Martin Wittwer, CEO TUI Suisse

von Patrick Gunti


Herr Wittwer, die Reisebranche leidet stark unter der Wirtschaftskrise, was jetzt auch dazu geführt hat, dass bei der TUI-Veranstaltermarke Vögele Reisen bis auf weiteres Kurzarbeit eingeführt wird. Wie stark sind die Buchungen bei TUI Suisse gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen?


Aktuell liegt unser Buchungsstand unter Berücksichtigung aller Marken im Vergleich zum Vorjahr bei rund minus 15 Prozent.


Die Sommerferien stehen vor der Tür: Welche Segmente und Marken sind vom Buchungsrückgang stärker betroffen, welche weniger?


Im Plus liegt die Marke 1-2-FLY, welche mit einem garantierten Wechselkurs von 1.49 Schweizer Franken ihrem Motto «Bei diesen Preisen muss man reisen» treu bleibt. Bei den Individualreisen von Flex Travel bewegen wir uns auf Vorjahresniveau. Das Modulargeschäft ist durch die wirtschaftliche Entwicklung weniger stark betroffen als das Pauschalreisegeschäft. Individuelle Fernreisen werden eher gebucht.


Auch Angebote mit einem klaren Profil halten sich gut. Dazu gehören die TUI Beteiligungshotels wie ROBINSON Club. Bei diesen Häusern wissen die Kunden im Voraus, welche Leistungen sie erwarten. Kunden mit Spezialinteressen (Musik, Golfer, Taucher, Surfer etc.), aber auch Stammgäste von bestimmten Hotels oder Regionen sowie Reisende, die Freunde oder Verwandte besuchen, sind krisenresistenter. Ausserdem spielen All-Inclusive-Reisen in wirtschaftlich unsicheren Zeiten wegen der Budgetsicherheit eine wichtige Rolle. Typische All-Inclusive-Länder wie die Türkei oder die Karibik dürften davon profitieren. TUI hat ihr All-Inclusive-Angebot kräftig aufgestockt: Diesen Sommer sind es bereits über 50 Prozent aller Pauschalpakete im Mittelmeerraum.


Zudem stellen wir fest, dass Reisen zu nahegelegenen Zielen den Vorzug haben. Die Entscheidung für eine solche Reise kann ? da meist ohne Flug – kurzfristig gefällt werden.


Vom Buchungsrückgang eher betroffen ist das klassische Badeferiensegment. Auf der Flugmittelstrecke fehlen dieses Jahr die Familien. Diese verreisen dieses Jahr zum Beispiel tendenziell günstiger, wie mit 1-2-FLY, oder wählen ein Angebot mit Eigenanreise.


Wie hat sich das Buchungsverhalten verändert?


Die Reiselust wird durch die wirtschaftliche Situation beeinflusst. Die Konsumenten machen ihre Ferienentscheidung davon abhängig, ob sie sich Ferien leisten können oder in Anbetracht der konjunkturellen Aussichten Geld dafür ausgeben wollen. Wir sehen folgende Trends:


? Kurzfristig statt langfristig: Das kurzfristige Buchungsverhalten hält weiter an.

? Modular statt pauschal: Die Pauschalbucher – u.a. auch Familien – zögern ihre Buchungen hinaus; die Individualbucher realisieren ihre Wünsche.

? Nah statt fern, also z.B. Mallorca statt Malediven oder Tunesien statt Thailand. Die USA und andere Destinationen, welche wegen dem Wechselkurs wieder attraktiv geworden sind (Australien, Neuseeland) bilden die Ausnahmen.

? Eigen- statt Fluganreise: Ferien in den näher gelegenen Feriengebieten wie Frankreich, Deutschland, Italien, Kroatien, Spanien, welche sich für eine Eigenanreise eignen. Die Entscheidung für Reisen zu nahegelegenen Zielen kann kurzfristig gefällt werden.

? Bescheiden statt pompös: Das Preis-Leistungsverhältnis ist entscheidend.


