Frankenstärke: Tourismus meldet seine Bedürfnisse an

Hotel-Empfang

Bern – Nach der Ankündigung des 2-Milliarden-Hilfspakets hofft auch die Tourismus-Branche auf ein möglichst grosses Stück vom Kuchen – dazu gehören auch zahlreiche Massnahmen. Die Verteilung des Geldes dürfte indes eine Herkules-Aufgabe werden, sind sich Experten einig. Die Schwierigkeiten beginnen bei der Bestimmung der Betriebe, die Geld erhalten sollen, wie Urs Wagenseil, Professor für Tourismus an der Hochschule Luzern, der Nachrichtenagentur sda sagte.

Die Bedürfnisse seien unterschiedlich: Von der Schneesportschule in Davos bis zum Businesshotel in Zürich oder dem Campingplatz am Vierwaldstättersee gebe es eine riesige Bandbreite. Zudem litten nicht alle im gleichen Ausmass unter der Frankenstärke, hielt Wagenseil fest. Der Experte würde deshalb das Geld am liebsten den Verbänden der Branche zukommen lassen. «Diese wissen, wo das Geld am dringendsten gebraucht wird», sagte er.

«Nachfrageschock»
Einen anderen Vorschlag hat Christian Laesser, Professor für Tourismus an der Universität St. Gallen (HSG): «Man sollte die Schulden der Unternehmen zurückzahlen», hielt er im Gespräch mit der sda fest. Denn der währungsbedingte «Nachfrageschock» im Schweizer Tourismus könnte genau diejenigen Betriebe treffen, die Geld in die Qualität ihrer Hotels oder Restaurants investiert hätten. Im Interview mit der «Engadiner Post» erklärt Laesser, weshalb: «Mit dem Einbrechen der Nachfrage bekommen diese Hotels Mühe, die Zinsen zu zahlen und das Fremdkapital wieder abzubauen, sie schreiben rote Zahlen.» Dieser Mechanismus könne dazu führen, dass jene Hotels überlebten, die nicht investierten. Mit den Worten Laessers «jene, die man eigentlich gar nicht im Markt haben will».

«Zurzeit werden sehr viele Süppchen gekocht»

Wie Wagenseil konstatiert auch Laesser Schwierigkeiten bei der gerechten Verteilung des Geldes. «Unter dem Titel starker Franken werden zurzeit sehr viele Süppchen gekocht», sagte er in Anspielung auf die unzähligen Forderungen der verschiedenen Branchen und Unternehmen. Der Verband hotelleriesuisse forderte in einer Mitteilung unter anderem zusätzliche Marketingmittel für Schweiz Tourismus. So könne das Potenzial von aufstrebenden Märkten wie etwa Russland, Indien oder Lateinamerika ausgeschöpft werden. Diesen Vorschlag unterstützen die Tourismus-Experten.

«Diversifizierung des Marktportfolios»
Weil die Schweiz Gäste aus so vielen unterschiedlichen Regionen der Welt habe, müsse sie breiter werben als andere Destinationen, sagte Wagenseil. Das koste. Diese «Diversifizierung des Marktportfolios» lohne sich dennoch für die Schweiz, sagte Laesser. Denn Leute, die mit brasilianischem Real oder Indischer Rupie bezahlten, kämen auch in die Schweiz, wenn der Euro schwach sei. Nur auf die Gäste aus Übersee zu setzen, kommt für Urs Wagenseil nicht in Frage: «Gäste aus Holland oder Deutschland bleiben gerne auch mal zwei Wochen in der Schweiz», hielt er fest. Russen oder Inder hingegen besuchten die Schweiz meist nur kurz. Und die wichtigsten Kunden der inländischen Tourismusbranche seien immer noch die Schweizer selber, erinnerte Wagenseil. Da gelte es, Solidarität zu entfachen.

hotelleriesuisse fordert «griffige Massnahmen»
Solidarität erhofft sich die Branche auch von der Politik: Denn neben Geld brauche es nun vor allem «griffige Massnahmen», schreibt hotelleriesuisse. Der Verband denkt dabei an einen tieferen Mehrwertsteuersatz für die Beherbergung und Gastronomie ab 2012, an eine Öffnung des Fleischmarktes und eine «Schleifung der Kosten auf allen Ebenen». Mit letzterem meint der Verband unter anderem «eine konsequente Entbürokratisierung, Deregulierung und Öffnung der Märkte». Weiter brauche es Gespräche mit den Sozialpartnern. Ähnlich tönt es bei Schweiz Tourismus: Neben kurzfristigen Geldern müssten langfristig die Rahmenbedingungen für den Schweizer Tourismus verbessert werden, hiess es auf Anfrage. Etwa durch geringere Sozialabgaben oder einen tieferen Mehrwertsteuersatz. (awp/mc/ps)

Hochschule Luzern (HSLU)

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