ENSI legt strengere Erdbebengefährdung für AKW-Standorte fest

Atomkraftwerk Mühleberg
Wird als erstes AKW stillgelegt: Kernkraftwerk Mühleberg. (Foto: BKW)

Auch das AKW Mühleberg, das 2019 stillgelegt werden soll, muss den Nachweis erbringen. (Foto: BKW)

Brugg AG – Die fünf Schweizer AKW müssen erneut nachweisen, dass ihre Anlagen einem extrem seltenen und starken Erdbeben standhalten würden. Das verlangt die Atomaufsichtsbehörde ENSI. Sie räumt den AKW-Betreibern auf deren Wunsch vier Jahre statt wie geplant zwei Jahre für die Nachweise ein.

Die entsprechenden Verfügungen wurden unter der Annahme von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen für jeden einzelnen AKW-Standort von Beznau AG, Leibstadt AG, Gösgen SO und Mühleberg BE erlassen. Das teilten Vertreter des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (ENSI) am Montag vor den Medien in Brugg AG mit.

In drei Etappen müssen die Betreiber bis zum Jahr 2020 die Nachweise erbringen. Man lege grossen Wert darauf, dass die umfangreichen Erdbebennachweise der AKW-Betreiber regelmässig aktualisiert würden, sagte ENSI-Direktor Hans Wanner. «Wir erwarten keine Überraschungen.»

Nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 seien in den Schweizer AKW bereits umfangreiche Nachrüstungen zur Verbesserung der Erdbebensicherheit vorgenommen worden. In einem Zwischenbericht hatten die AKW-Betreiber 2012 laut ENSI nachweisen können, dass ihre Anlagen ein Erdbeben, wie es sich einmal in 10’000 Jahren ereignen kann, beherrschen.

ENSI gibt den AKW-Betreibern nach
Für die neuen Nachweise mit strengeren und umfangreicheren Vorgaben haben die AKW-Betreiber vier Jahre Zeit. Das ENSI wollte den Betreibern zunächst eine Frist von zwei Jahren geben. Die Betreiber erreichten, dass sie nun mehr Zeit erhalten.

«Es gibt keinen Grund, unnötigen Termindruck auf die Betreiber zu machen», betonte Wanner. Den AKW-Betreibern war das rechtliche Gehör zu den Verfügungen bis Anfang Februar gewährt worden.

Die AKW-Betreiber müssen in der ersten Etappe bis Ende 2018 den Sicherheitsnachweis erneuern, den sie bereits nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima erbrachten. Sie müssen zeigen, dass das 10’000-jährliche Erdbeben unter Einhaltung einer Dosislimite von 100 Millisievert beherrscht wird.

Bis Mitte 2019 müssen sie die probalistische Sicherheitsanalyse aktualisieren. Damit soll das Risiko von Störfallen, welche die Auslegungen überschreiten, bestimmt werden. Schliesslich müssen die Betreiber bis Herbst 2020 nachweisen, auch ein 1000-jährliches Erdbeben mit einer Dosislimite von einem Millisievert zu beherrschen.

Das ENSI wird die eingereichten Nachweise der Betreiber prüfen und dazu Stellung nehmen. Die Aufsichtsbehörde kann Nachbesserungen verfügen. Es geht etwa darum, ob Generatoren und Kräne ausreichend stark verankert sind, um bei einem sehr starken Erdbeben nicht beschädigt werden zu können.

Auch AKW Mühleberg in der Pflicht
Auch das AKW Mühleberg, das 2019 stillgelegt werden soll, muss den Nachweis erbringen. Mühleberg bleibe nach der Einstellung des Leistungsbetriebs noch über Jahre eine Kernanlage mit einem Gefährdungspotential, hiess es. Die Nachweise nach der Stilllegung würden sich auf jene Systeme beschränken, die im Nachbetrieb noch benötigt würden.

Erdbebendaten führten zu Expertenstreit
Die Verfügungen und Gefährdungsannahmen basieren weitgehend auf einer Erdbebenstudie der AKW-Betreiber. Ende 2013 hatten die Betreiber den Schlussbericht ihrer Erdbebenstudie («Pegasos Refinement Project») beim ENSI eingereicht. Die Prüfung erwies sich als langwieriger als ursprünglich angenommen und es kam zu Verzögerungen.

Die Aufsichtsbehörde akzeptierte nämlich das Teilprojekt zu den seismischen Quellen nicht. Bei diesen Daten der Studie hätten «prozess- und fachtechnische Defizite» bestanden, sagte Ralph Schulz, Leiter des Fachbereichs Sicherheitsanalysen.

Die Resultate seien «teilweise nicht nachvollziehbar» gewesen. Dies habe zu einem Expertenstreit geführt. Daher wurden die nicht akzeptierten Angaben durch Daten und Modelle des Schweizerischen Erdbebendienstes (SED) ersetzt. «Unsere neuen Gefährdungsannahmen fallen somit strenger aus», hielt Schulz fest.

Ziel der gesamten Erdbebenstudie war gemäss ENSI eine Verfeinerung der Analysen des Pegasos-Projekts, das 2004 abgeschlossen worden war. Unter der Leitung der Dachorganisation der Schweizer AKW-Betreiber swissnuclear hatten Experten aus dem In- und Ausland in einem aufwändigen Prozess die Erdbebengefährdung für die AKW-Standorte neu analysiert.

Die Umweltorganisation Greenpeace forderte in einer Stellungnahme ein zügigeres Vorgehen. Das ENSI schütze mit der «Verzögerungstaktik» die AKW-Betreiber, welche Nachrüstungen auf die lange Bank schieben könnten. (awp/mc/upd/ps)

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