Geberit läutet mit Grossakquisition in Skandinavien neue Ära ein

Albert Baehny

Geberit-CEO Albert Baehny. (Foto: Geberit)

Jona – Der Sanitärtechnikkonzern Geberit geht in Skandinavien auf Einkaufstour. Mit der angestrebten Vollübernahme der finnischen Sanitec für 1,3 Mrd CHF weitet Geberit die bisherige strategische Ausrichtung aus. Neu bietet Geberit auch Keramikprodukte im Badezimmer an.

Für die angestrebte Übernahme von Sanitec bietet Geberit 97 SEK je Sanitec-Aktien oder insgesamt 1,29 Mrd CHF. Dies entspreche einer Prämie von 54,6% gegenüber dem Schlusskurs von Sanitec an der schwedischen Börse in Stockholm am gestrigen Montag sowie einer Prämie von knapp 42% gegenüber dem Durchschnittskurs über die letzten 30 Handelstage, teilt Geberit am Dienstag mit. Gegenüber dem volumengewichteten Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate liegt die Prämie noch bei 29%. Mit der grössten je in der Firmengeschichte getätigten Übernahme kauft Geberit für den Kaufpreis von 1,29 Mrd CHF einen Umsatz von rund 860 Mio CHF zu, dies gemäss den für das Geschäftsjahr 2013 ausgewiesenen Zahlen von Sanitec. Gemessen an den 2,29 Mrd CHF von Geberit ergibt sich somit eine Steigerung von über 35%.

Sanitec-VR empfiehlt Angebot zur Annahme
Die unabhängigen Sanitec-Verwaltungsräte haben gemäss Geberit das Angebot einstimmig zur Annahme empfohlen. Überdies hätten sich die Grossaktionäre EQT mit einem Anteil von 20% an Sanitec und Zeres Capital mit 5,5% unwiderruflich dazu verpflichtet, das Angebot anzunehmen. Die Mitglieder des Sanitec-Verwaltungsrats, die gleichzeitig bei den genannten Grossaktionären Einsitz haben, dürften aus rechtlichen Gründen keine Empfehlung zum Angebot abgeben.

Die Übernahme wird vollständig durch eigene Mittel sowie durch neu aufzunehmende Schulden finanziert. Geberit hat dazu mit JP Morgen eine Kreditvereinbarung abgeschlossen. Für das Angebot gälten marktübliche Konditionen, darunter eine Annahmequote von über 90% der Aktien und die Genehmigung der zuständigen Kartellbehörden.

Strategische Ausweitung der Aktivitäten
Die Übernahme bedeute für Geberit eine «Erweiterung der bisherigen strategischen Ausrichtung», heisst es in der Mitteilung. Das künftige Produktangebot werde um den Bereich Sanitärkeramik ergänzt. Dadurch werde das technische Knowhow im Bereich Sanitärtechnik «hinter der Wand» mit der Designkompetenz «vor der Wand» vereint. Man freue sich auf die künftige Zusammenarbeit mit den Experten und Fachkräften von Sanitec, wodurch «beträchtliche Vorteile» aus dem Zusammenschluss ausgeschöpft werden sollen.

Sanitec ist in Finnland beheimatet und an der Nasdaq in Stockholm kotiert. Das Unternehmen mit 6’200 Mitarbeitern stellt Keramik-Produkte für Badezimmer im mittleren bis oberen Preissegment her. Sanitec hat in den ersten neun Monaten 2014 einen Umsatz von 533,3 Mio EUR oder von rund 644 Mio CHF erwirtschaftet, 1,6% weniger als im Vorjahreszeitraum, wie der Homepage des Unternehmens zu entnehmen ist. Der operative Gewinn wird mit 62,6 Mio beziffert und die entsprechende Marge mit 11,7%. Das sind 1,6 Prozentpunkte mehr als in 2013. Der adjustierte EBITDA belief sich auf 82,0 Mio EUR (+5,2%) oder auf 15,4% des Umsatzes.

Geberit-Präsident Albert Baehny läutet in seinem letzten vollen Jahr als CEO eine neue Ära ein. Mit der angekündigten Übernahme von Sanitec, einem skandinavischen Hersteller und Vertreiber von Badezimmer-Keramik, weitet Geberit das bisherige Geschäftsfeld deutlich aus. War früher der Bereich Keramik für Geberit praktisch tabu, so gilt dies nun nicht mehr. «Mit dieser Übernahme wird ein neues Unternehmen Geberit entstehen», erklärte Baehny, der im kommenden Jahr nach über 10 jähriger Tätigkeit als CEO von Christian Buhl in dieser Funktion abgelöst wird und sich danach auf das Präsidium des Verwaltungsrats konzentriert. «Die DNA des Unternehmens und die Kultur bleiben gleich, mit dem neuen Produktportfolio sind wir aber breiter aufgestellt und verfügen über grössere Wachstumschancen», so Baehny.

