«Diskussion um Zuwanderung muss versachlicht werden»

Simonetta Sommaruga

Bundesrätin Simonetta Sommaruga.

Luzern – Unzweifelhaft basiert der wirtschaftliche Erfolg der Schweiz und Europa unter anderem auf der Zuwanderung. Und die Abhängigkeit wird aufgrund der Überalterung weiter zunehmen. Wie kann da die Politik den wachsenden Ängsten der Bevölkerung Rechnung tragen, ohne die wirtschaftliche Prosperität zu gefährden? Dieser Problematik widmete sich das 22. internationale Europa Forum Luzern die letzten zwei Tage.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga sprach zu Beginn der Tagung am Montag von der Bevölkerung, ihren Ängsten und ihrem Gefühl, vom raschen Wandel gewissermassen überrollt zu werden und den Entwicklungen hilflos ausgeliefert zu sein. Ausgelöst würde dies nicht zuletzt durch Zugewanderte, die hier lebten ohne eine Landessprache zu lernen oder eine Berufsbildung nachzuholen. Als Folge würden diese Migranten bei jeder Konjunkturschwäche jeweils als Erste in der Arbeitslosenversicherung, in der IV und in der Sozialhilfe landen. Dieser Teufelskreis müsse dringend durchbrochen werden, indem die Integration endlich als wichtiges Steuerungsinstrument der Zuwanderung verstanden – und auch entsprechend angewendet werde. In der abschliessenden Diskussion sprach sich Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt für eine Versachlichung der Diskussion aus. Unternehmer Ulrich Bettermann doppelte nach und forderte, dass auch Arbeitgeber die Sprachkompetenz der Mitarbeitenden verbessern müssten.

Arbeitsmarkt und Zuwanderung
Die Mitglieder der EU gehen verschiedene Wege, wenn es um die Zuwanderung geht. Schweden beispielsweise hat vor drei Jahren seine restriktiven Bestimmungen komplett verändert. So ist heute der Familienzuzug bereits ab dem ersten Tag möglich und eine Einbürgerung bereits im fünften Aufenthaltsjahr. Die Niederlande haben dagegen die Bestimmungen im letzten Jahr verschärft. Aktuell müssen beispielsweise zuziehende Familienmitglieder holländische Sprachkenntnisse aufweisen. In Europa wird beim Zuwanderer-Strom zwischen hochqualifizierten Arbeitskräften und niedrig qualifizierten Hilfskräften unterschieden. Der Mangel an Hochqualifizierten zwingt zur Akzeptanz von Zuzügern. Hingegen gibt es in den meisten Ländern genügend Arbeitnehmende, die wenig qualifiziert sind.

Globale Führung braucht globale Erfahrung
Unzweifelhaft nimmt der weltweite Wettbewerb um hochqualifiziertes und spezialisiertes Personal weiter zu. Das trifft viele international tätige Firmen aus Branchen wie Chemie, Finanzen, Maschinenindustrie, Med-Tech, Pharma wie auch wissenschaftlichen Lehranstalten wie ETH und Universitäten. Eine Begrenzung der Zuwanderung würde sich in diesem Bereich nicht nur für Grosskonzerne sondern auch für international tätige KMU fatal auswirken. Bereits heute rechne er für die Rekrutierung von Ingenieuren rund 18 Monate, erläuterte Arne C. Faisst, CEO von Mathis AG Bettlach. Einen hohen Service-Level und die Innovationsfähigkeit sei nur gewährleistet, wenn man die besten Fachkräfte engagieren könne. Das bedeute aber auch, dass man den Zuzügern und ihren Familien die Integration in die neue Umgebung vom Betrieb aus erleichtere. Gleichzeitig müsse aber auch die Ausbildung entsprechender Berufe im Inland vermehrt gefördert werden.

Weltweite Migration als Herausforderung
Rund 214 Millionen Menschen weltweit sind Migranten, davon leben ca. 70 Millionen in Europa. Die Herausforderung betrieffe sämtliche Industrienationen und sollte daher auch international gemeinsam angegangen werden, zeigte sich der Sonderbotschafter für internationale Migrationszusammenarbeit Eduard Gnesa, überzeugt. Einerseits müssten die Rahmenbedingungen für legale Migration verbessert, aber auch irreguläre Migration bekämpft werden. Die internationalen Bestrebungen richten sich unter anderem gegen das Abwerben von Hochqualifizierten, das sogenannte Brain Drain. Beispielweise rekrutiert England mangels eigener Fachkräfte in Afrika Ärzte und Krankenschwestern. Diese fehlen nun im eigenen Land und verzögern dessen Entwicklung. Ob all der wirtschaftlichen Interessen dürfe aber der Schutz von Flüchtlingen und Vertriebenen nicht vergessen werden. Dazu brauche es eine langfristige internationale Strategie sowie ernsthaften Dialog mit verschiedensten Partnern forderte Cécile Molinier vom UNDP Geneva Office. An der hochaktuellen Diskussion war auch der kürzlich getroffene Entscheid des Bundesrates, die Ventilklausel in Kraft zu setzen, ein Thema. Rund 250 Fachleute und über 1’000 Interessierte aus der ganzen Schweiz und dem grenznahen Ausland haben am 22. internationale Europa Forum Luzern Analysen und Lagebeurteilungen von Top-Experten aus dem In- und Ausland aus erster Hand erhalten. (Europa Forum/mc/ps)

Europa Forum Luzern

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