann ab.


Auch in der Nordsee schwimmen 400 Öl- und Gasplattformen. Sind diese Plattformen ebenso gefährlich wie die «Deepwater Horizon»?


Unfälle passieren auch in der Nordsee. Nach offiziellen Angaben gibt es auf den Ölplattformen jedes Jahr mehrere hundert kleinere Unfälle. Doch schon im Normalbetrieb gelangt von den Nordsee-Plattformen jedes Jahr 10.000 Tonnen Öl ins Meer. Im Umkreis der Ölplattformen leben keine Schlangensterne und Muscheln mehr, doch die schleichende Verseuchung des Meeres durch die Ölplattformen ist noch viel zu wenig untersucht. Auch grössere Unfälle, bei denen tausende Tonnen Öl ausgelaufen sind, hat es schon gegeben und kann es wieder geben. Der entscheidende Unterschied ist, dass in der Nordsee in maximal 200 Meter Tiefe gebohrt wird. In dieser Tiefe können Lecks noch von Tauchern repariert werden. Das Problem ist jedoch, dass die flachen Meere weltweit zunehmend leergepumpt sind. Das treibt die Ölkonzerne in immer tiefere Tiefen und selbst in arktische Regionen. Das ist eine bedenkliche Situation, weil das Unfallrisiko steigt, je tiefer man geht.


Was soll die Ölindustrie Ihrer Meinung nach tun?


Sie muss erkennen, dass sie Unfälle in der Tiefsee nicht beherrscht und darf deswegen keine neuen Bohrlizenzen beantragen. Weil sie Tiefseebohrungen technisch nicht handeln kann, soll die Ölindustrie raus aus der Tiefsee. Der exzessive Ölkonsum ist ohnehin Teil des Klimaproblems. In Kopenhagen waren sich alle einig, dass die Energieproduktion aus Klimaschutzgründen radikal auf Erneuerbare Energien umgestellt werden muss. Die Konzerne sollen jetzt Gelder umlenken und in grosse regenerative Energieprojekte wie Desertec investieren. Wenn die Energiekonzerne mitziehen ist es möglich, die Energieproduktion bis 2050 zu hundert Prozent auf  Erneuerbare umzustellen. (greenpeace/mc/ps)

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