Studie: Zahlungsverzug erreicht neuen Negativrekord

Wie kräftig die Verschlechterung ausfiel, zeigt der Vergleich mit den Vorjahreszahlen. Im ersten Quartal 2008 bezahlten die Firmen ihre Rechnungen 14,8 Tage zu spät, wie das Beratungsunternehmen Dun & Bradstreet (D&B) in einer Mitteilung vom Montag schreibt. Demnach nahm innerhalb von nur zwölf Monaten der Zahlungsverzug um über 5 Tage zu. Besorgniserregend ist nicht nur der hohe Zahlungsverzug an sich, sondern insbesondere das Tempo der Verschlechterung. Denn gerade Letzteres ist nicht alleine auf den konjunkturellen Einbruch zurückzuführen.


Domino-Effekt 
Die rasche Verschlechterung des Zahlungsverhaltens innerhalb eines Jahres ist im Domino-Effekt begründet. Zahlen die Kunden des Unternehmen A ihre Rechnungen nicht mehr pünktlich, kann das Unternehmen A meist auch seinen Verpflichtungen gegenüber dem Unternehmen B nicht mehr fristgerecht nachkommen. Dies hat zur Folge, dass auch das Unternehmen B seine Verpflichtungen gegenüber dem Unternehmen C nicht mehr pünktlich erfüllen kann. Ein solcher Domino-Effekt, bei dem ein Unternehmen das andere in die Negativspirale hineinzieht, führt dazu, dass diese Negativspirale noch schneller dreht und der Zahlungsverzug überdurchschnittlich ansteigt.


Tessiner und Genfer Firmen schlechteste Zahler
Die Zahlungsmoral hat sich mit einer Ausnahme in allen Kantonen in den ersten vier Monaten dieses Jahres nochmals verschlechtert. Die positive Ausnahme ist der Kanton Schwyz. Die Schwyzer Firmen zahlen ihre Rechnungen im Schnitt 14,9 Tage zu spät ? genau gleich gut wie im vierten Quartal 2008. Die schlechtesten Zahler der Schweiz sind im Tessin und in Genf zu Hause. In Genf liegt der Zahlungsverzug mittlerweile bei 27,9 Tagen, im Tessin gar bei 32 Tagen.


Innerschweizer begleichen Rechnungen am pünklichsten
Überdurchschnittlich pünktlich zahlen im gesamtschweizerischen Vergleich die Zentralschweizer Firmen. Sie zahlten ihre Rechnungen in den ersten vier Monaten diesen Jahres im Schnitt «nur» 17,2 Tage nach Fälligkeit. Eine ähnlich gute Zahlungsmoral haben auch die Firmen in den übrigen Deutschschweizer Kantonen mit Ausnahme der beiden Basel, der Kantone Appenzell-Innerrhoden und Appenzell-Ausserrhoden sowie Glarus.


Abschwung erreicht Branchen unterschiedlich stark
Der Abschwung hat alle Branchen erfasst, aber nicht alle gleich stark. Überdurchschnittlich pünktlich zahlen nur noch drei Branchen: Die Informatikdienstleistungen, die Chemie- und Pharmaindustrie sowie die Präzisionsinstrumente- und Uhrenhersteller. An der Spitze stehen aktuell die IT-Dienstleistungs-Firmen mit einem Zahlungsverzug von 11,3 Tagen, gefolgt von den Chemie- und Pharmafirmen mit 11,4 Tagen und den Präzisionsinstrumente- und Uhrenherstellern mit 11,5 Tagen. In der Chemie- und Pharmaindustrie zeichnet sich eine geteilte Entwicklung ab; die Pharmaindustrie profitiert von der demografischen Entwicklung und den Fortschritten in der Medizinaltechnik, die auch in der Krise für Wachstum sorgen.


