René Probst, Hotel del Lago: Lieber eine falsche Entscheidung treffen, als gar keine

Moneycab: Herr Probst, der Tourismus im Tessin beklagt auf der einen Seite den Niedergang, auf der anderen Seite blüht die Luxushotellerie zum Beispiel im Eden Roc. Wo stehen Sie mit dem Dellago und wie sehen Sie die Zukunft im Tessin?

René Probst:
Das Dellago ist ein Mauerblümchen, das sich in eine kleine Nische krallt, sich dort relativ unbehelligt entfaltet und vielleicht auch eine Art Pionierrolle spielt. Wir versuchen ganz einfach das zu tun, was uns selbst auch gefallen würde und versuchen dabei die Limits der Liegenschaft und unsere beschränkte Finanzkraft ins Positive zu kehren und Tugenden daraus zu machen, statt den Kopf in den Sand zu stecken.

Touristisch hat die Region ein enormes Potential, allerdings nicht im klassischen Feriensegment, das gegen die internationale Konkurrenz praktisch chancenlos ist, sondern im Bereich qualitativ hoch stehender Kurztrips, Entspannungs-Shots sozusagen. Mit einer Branche, die auf Qualität, auf Originalität und auf Echtheit setzen würde, könnte das Tessin eine Art Mini-Cote d’Azure werden, wo man mal kurz für ein hochspannendes Weekend hingeht.

Die Ansätze zu dieser Entwicklung gibt es ja seit vielen Jahren mit all den Jazz- und Filmfestivals, den Märkten, den verkehrsbefreiten Promenaden, auf denen im Sommer die Post abgeht, den schönen Plätzen, den Boutiquen und Factory-Outlets, den erstklassigen Museen, den Ausstellungen, die ganz Lugano zu einer hochspannenden Kunstgallerie verwandeln, den Kunstsammlungen, der architektonischen Landmarks und der landschaftlichen Schönheit der Region: alles perfekt prädestiniert für intensive Kurztrips, nur die Hotellerie und Gastronomie hat?s noch nicht gemerkt.


«Jetzt nach vier Jahren sind wir im dunkelgrünen Bereich und haben ein Umsatzniveau erreicht, das in diesem Haus nicht einmal annähernd von irgend jemandem zuvor erreicht worden wäre.»  René Probst, Direktor Art Deco Hotel del Lago



Nach Auslandaufenthalten und der Viersternhotellerie haben Sie im Dellago ein neues Konzept gewählt. Persönlicher, lockerer, direkter. Wie kam diese Entwicklung zustande und was ist Ihnen heute wichtig?

Per Zufall und vor allem, weil ich die Nase gestrichen voll hatte für Investoren zu arbeiten, die Millionen in Hardware reinstecken, aber sofort sehr skeptisch und nervös werden, wenn es um Dienstleistung geht. Obwohl ich versucht hatte, mich der internationalen 4* Ferienwelt anzupassen, bewahrte ich mir wohl immer einen etwas schwierigen Eigensinn, der hier und da aneckte. Das Dellago war ein Versuch, aus diesem Dilemma auszubrechen und trotz sehr beschränkter finanzieller Mittel endlich das zu tun, was mir Spass macht und wo ich die Konsequenzen einer Entscheidung auch selber tragen musste. Obwohl das Haus sehr klein ist und ich hier viele organisatorischen Prinzipien eines grossen Hotels über Bord werfen musste, selber an die Spülmaschine steh und Tee serviere, ist die Lebenslust um ein vielfaches grösser, als sie es in meinen 15 vorherigen Jahren jemals war.

Das Dellago hat als 3-Stern Haus einen eigenen Stil und ein treues Publikum gefunden. Die Umsatzzahlen scheinen ebenfalls erfreulich zu sein. Wie sieht die Auslastung und die finanzielle Situation aus?

