Kunsthaus Zürich: «Tracking Happiness»

In der Ausstellung «Tracking Happiness» reflektiert Mircea Cantor eine Gesellschaft, in der immer mehr persönliche Informationen gespeichert werden. Was Cantor fasziniert und was er auf subtile Weise aufdeckt, ist die Tatsache, dass trotz dieser sich stetig verdichtenden Registrierung aller Aktivitäten die digitalisierten Daten wenig dauerhafte Spuren hinterlassen. Kaum ein Brief der noch geschrieben oder aufgehoben wird und in Zukunft Aufschluss geben könnte, wie wir gelebt haben; E-Mails, SMS und die digital gespeicherte Informationsfülle können jederzeit ganz einfach per Knopfdruck gelöscht oder durch Systemwechsel in der IT unlesbar werden.


Neue Filme
Der Künstler spürt diesem vermeintlichen Paradoxon des dauernden Spurenaufzeichnens und -verwischens in einem speziell für die Ausstellung entstandenen Film nach. «Tracking Happiness» heisst diese neue Arbeit und gibt auch der Ausstellung ihren Titel. Das Video zeigt eine Gruppe weiss gekleideter Frauen, die auf feinem weissen Sand barfuss in verschiedenen Formationen hintereinander herspaziert. Die Spuren, die sie hinterlassen, werden jeweils von der nachfolgenden Person mit einem Reisigbesen wieder verwischt. Gleissend helles Licht lässt den sie umgebenden Raum in der Unendlichkeit aufgehen. Die Inszenierung hat etwas Mystisches, die Frauen erinnern an Engelsgestalten. Doch die ganz alltäglichen Besen in den Händen der Frauen brechen mit dieser Stimmung. Auch die dem Film unterlegte Tonspur (komponiert von Adrian Gagiu) erzeugt eine eher düstere Atmosphäre. Die Hoffnung auf Glück scheint sich mit jeder Wischbewegung des Besens in Luft aufzulösen. Immer und immer wieder wiederholt sich fast mantraartig das gleiche Bild. Es gibt aber doch feine Nuancen, die die Frauen und auch die Bildeinstellungen voneinander unterscheiden ? die Suche nach Glück gestaltet sich für alle gleich und doch jedes Mal individuell anders.


Eng mit diesem neuen Film verbunden ist die Arbeit «Angels and Satellites» von 2008 ? eine der wenigen Malereien von Mircea Cantor. Der Künstler dazu: «Es wird uns gesagt, dass es Engel gibt, die uns beschützen, genauso wie es Satelliten gibt, die uns überwachen, damit wir uns sicher und beschützt fühlen. Doch beides sehen wir nicht. In dieser fiktiven Malerei geht es darum zu zeigen, wie verschiedene Welten sich überlagern und wie Glauben und Tatsachen nebeneinander existieren.» Die im Jahr 2009 entstandene Arbeit «Ohne Titel (The New Times)» verweist mit einer feinen Geste zudem auf die Utopie einer neuen Zeit, in der das Glück vielleicht gefunden wird.


Das grosse Thema Freiheit
Eine weitere speziell für die Ausstellung entstandene Arbeit ist «Like Birds on a High Voltage Wire» (2009). In dem überdimensionierten Zählrahmen sind hunderte von Löffeln ganz unterschiedlicher Art auf Drahtseilen aufgespannt. Einige sind traditionell gefertigte rumänische Holzlöffel, andere aus Metall oder Silber. Am Boden liegen verstreut Weizenkörner. Mircea Cantor greift mit dieser Arbeit Themen wie Kontrolle, Freiheit und Migration auf. Viele Menschen verlassen ihre Heimat auf der Suche nach Glück und besserem Leben ? freiwillig oder nicht. Doch im Unterschied zu dem durch den Titel evozierten Bild von Vögeln auf einer Hochspannungsleitung, die frei über alle Grenzen wegfliegen können, sind beim Personenverkehr klare Grenzen gesetzt. Denn im Zuge der Globalisierung wurden Grenzen systematisch wieder aufgebaut und die Einreisebestimmungen in vielen Staaten erschwert. Die durchbohrten Löffel haben daher etwas durchaus Brutales ? genauso wie der Schnitt mit der Schere im neu fürs Kunsthaus geschaffenen Video «Vertical Attempt» (2009). «Vertical Attempt» dauert nur eine Sekunde. Doch trotzdem ist diese Arbeit für den Künstler «so dicht wie «Tracking Happiness». Der Junge, der den Strahl des Wassers abschneidet, ist für mich das perfekte Bild für die Versuchung, das Unmögliche zu erreichen ? es unterbricht das Zyklische der Idee des «Pantha Rei»



Like Birds sitting on a High Voltage Wire, 2009

Laufbahn des Künstlers und Künstlerbuch
Mircea Cantor arbeitet je nach Kontext mit unterschiedlichen Medien: von Film, Video, Foto über Objekte und Installationen bis hin zu eher ephemeren Erscheinungsformen wie Aktionen oder Zeitungsinseraten. Der 1977 in Rumänien geborene und heute in Paris arbeitende Künstler kann bereits auf eine eindrückliche Karriere zurückblicken. Er hatte Einzelausstellungen im Camden Arts Centre (London), im Centre Pompidou (Paris), wurde im Hirshhorn Museum Washington und dem Philadelphia Museum of Art ausgestellt und nahm an wichtigen internationalen Veranstaltungen wie der Berlin Biennale und der São Paolo Biennale teil.
  


1) Shadow for a while, 2007, 16mm-Film, s/w, 2?,
2)  No Title (The New Times), 2009

Das Kunsthaus Zürich zeigt die erste Einzelausstellung Mircea Cantors in der Schweiz. Sie wird von Mirjam Varadinis kuratiert, die den Künstler bereits für die Gruppenausstellung «Shifting Identities» 2008 ans Kunsthaus einlud. In Zusammenarbeit mit dem Städtischen Museum Abteiberg in Mönchengladbach und der Edition Bewegte Bilder ? einer Kooperation des Museums Abteiberg mit der Sammlung Rheingold ? entstehen die zwei neuen Videoarbeiten sowie ein Künstlerbuch. Dies erscheint im Kehrer Verlag, Heidelberg, und zeigt auf 224 Seiten eine Sammlung von Bildern, die den Künstler zu den im Kunsthaus gezeigten Arbeiten inspiriert haben. Dieser Einblick in das künstlerische Universum von Mircea Cantor nimmt die Idee des «Tracking» wieder auf, indem es die Spuren in Cantors eigenem Schaffen aufzeigt. Die Publikation wird voraussichtlich ab Mitte September am Kunsthaus-Shop erhältlich sein. Am 11. Oktober, 11 Uhr, findet eine Buchvernissage mit Künstlergespräch statt. (kh/Mc/th)

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