«Auf der Flugmittelstrecke fehlen dieses Jahr die Familien. Diese verreisen dieses Jahr zum Beispiel tendenziell günstiger, wie mit 1-2-FLY, oder wählen ein Angebot mit Eigenanreise.»


Rechnen Sie noch mit Spätbuchern, die sich kurzfristig doch noch für Ferien entscheiden oder auf ein Schnäppchen aus sind?


Wir rechnen immer mit Spätbuchern. Eine gute Auslastung der Flugzeuge ist ökologisch sinnvoll und beeinflusst direkt unseren Ertrag. Es gibt immer Reisende, die sich bewusst kurzfristig entscheiden oder sich aus privaten oder beruflichen Gründen erst in letzter Minute entscheiden können. Familien entscheiden sich aus verständlichen Gründen in der Regel jedoch eher rechtzeitig und profitieren von den Frühbucherpreisen und Kinderrabatten.


Reisende, welche jedoch bezüglich Reisedaten, Ferienort, Hotelauswahl flexibel sind, finden immer ein günstiges Schnäppchen. Es kann vorkommen, dass das Wunschhotel am Traumstrand aber schon ausgebucht ist. Doch niemand muss auf Ferien verzichten.


Welche Destinationen liegen bei den bisher gebuchten Reisen für den Sommer im Trend?


Auf der Mittelstrecke sind das Ägypten, Griechenland, Spanien, Tunesien, Türkei und Zypern sowie auf der Fernstrecke Kanada und die USA. Bei den speziellen Reiseformen sind es Clubferien oder Tauchen.


TUI Suisse hat zuletzt alle Mittelmeer-Kataloge mit neuen Preislisten ausgestattet und die Preise bei 60’000 Angeboten gesenkt. Ist das nur der Anfang einer Preisschlacht zwischen den Reiseanbietern?


Unsere Kunden profitieren immer von marktgerechten Preisen und dem besten Preis-Leistungsverhältnis. Unsere Preise beobachten wir laufend und passen sie je nach Entwicklung der Nachfrage den Gegebenheiten an. Wir sind meist der erste Veranstalter, der mit seinen Angeboten auf dem Markt erscheint. Aus diesem Grunde arbeiten wir seit mehreren Saisons regulär mit mehreren Preislisten. Dank dieser Flexibilität profitieren unsere Kundinnen und Kunden laufend von attraktiven Preisen.


Für einzelne Kataloge der Marken TUI und 1-2-FLY, für ROBINSON- und MAGIC LIFE Clubs haben wir bereits im Juni den Verkauf für Reisen im kommenden Winter 2009/10 gestartet.

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TUI Suisse hat bereits letztes Jahr im Hinblick auf 2009 die Kapazitäten heruntergefahren. Sind damit Überkapazitäten ausgeschlossen?


Dieses Jahr liegen die Kapazitäten rund 15 Prozent unter dem Vorjahr. Wir kaufen seit Jahren bedarfsgerecht ein. Das Angebot richten wir konsequent auf die Nachfrage aus. Für uns ist die Auslastung entscheidend. Diese liegt auch dieses Jahr über 90 Prozent.


Lässt sich mit den Hotels und Airlines über weitere Senkungen der Preise verhandeln und wie schätzen Sie die Erfolgschancen ein?


Wir sind deshalb mit unseren Leistungs- und Hotelpartnern in Kontakt und geben allfällige Preisnachlässe direkt an die Kunden weiter. Die Preise für den nächsten Winter werden im Vergleich zum letzten Winter tendenziell sinken.


Rechnen Sie im Hinblick auf die Herbstsaison zumindest mit einer leichten Entspannung der Situation?


Die Reisedaten im Herbst sind bereits gut gebucht. Eine langsame Erholung erwarten wir das nächste Jahr.


«Auf fachkundige Mitarbeitende sind wir immer angewiesen. Aus diesem Grunde erachten wir zurzeit Kurzarbeit als sinnvolles, sozialverträgliches Instrument, um die wirtschaftliche Situation zu stabilisieren und Arbeitsplätze zu sichern.»