Kombinierter Netto-Umsatz von 2,9 Mrd CHF
Geberit beziffert in einer pro-forma-Berechnung basierend auf den Zahlen von 2013 und unter Ausklammerung von positiven Effekten aus dem Zusammengehen einen kombinierten Nettoumsatz von 2,9 Mrd CHF bei einem EBIT von knapp 600 Mio CHF, entsprechend einer EBIT-Marge von rund 21%. Der Reingewinn hätte bei knapp 500 Mio gelegen. Die von Geberit allein ausgewiesene EBIT-Marge für 2013 lag bei 22,3%, die Übernahme ist also leicht gewinnverwässernd.

«Diese Transaktion macht uns zum Marktführer für Sanitärprodukte und wird das Spektrum der von Geberit bearbeiteten Märkte erweitern», wird Geberit-CEO Albert Baehny in der Mitteilung zitiert. Der Zugang zu den Endkunden und die Präsenz in den Showrooms würden gestärkt. Dies sei entscheidend in jenen Märkten, wo die Endkunden die wichtigsten Entscheidungsträger seien.

In den vergangenen Jahren hatte das Geberit-Management stets betont, man wolle nicht im grossen Stil in den Keramikbereich für Badezimmer einsteigen, sondern sich auf das Geschäftsfeld «hinter der Wand» konzentrieren. Mit der Lancierung der Dusch-WCs unter der Marke Aquaclean vor einigen Jahren, mit Produkten wie Monolith oder den Betätigungsplatten für Toiletten sei man aber bereits in beschränktem Umfang «vor der Wand» tätig gewesen, so Baehny. Nun habe sich die Frage gestellt, ob dies halbherzig oder richtig gemacht werden soll und man habe sich deshalb zu diesem Schritt entschieden, erklärte der CEO den Gesinnungswandel. «Diese Transaktion macht uns zum Markführer für Sanitärprodukte und wird das Spektrum der von Geberit bearbeiteten Märkte erweitern.»

Die Produktepaletten der beiden Firmen würden sich ideal ergänzen, fügte er an. Sanitec vertreibe europaweit starke lokale Marken, wie beispielsweise Keramag oder Sphinx. Rund drei Viertel des Umsatzes macht Sanitec mit Badezimmer-Keramik, den Rest mit Ergänzungsprodukten wie Möbeln oder Duschen. Das Synergiepotential auf Stufe EBIT wird auf mindestens 45 Mio EUR bis 2018 beziffert. Potential sieht Baehny beispielsweise beim Vertrieb von Dusch-WCs, welche von den bestehenden Showräumen von Sanitec profitieren können. Insgesamt erhält Geberit mit Sanitec einen klar verbesserten Direktzugang zu den Endkunden.

Neue Finanzziele zu erwarten
Die alten Finanzziele, eine EBITDA-Marge von 23 bis 25% sowie ein Umsatzwachstum in lokalen Währungen von jährlich 4 bis 6%, verlieren ihre Gültigkeit. Zuerst müsse das neue Unternehmen integriert werden, danach würden neue Finanzziele formuliert, meinte dazu Baehny. Er verwies gleichzeitig darauf, dass Geberit bisher die Margen anhand des Bruttoumsatzes ausgewiesen habe, dass künftig aber auf den Nettoumsatz umgestellt werde.

Die Verwässerung der Marge ist nicht dramatisch. Auf pro Forma-Basis errechnete Geberit für die beiden kombinierten Unternehmen eine EBITDA-Marge von 27,4% im ersten Semester 2014. Baehny wies darauf hin, dass man als Branchenleader mit der besten Profitabilität keine Akquisition tätigen könne, ohne dass sich eine gewisse Verwässerung ergebe.

Die unabhängigen Sanitec-Verwaltungsräte haben das Angebot einstimmig zur Annahme empfohlen. Überdies haben sich zwei Grossaktionäre mit einem Anteil von insgesamt 25,5% bereits dazu verpflichtet, das Angebot anzunehmen. Die Übernahme wird vollständig durch eigene Mittel sowie durch neu aufzunehmende Schulden finanziert. Baehny hofft, dass die Transaktion bis im ersten Quartal 2015 abgeschlossen werden kann. An der Börse wird die Transaktion mehrheitlich positiv beurteilt. Die Aktie verzeichnet am frühen Nachmittag in einem schwachen Gesamtmarkt ein Plus von 1,3%.  (awp/mc/upd/ps/cs)

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