Uhrenherstellern leiden unter Exporteinbruch  
Dagegen leiden die Chemiefirmen unter den rückläufigen Exporten. Gut aufgestellt sind auch die Schweizer IT-Dienstleistungs-Firmen. Da sie relativ stark spezialisiert und nicht in der Hardwareherstellung und der Halbleiterindustrie tätig sind, spüren sie die Krise nur am Rande. Weniger gut sieht es bei den Uhrenherstellern aus; der Exporteinbruch fiel in den letzten Monaten deutlich stärker aus, als noch im Herbst des vergangenen Jahres angenommen. Da die Firmen aber in der Regel solide finanziert sind, bleibt die Zahlungsmoral trotz Krise relativ stabil.


Auto- und Transportgewerbe zahlt am Säumigsten
Die Liste der überdurchschnittlich schlechten Zahler wird immer länger. Am schlechtesten zahlte in den ersten vier Monaten diesen Jahres das Autogewerbe mit einem Verzug von 29,1 Tagen. Die Jahrhundertkrise trifft nicht nur die Hersteller, sondern auch das ganze Gewerbe bis hin zu den Occoasionshändlern. Profitieren können nun die Garagisten, die sich auf Reparaturen spezialisiert haben. Doch auch nur bedingt; denn die Konsumenten warten mit der Reparatur so lange wie möglich zu, erwarten dann eine «Billiglösung» und lassen sich am Ende beim Begleichen der Rechnung mehr Zeit, als den Garagisten lieb ist. Beim Transportgewerbe ist die Situation ähnlich. Der Zusammenbruch der Exportkonjunktur hat massive Überkapazitäten geschaffen, die durch die Binnennachfrage nicht kompensiert werden können. Dies hat zur Folge, dass der Umsatz einbricht und noch aggressiver um Aufträge gebuhlt wird. Deshalb mag es auch nicht erstaunen, dass das Transportgewerbe mit einem Zahlungsverzug von 27,5 Tagen zu den schlechtesten Zahlern gehört. (d&b/mc/ps)


Folgenschwerer Domino-Effekt
Die aktuelle Studie zum Zahlungsverhalten der Schweizer Firmen zeigt, dass immer mehr Firmen ihre Rechnungen erst nach der ersten oder zweiten Mahnung bezahlen. Viele Unternehmen sind vom folgenschweren Domino-Effekt betroffen. Durch die schleppende Zahlweise der eigenen Kunden wird die eigene Liquidität immer knapper mit der Folge, dass das Unternehmen meist auch seine eigenen Verpflichtungen nicht mehr pünktlich erfüllen kann. Der «Domino-Stein» kippt und bringt die anderen ebenfalls ins Kippen.


Massnahmen-Paket für D&B-Kunden
Ein Unternehmen wird nur dann nicht selbst zum Domino-Stein, wenn es das Risiko-Management der Krise anpasst. D&B hat deshalb für seine Kunden ein Massnahmen-Paket zusammengestellt, dass nachfolgende Handlungsempfehlungen beinhaltet: Erstens: bevor ein Lieferantenkredit an einen Neu- oder Bestandeskunden vergeben wird, muss die Bonität des Kunden geprüft werden. Zweitens: die Bonität der Stammkunden muss laufend überwacht und bei neuen Bestellungen erneut geprüft werden. Denn gerade in Krisenzeiten kann sich die finanzielle Situation eines Kunden rasch verändern. Drittens: bei der Vergabe von Bestell- und Kreditlimiten ist Vorsicht angebracht. Hohe Bestell- und Kreditlimiten bergen auch hohe Risiken in sich. Es ist deshalb zu empfehlen, gerade jetzt die Bestell- und Kreditlimiten bei Neukunden zu reduzieren und bei Stammkunden nur in Einzelfällen und nach eingehender Prüfung zu erhöhen. Viertens: das Mahnwesen muss straffer organisiert werden. Sobald ein Zahlungsverzug vorliegt, muss der Kunde am besten telefonisch und schriftlich gemahnt werden. Bei einem angemahnten Kunden sollten zudem die Bestell- und Kreditlimits angepasst werden. 

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