Kunsthaus Zürich: Edward Steichen – In High Fashion

Die 1920er- und 1930er-Jahre waren der Höhepunkt in Edward Steichens fotografischer Karriere. Unter den Arbeiten, die er für die Zeitschriften des Verlags Condé Nast schuf, finden sich einige seiner beeindruckendsten. Während dem das Kunsthaus Zürich Werke unter dem Thema «In High Fashion» präsentiert, zeigt das Musée de l’Elysée in Lausanne eine Gesamtübersicht über Steichens Schaffen unter dem Titel «Une épopée photographique».







Edward Steichen war als Maler und als Kunstfotograf beidseits des Atlantiks bereits ausserordentlich erfolgreich, als man ihm Anfang 1923 eine Stellung anbot, die zu den renommiertesten im Bereich der kommerziellen Fotografie zählte: die des Cheffotografen der beiden einflussreichen Magazine «Vogue» und «Vanity Fair» aus dem Hause Condé Nast. Unter Aufbietung jedes seiner aussergewöhnlichen Talente setzte Steichen in den folgenden fünfzehn Jahren die Kultur der damaligen Zeit und ihre herausragendsten
Vertreter aus Literatur, Journalismus, Tanz, Sport, Politik, Theater und Film, vor allem aber die Kreationen der Haute Couture, ins rechte Licht und schuf so ein grandioses ?uvre.

Keine aufgesetzten Floskeln
Anders als Man Ray und Erwin Blumenfeld, die beiden anderen Kunstfotografen, die ihre Talente in den Dienst der Mode und des Glamour stellten, verzichtet Steichen in seiner kommerziellen Fotografie auf avantgardistische Stilelemente: er entwickelt eine pragmatisch professionelle Bildsprache, die nie «arty» daherkommt und nicht mit avantgardistischen Stilmitteln zu glänzen versucht. Ebenso distanziert ist sein Umgang mit Elementen des Hollywood «Glamour Shot», des Filmstill oder dem erotisierten Starporträt des Broadway. Sein Stil ist der des weltmännisch, elegant unterkühlten Erotizismus des Art déco. Selbstbewusst setzt er bei Condé Nast durch, dass seine Arbeiten nur unter Zugabe seines Namens – als Autorenfotografie – publiziert werden dürfen.

Präzise Arbeit am Set
Technisch gesehen bedeutete die kommerzielle Fotografie für Steichen einen Neuanfang. Er erkannte, dass ein im Halbtonverfahren gedrucktes Foto eine andere Lichtgestaltung verlangt als ein gerahmter, an der Wand präsentierter Originalabzug. Die Verwendung von Kunstlicht wird zentral. Steichen kreiert einen Arbeitsprozess, der ähnlich einer Filmproduktion, von Beginn an ein grosses Team von Mitarbeitern involviert: von Bühnenbau und Ausleuchtung, dem Make-up und dem Styling bis zum Auskopieren der Prints, der Lithografie, der Retusche und der Integration der Bilder in ein Heftlayout.
Wozu der Aufwand? Seit ihren Anfängen in Paris hatte die Modefotografie das Kleid in den Mittelpunkt gerückt und die Modelle als «Schaufensterpuppen» eingesetzt. Steichen hingegen arrangiert Situationen, als wäre das Ziel das Porträt einer Persönlichkeit und ihres sozialen Status und als sei das Kleid dabei nur ein nebensächliches Attribut: Linien und Silhouetten der Modelle werden von Möbeln umfasst oder von Interieurs herausgestellt. Er komponiert bildnishaft, dekorativ verfremdend, schnappschussartig oder nüchtern realistisch.

«wie das Model, so das Kleid»
Seine Arbeitsweise liegt im Trend der allgemeinen Medienkultur, wo die Stars selbst im Mittelpunkt stehen. Wie der Star, so der Film ist die Devise im Filmmarketing, oder nach Steichen-Art – wie das Model, so das Kleid. Greta Garbo, Gloria Swanson, Gary Cooper oder Marlene Dietrich verkörpern selbst Schönheit, High Life und Luxus. Das strahlt aus. Steichen hebt den prinzipiellen, konzeptionellen Unterschied zwischen einem Porträt und einer Modefotografie auf. Er verwandelt Modefotografie in Porträtfotografie. Indem er auch bis dato anonyme Mannequins zu wieder erkennbaren Persönlichkeiten verwandelt, ebnet er den individualisierten Supermodels den Weg, wie wir sie in grosser Zahl erst seit den 1990er-Jahren kennen. 

Glamour der Individuen 
Von ihren Anfängen in Renaissance und Barock über die bürgerliche Porträteuphorie bis zur Salonmalerei des Art déco stellt die Malerei ein grenzenloses Repertoire an Mitteln der Glamourisierung von Individuen zur Verfügung. Steichen bedient sich dieser Formpotenzen, spielt mit einem grossen Fundus an Haltungen, Gesten und Kulissen. Der Einsatz von Kunstlicht erlöst ihn von der Verpflichtung auf deskriptive Präzision. Die deutliche Abbildung eines Kleids oder einer Person dominiert nicht länger den autonomen Bildwert der Aufnahme. Die Ausstellung zeigt Einzel-, Doppel- und Gruppenporträts in sämtlichen Varianten bewährter Porträtkunst. Darin sind auch Formen erkennbar, wie sie die Maler Edgar Degas und Edouard Manet in ihren Synthesen von Porträt und Stillleben oder Porträt und Interieur bereits erprobten.

Der Laufsteg im Museum
«Make Vogue a Louvre», Steichens Bemerkung zur Musealisierung der Mode erscheint heute selbstverständlich. Kunstmuseen von Weltrang haben ihre Säle für Modeschöpfer geöffnet. Indem Steichen die ephemeren Schöpfungen ernst nahm und ihren Geist in fotografische «Tableaux» bannte, ermöglichte er die Aufnahme der Mode(fotografie) in die Museen. 

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Musée de l’Elysée in Lausanne und der Foundation for the Exhibition of Photography, Minnesota. Sie umfasst in Zürich, unter dem Titel «Edward Steichen. In High Fashion», ca. 180 Originalabzüge. Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Verlag Hatje Cantz. Er enthält Beiträge der Kuratoren William A. Ewing, Todd Brandow, Nathalie Herschdorfer, Tobia Bezzola und Carol Squiers.

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