Für wie gross erachten Sie die Gefahr, dass die Kurzarbeit ausgeweitet werden muss oder sogar Entlassungen zum Thema werden, wie das bereits bei anderen Veranstaltern der Fall ist?


Seit dem letzten Spätsommer verfolgen wir den Reisemarkt und den Buchungseingang sehr aufmerksam. Das Buchungsverhalten hat sich deutlich verändert. Verlässliche Prognosen und damit die Personalplanung sind sehr schwierig geworden. Seit dem letzten Herbst ersetzten wir die Personalabgänge nicht mehr, bauen die aufgelaufene Überzeit und den Ferienbestand kontinuierlich ab und haben den Mitarbeitenden frühzeitig den Bezug von unbezahltem Urlaub angeboten, wobei wir beim Bezug von fünf Tagen einen zusätzlichen Ferientag offerieren.


Gemäss unserer Einschätzung erholt sich der Reisemarkt nur langsam und voraussichtlich erst im Verlaufe von 2010. Auf fachkundige Mitarbeitende sind wir immer angewiesen. Aus diesem Grunde erachten wir zurzeit Kurzarbeit als sinnvolles, sozialverträgliches Instrument, um die wirtschaftliche Situation zu stabilisieren und Arbeitsplätze zu sichern. Von rund 570 Mitarbeitenden arbeiten momentan rund zwei Dutzend Mitarbeitende reduziert.


Zum Schluss nochmals zurück zum Direktanbieter Vögele Reisen, der nicht nur darunter leidet, dass weniger Geld für Reisen ausgegeben wird, sondern auch unter der deutlich stärker gewordenen Konkurrenz. Wie beurteilen Sie die Situation im Direktverkauf in der Schweiz generell?


Vögele Reisen bleibt auch dieses Jahr der führende Direktverkäufer und der grösste Anbieter von begleiteten Erlebnis-Rundreisen in der Schweiz. Obwohl der Markt nicht gewachsen ist, sind in den letzten drei Jahren mehrere neue Mitbewerber in den Direktverkauf eingestiegen. Das hat einen harten Preiswettbewerb und einen Kampf um Marktanteile ausgelöst. Heute fischen mehr Reiseanbieter in einem See mit weniger Fischen.


Herr Wittwer, besten Dank für das Interview.





Zur Person:


Martin Wittwer (47) führt TUI Suisse seit 1999. Den Tourismus kennt er von der Pike auf. Als Leiter Sport/Animation in einem Hotel auf Sardinien stieg Wittwer in die Branche ein. Von 1985 bis 1999 war er bei Kuoni in verschiedenen Kaderfunktionen tätig. Vor seinem Wechsel zu TUI Suisse war er als Direktor für den Vertrieb zuständig. Wittwer engagiert sich für die Anliegen der Branche im Vorstand des Schweiz. Reisebüro-Verbandes (SRV), als Mitglied des Verwaltungsrates der Schweizer Reisekasse REKA und als Vizepräsident des Garantiefonds der Schweizer Reisebranche. Daneben vertritt er den Hauptsponsor TUI Suisse im Business Club des FC Zürich und als Stiftungsrat in der Laureus Foundation Switzerland. Anfang 2009 wurde der gebürtige Berner Oberländer als Persönlichkeit der Tourismusbranche mit dem «travel manager Personality Award» ausgezeichnet. Martin Wittwer ist verheiratet und hat zwei Kinder.



Zu TUI Suisse

TUI Suisse ist ein Unternehmen der TUI Travel PLC und der World of TUI mit den Veranstaltermarken TUI, Flex Travel, Vögele Reisen und 1-2-FLY. Exklusiv in der Schweiz vertreibt TUI Suisse die Angebote der führenden Clubmarken von ROBINSON Club und MAGIC LIFE Club sowie die Studien- und Erlebnisreisen der Marken Gebeco Länder erleben, Dr. Tigges und goXplore. Das Vertriebsnetz umfasst rund 70 eigene Reisebüros (TUI ReiseCenter und TUI Agence de voyages).

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