Wie es die Faustregel sagt; die ersten drei Jahre kämpft man einerseits um jeden Umsatzfranken, mit der Liquidität, mit den Lieferanten und den Debitoren, damit man irgendwie über die Runden kommt, andererseits muss gerade dann viel investiert, konsequent umgesetzt und entsprechend laut kommuniziert werden, ohne zu wissen, ob es wirklich klappt. Jetzt nach vier Jahren sind wir im dunkelgrünen Bereich und haben ein Umsatzniveau erreicht, das in diesem Haus nicht einmal annähernd von irgend jemandem zuvor erreicht worden wäre. Die Auslastung ist durch das Konzept und die sehr kurze Aufenthaltsdauer von durchschnittlich weniger als 2 Nächten nicht top, aber dafür ist das Restaurant im lokalen Markt mittlerweile bestens etabliert und macht mehr als 50% des Umsatzes. Steigerungen sind auf jeden Fall in beiden Bereichen noch drin.

Vielleicht muss man etwas wegkommen von der Idee, jedes Zimmer immer besetzt zu haben, weil dadurch die Verlockung Marketing über den Preis zu machen schon gross wird. Wir garantieren jedem Gast den selben Preis mit den selben Konditionen und nehmen dabei in Kauf, wenn wir dadurch ein Zimmer mal nicht verkaufen. Dadurch stimmt aber der Gäste-Mix und die Atmosphäre im Haus, was für unser kleines Ding langfristig überlebenswichtig ist.

Sie pflegen einen sehr kollegialen Führungsstil, eine flache Hierarchie und lassen Ihren Mitarbeitern viel eigenen Spielraum. Dies zieht vor allem auch junge Mitarbeiter an. Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern?

Dass sie das Gastwohl immer in den Vordergrund stellen und dass sie lieber eine falsche Entscheidung treffen, als gar keine. Dass sie ihre Lebenslust leben und auf die Gäste übertragen und dabei ihren Beruf so praktizieren können, wie sie es gerne würden. Klar, es gibt unmissverständliche Ziele, klare Richtlinien, Qualitätsstandards, eine durchs Band zu befolgende Unternehmenskultur und eine nicht in Frage zu stellende Corporate Identity, aber solange sie im besten Wissen nach diesen Parametern handeln, sollen sie sich bewegen.

Das Dellago liegt in der unmittelbaren Grenze zu Italien. Ist das ein Standortvorteil oder ein Wettbewerbsnachteil?

Keine Ahnung. Es ist klar, dass wir mit höheren Produktionskosten im Bereich Betriebsmittel, Energie, Miete und vor allem mit enorm überteuerten Warenkosten kalkulieren müssen, dort also zweifellos Wettbewerbsnachteile haben. Vorteile gibts klar bei den Löhnen und damit der Qualifikation der Mitarbeiter und den wesentlich einfacheren Strukturen bei Behörden, inklusive der Rechtssicherheit. Aber wenn ich sehe, wie viele Gäste wir auch aus Italien haben, glaube ich nicht, dass es wirklich eine Rolle spielt. Viel wichtiger ist, dass wir in dem was wir tun glaubwürdig bleiben, Eigen-Artig bleiben und unsere Persönlichkeit leben.


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Baulich sind Ihnen durch die Nachbargebäude die Strasse und den See enge Grenzen gesetzt. Wollen und können Sie an dieser Lage noch wachsen?

Wir müssen auf jeden Fall wachsen, weil das Dellago tatsächlich etwas zu klein ist, um z.B. für die Altersvorsorge für mich und meine beiden Geschäftspartner wirklich zu taugen. Wir suchen deshalb Dependancen in unmittelbarer Nachbarschaft, die wir qualitativ, materiell und im Bezug auf Design, Infrastruktur, Bäder, Raum etc. auf ein höheres, oder sagen wir zeitgemässeres Niveau bringen können, ohne damit aber die Basis des Dellago zu gefährden. Andere Möglichkeiten bestehen darin, dass wir zum Beispiel nach Lugano gehen und dort ein Gastronomiekonzept aufbauen, unabhängig vom Dellago. Wir werden sehen…

Das Dellago ist das ganze Jahr geöffnet, was im Tessin auch heute noch nicht üblich ist. Wie sieht es mit der Auslastung im Winter aus und mit welchen Angeboten bringen Sie die Leute nach Melide?

