Stephan Wiederkehr, CEO Billag AG

von Patrick Gunti


Herr Wiederkehr, seit 10 Jahren treibt die Billag AG in der Schweiz die Radio- und Fernsehgebühren ein. Ist «Schwarzsehen» resp. «Schwarzhören» in der Schweiz überhaupt ein Thema?

Überall wo eine Pflicht besteht, gibt es auch Personen, die diese Pflicht zu umgehen suchen. Bedeutender ist aber der Kreis der Personen, die aus Unwissenheit die Gebühren nicht bezahlen. Diese sprechen wir in Informationskampagnen und via Mailings an.


Wie sind die Zahlen im europäischen Vergleich zu werten?

Die Zahl der «Schwarzhörer und -seher» ist in der Schweiz im europäischen Vergleich mit 5 %(TV) und 9 % (Radio) erfreulich tief.


Die ganz grosse Mehrheit der Radio- und Fernsehkonsumenten ist also angemeldet. Wie gelingt es Ihnen, diese Zahl auf diesem hohen Niveau zu halten?

Einerseits werden die Haushalte, die nicht bei uns gemeldet sind durch unseren Aussendienst besucht und über die Meldepflicht aufgeklärt. Andererseits erhalten wir Adressen seit kurzem auch von kantonalen und kommunalen Registern, die wir nach einem Abgleich mit unserer Datenbank für Mailings verwenden. Darüber hinaus sorgen wir aber vor allem durch eine hohe Kundenfreundlichkeit dafür, dass die vielen korrekt zahlenden Kunden «bei der Stange bleiben» und zum Beispiel Adressänderungen melden.


Immerhin hat die Billag seit 1999 über 460’000 Betreibungen eingeleitet. Zuvor konnten gar keine Betreibungen eingeleitet werden. Weshalb?

Bis Ende 1997 wurden die Empfangsgebühren zusammen mit den Telefongebühren in Rechnung gestellt. Wer nicht bezahlte, dem wurde früher oder später das Telefon abgestellt. Betreibungen waren somit gar nicht nötig. Am 1.1.1998 hat Billag das Inkasso von der PTT übernommen. Der Betreibungsdienst musste von Null aufgebaut werden.


Die Billag verfügt über ein hochentwickeltes System zur Massenabwicklung von Rechnungen, Mahnungen, Betreibungen etc. Über das Mandat zur Eintreibung der Radio- und TV-Gebühren hinaus – wo setzen Sie diese Infrastruktur sonst noch ein?

Neben dem Mandat zum Inkasso der Empfangsgebühren für Radio und Fernsehen im Auftrag des Bundes kassieren wir im Auftrag der SUISA auch die Urheberrechtsentschädigungen für die öffentliche Nutzung von audiovisuellen Inhalten ein.


Welche weiteren Ausbaupläne verfolgen Sie?

Wir sind offen für Mandate im Bereich einfach strukturierter Massenrechnungen. Dabei können wir von der Kundenakquisition und -betreuung (z.B. Call Center) bis zur Verlustscheinverwertung die komplette Dienstleistungspalette anbieten – und dies mindestens in allen Amtssprachen.


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Die Billag hat sich im letzten Jahr die Verlängerung des Mandats zur Eintreibung der Radio- und Fernsehgebühren bis ins Ende 2014 gesichert. Wie präsentiert sich die Konkurrenzsituation für Ihr Unternehmen?

Im Billing von Gebühren sind wir führend und haben mit unserer Erfahrung eben gerade im Bereich des Verwaltungsverfahrens eine Sonderstellung. Diese Kompetenz besitzt keine zweite Unternehmung in der Schweiz. Es gibt nur wenige Unternehmen, welche flächendeckend in der ganzen Schweiz Massen billen. Meist handelt es sich bei diesen Unternehmen aber nicht um ihr Kerngeschäft. Ein Beispiel sind die grossen Krankenkassen und Versicherungen. Oft lagern Betriebe auch einzelne Elemente der Billing-Dienstleistungspalette aus, z.B. das Call Center oder das Debitorenmanagement. Einzelne Bereiche unserer Dienstleistungspalette bieten jedoch auch andere Unternehmen an. Unsere Spezialität ist, alles aus einer Hand anbieten und damit eine durchgehend hohe Qualität über die gesamte Wertschöpfungskette sicherstellen zu können.


