Nach geplatzter Übernahme: Yahoo! unter Druck – Microsoft auf Suche

Der in die Kritik geratene Yahoo!-Chef Jerry Yang sucht für weiteres Wachstum mit Hochdruck nach Bündnispartnern wie dem Suchmaschinen-Riesen Google. Unter Zugzwang ist aber auch Microsoft: Konzernchef Steve Ballmer will den Softwareriesen auch im Internet zur Nummer eins machen und braucht dafür nach seinem Misserfolg rasch vorzeigbare Ergebnisse. Statt Yahoo! nimmt er laut Experten für Übernahmen nun das Internet-Portal AOL und kleinere Web-Firmen ins Visier.


Yahoo!-Titel brechen ein
Die Yahoo!-Aktie brach am Montag zum US-Handelsstart um fast 20 Prozent auf knapp über 23 Dollar ein. Mehrere Banken senkten bereits ihre Einstufungen des Yahoo!-Papiers. Die Microsoft-Aktie profitierte dagegen von der Absage des Geschäfts, das die bei weitem teuerste Übernahme der Konzerngeschichte gewesen wäre. Der Titel gewann gut 2,5 Prozent auf rund 30 Dollar.


50 Milliarden Dollar verlangt
Der Windows-Konzern hatte am Wochenende zuletzt 33 Dollar je Yahoo!-Aktie geboten. Die Yahoo!-Spitze verlangte aber laut Microsoft mindestens 37 Dollar oder insgesamt weit über 50 Milliarden Dollar (32,4 Mrd Euro). Daraufhin zog Ballmer sein Angebot offiziell zurück. Mit dem Kauf wollte Microsoft die Dominanz des Rivalen Google bei Online-Suche und Internet-Werbung brechen. Google bleibt nun vorerst bei Suchanzeigen mit weitem Abstand Marktführer vor Yahoo! und Microsoft. Die Google-Aktie stieg um fast 2,5 Prozent auf über 595 Dollar.


Massiv verärgert
Das Angebot hätte für Yahoo!-Aktionäre einen Gewinn von mehr als 70 Prozent gegenüber dem Kurs vor der Offerte Ende Januar bedeutet. Grossinvestoren äusserten bereits massive Verärgerung über die Yahoo!-Führung. Eine Zustimmung wichtiger Anteilseigner zu einem Kaufpreis von etwa 35 Dollar wäre gut möglich gewesen, deutete der zweitgrösste Yahoo!-Anteilseigner, der Vermögensverwalter Legg Mason, in einem Interview der «New York Times» an. Sollten die Proteste bis zur in den nächsten Monaten anstehenden Hauptversammlung vehement zunehmen, könnte Yahoo! am Ende laut Analysten doch noch zu einem Geschäft mit Microsoft gezwungen werden.


Yahoo!-Management verklagt
Bereits vor dem Platzen der Übernahme hatten Aktionäre die Yahoo!-Führung wegen ihres Widerstands gegen den Kauf verklagt. Der erst im vergangenen Sommer in den Chefsessel zurückgekehrte Firmengründer Yang steht zudem wegen die Börse enttäuschender Ergebnisse unter Beschuss. Analysten halten auch die versprochenen künftigen Gewinne für unrealistisch. Yahoo! strich zuletzt Stellen. Vor der Microsoft-Offerte war der Yahoo!-Kurs binnen eines Jahres bereits um ein Drittel gefallen.


Kooperation mit Google
Seit gut zwei Wochen testet Yahoo! eine Kooperation mit Google bei Suchanzeigen. Eine Vereinbarung könnte noch diese Woche vertragsreif sein und Yahoo! Zusatzeinnahmen von rund einer Milliarde US-Dollar bringen, hiess es in US-Medien. Wettbewerbshüter könnten aber Bedenken anmelden, da die beiden etwa in den USA gemeinsam über 80 Prozent des Online-Werbemarktes beherrschen. Yahoo! spricht den Berichten zufolge zudem weiter mit dem angeschlagenen Internet-Portal AOL aus dem Time Warner-Konzern über eine Allianz.


AOL auf Microsofts Radar?
Auch Microsoft könnte sich laut Gerüchten für AOL interessieren. In einem Interview räumte Ballmer kürzlich ein, dass nur wenige Internet-Firmen die nötige Grösse hätten, um Microsofts Web-Geschäft mit einem Schlag den angestrebten grossen Schub zu geben. Als mögliche kleinere Übernahmekandidaten gelten aber auch relativ junge und daher günstige Internet-Gesellschaften. Microsoft benötigt laut Analysten dringend neue Wachstumsfelder. Chancen liegen dabei weit mehr im Web als im bisherigen Microsoft- Kerngeschäft mit Software. Der Windows-Konzern verkündete selbst erst kürzlich einen radikalen Strategieschwenk und erklärte das Internet zum künftigen Mittelpunkt. (awp/mc/ps)

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