Bis jetzt waren November bis Februar nicht kostendeckend, aber über alles gerechnet trotzdem gewinnbringend, weil wir unsere Mitarbeiter halten, den lokalen Markt fürs Restaurant überzeugen und unsere Firmenkunden halten können, was mit einer Winterschliessung nicht oder nur sehr schwer möglich wäre. Andererseits dürften die Wintermonate dieses Jahr zum ersten mal den Break Even erreichen; also doppelter Gewinn, sozusagen.

Von den Angeboten her machen wir nicht viel anderes als im Sommer; wir halten es grundsätzlich mit der Devise, keep it simple & stupid. Die Weekends sind bei schönem Wetter meist sehr gut mit unserem Laze & Dine-Special mit Paaren ausgebucht und die Geschäftskunden sind auch im Winter regelmässig unterwegs.

Ihr Haus hat ein treues Publikum. Wie definieren Sie den typische Gast im Dellago, woher kommt er und was sucht er in Ihrem Hotel?

Es sind meist Menschen, die einen urbanen Lebensstil pflegen, sehr qualitätsorientiert sind aber wenig auf Klischees und steife Formalität geben. Unsere Geschäftskunden sind meist Leute aus der Fashionwelt, Pharma, Schmuck, Uhren und Kreative, die Weekenders praktisch ausschliesslich jüngere, kinderlose, bzw. ohne Kids reisende Paare, die sich zwei Tage lang ungestört tief in die Augen schauen, gut essen und entspannen wollen. Im Restaurant sind es ebenfalls die urban orientierten Schönen und Hippen aus Lugano und der Lombardei, viwlw Gäste aus der Finanzwelt, einige Mediziner, Juristen und Kreative, aber auch jüngere Kosmopoliten, die unseren lockeren, sehr direkten und persönlichen Stil schätzen.

Wenn Sie sich Ihr Traumhotel erstellen könnten, wie sähe das aus, was würden Sie anbieten und wo stünde dieses Haus?

Oh je. Sagen wir mal so. Für die nächsten Jahre hat das Dellago noch enormes Potential, um zu einem wirklichen Bijou zu werden und sich somit zu einer Art Traumhotel zu entwickeln. Fürs Alter könnte ich mir aber auch vorstellen, wieder nach Asien oder Ozeanien zurückzukehren und dort ein kleines, exklusives, luxuriöses Guesthouse mit ein paar wenigen Suites und einem erstklassigen Restaurant zu betreiben. Was sicher ist, es muss immer meinem persönlichen Charakter und meinem Gusto entsprechen, sonst wirds nix.

Sie haben zwei Wünsche frei, wie sehen diese aus?

Dass wir die Liegenschaft so schnell wie möglich kaufen können. Das reicht schon.





Der Gespräschspartner
Geboren am 1. April 1964 in Zürich.

Berufsausbildung:
1980-1983:Kochlehre in Zürich
1985: Kellnerkurs in Wildhaus
1986-1987: Hotelfachschule in Zürich

Weiterbildung:
Diverse Management und Führungskurse,
1990: Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklungsseminar SHV
1991: Strategisches Management und Zeitmanagement beim Josef Schmidt Kolleg, Bayreuth, Deutschland
1995-1996: Unternehmerseminar SHV

Berufliche Laufbahn:
1989-1992: Direktions-Assistent Restaurants Schloss Laufen
1993-1994: Vizedirektor, La Résèrve Club Hotel, **** Deluxe Projekt, Poste de Flacq, Mauritius.
1995-1996: Projektmanager, Park Hotel du Sauvage ****, Meiringen, Berner Oberland
1996-1999: Development- und General Manager, Residence Hotel **** Parco San Marco, Porlezza, Italien
Seit 2001: Art Deco Hotel del Lago

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