Billag hat im Jahr 1998 seine Standorte in Winterthur, Olten, Bern und Renens aufgegeben und ist seither in Freiburg beheimatet. Hat sich dieser Schritt gelohnt?

Auf jeden Fall. Die Zentralisierung brachte Synergien und machte einheitliche Prozesse möglich. Freiburg ist eine wachsende Universitätsstadt und liegt mitten auf der Sprachgrenze. Dies bietet uns ideale Rahmenbedingungen.


«Werden kommende Generationen wirklich den Fernseher durch den PC ersetzen? Ich glaube eher, dass es in den Haushalten einfach mehr Geräte geben wird, die aber miteinander verschmelzen.» (Stephan Wiederkehr, CEO Billag AG)


Die Zahl derjenigen, die heute Radio- und Fernsehprogramme nur über Internet konsumieren, ist noch klein, wird aber zweifellos wachsen. Welchen Herausforderungen sehen Sie sich in diesem Zusammenhang gegenüber?

In welche Richtung sich das Nutzungsverhalten entwickeln wird, lässt sich nicht so eindeutig sagen. Werden kommende Generationen wirklich den Fernseher durch den PC ersetzen? Ich glaube eher, dass es in den Haushalten einfach mehr Geräte geben wird, die aber miteinander verschmelzen. Ein schöner Flachbildschirm kann schon heute multifunktional zum Fernsehen, Gamen, Photos anschauen oder als Computeroberfläche genutzt werden. Studien zeigen, dass der Empfang über Internet zwar im steigen begriffen ist, sich aber auch das Nutzungsverhalten ändert: mehr und mehr wird vor allem das Fernsehen nicht mehr als Hauptbeschäftigung genutzt, sondern als eine von mehreren gleichzeitig laufenden Beschäftigungen. Die junge Generation nutzt das Fernsehen mehr und mehr begleitend wie bisher zum Beispiel das Radiohören am Arbeitsplatz oder beim Autofahren. Die Bereitschaft, dafür Gebühren zu bezahlen, nimmt mit dieser Entwicklung wohl eher ab als zu.


Zattoo oder Joost sorgen für eine breite Abdeckung von Fernsehprogrammen im Internet. Ist der entsprechende Konsum dieser Sendungen gebührenpflichtig, wenn sonst kein Radio- oder TV-Gerät im Haushalt ist?

Im Moment ist der Empfang von Fernsehen via Internet gebührenpflichtig, wenn dieser über einen Breitbandanschluss erfolgt und ein Abonnement mit einem entsprechenden Diensteanbieter besteht. Dieses letztere Kriterium dürfte auf Grund der technischen Entwicklung bald relativiert werden.


Herr Wiederkehr, besten Dank für die Beantwortung unserer Fragen.





Zur Person:
Stephan Wiederkehr ist 41 Jahre alt. Vor seiner beruflichen Karriere war der passionierte Taucher mehrfacher Schweizermeister im Squash. Vor seiner Ernennung zum Billag-CEO leitete er am Hauptsitz von Swisscom das Team Corporate & Financial Law und betreute für den Konzern zahlreiche M&A Projekte. Zuvor war er mehrere Jahre als Rechtskonsulent für den Ascom-Konzern und als Chief Administration Officer für ein Start-Up Unternehmen tätig. Neben dem Fürsprecherpatent erwarb Stephan Wiederkehr den Master im internationalen Wirtschaftsrecht an der Universität St. Gallen (MBL-HSG) und den Master of Business Administration der University of Rochester, N.Y. (MBA Rochester). 


Zum Unternehmen:
Im Auftrag des Bundes führt Billag seit 1998 das Inkasso der Radio- und Fernsehempfangsgebühren durch. Sie verschickt jährlich rund 12 Millionen Rechnungen an drei Millionen Haushalte und Betriebe in der Schweiz. Das Inkassovolumen beträgt rund 1.2 Milliarden Franken. Die Anzahl der Mahnungen beläuft sich auf eine Million jährlich. Zudem werden rund 60’000 Betreibungen eingeleitet. Der Sitz von Billag befindet sich in Freiburg. Sie beschäftigt rund 300 Mitarbeitende und wurde 1997 als 100-prozentige Tochtergesellschaft von Swisscom gegründet. Billag verfügt über ein hoch entwickeltes, spezialisiertes Know-how zur Massenabwicklung von Rechnungen. Zum Billag-Auftrag gehört auch die Information der Bevölkerung über die Melde- und Gebührenpflicht.

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