Claus Bornholt, Mitgründer und Partner Westhive, im Interview

Claus Bornholt
Claus Bornholt, Mitgründer und Partner Westhive. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Bornholt, Westhive stellt aktuell an verschiedenen Standorten rund 900 Coworking-Arbeitsplätze zur Verfügung. Wie viele von diesen waren/sind in den letzten zwei Monaten während der Coronakrise besetzt?

Claus Bornholt: Zum Höhepunkt der Coronakrise waren unsere Arbeitsplätze, wie wahrscheinlich in den meisten Schweizer Büros, nur sehr spärlich besetzt. Selbstverständlich gab es auch bei uns einige Members, die kontinuierlich an ihre Arbeitsplätze gekommen sind. Wir haben ihnen auch angeboten, die gesamte Fläche unserer Standorte zu nutzen, so dass das Social Distancing zu keinem Zeitpunkt ein Problem dargestellt hat.

Konnten Kunden akquiriert werden, die ihre Mitarbeitenden statt ins Home Office an einen anderen Ort geschickt haben?

Wir haben in der Tat während der Corona Krise einige Arbeitsplätze verkauft, die spezifisch für den Zweck der besseren Verteilung der Mitarbeiter gemietet worden. Man muss jedoch auch sagen, dass dies nicht die Regel war.

Hat es andererseits Kündigungen gegeben und wenn ja, wie kulant zeigt sich Westhive bei längerfristigen Verträgen?

Wir haben in der Zeit der Corona-Krise nur eine einzige Kündigung erhalten, und diese ist auch nicht direkt auf die Krise zurückzuführen. Ansonsten erweist sich unsere Kundenbasis erfreulicherweise als sehr stabil. In punkto Kulanz haben wir leider nicht sehr viel Spielraum, da auch wir unseren Verpflichtungen nachkommen müssen. Doch die meisten unserer Verträge sind ohnehin recht flexibel.

Die wichtigen Team Offices, Meeting & Event-Locations dürften verwaist gewesen sein?

Das ist richtig. Die Team Offices und Meeting Räume waren während der Wochen des Lockdowns kaum besetzt. Und natürlich konnten auch wir keine Events durchführen, und unser Gastronomiebetrieb durfte lediglich Take-away anbieten. Wobei wir – wenig überraschend – feststellen konnten, dass das Essen am Mittag auch in Corona-Zeiten durchaus ein Bedürfnis ist. So gesehen freuen wir uns, dass wir diejenigen, die auch während der Krise in ihren Büros gearbeitet haben, am Mittag weiterhin versorgen konnten.

Welche Anpassungen mussten an den verschiedenen Standorten vorgenommen werden, um die Vorgaben hinsichtlich Social Distancing oder Hygiene erfüllen zu können?

Wir haben sehr schnell ein ganzes Bündel von Massnahmen an allen unseren Standorten lanciert. Bereits früh haben wir begonnen, unsere Members in punkto Hygiene und Distanz zu sensibilisieren. Unser Facility Management bekam die Aufgabe, alle kritischen Kontaktpunkte wie Türgriffe oder die Knöpfe in Fahrstühlen mehrmals täglich zu desinfizieren.

Darüber hinaus bieten wir heute allen Members an, sich an unseren Standorten auf sämtliche nicht besetzten Plätze zu verteilen, so dass wir, wahrscheinlich besser als viele andere Büros, ein hohes Mass an sozialer Distanz gewährleisten können. Für Meetings gewähren wir einen substantiellen Rabatt auf die grossen Sitzungszimmer, und für den Fall, dass die Distanz einmal nicht eingehalten werden kann, bieten wir unseren Members auch Masken an.

Stellt sich nun die Frage, ob aus der Krise ein grosser Schub für Coworking-Anbieter wie Westhive entsteht. Glauben Sie, dass neben Startups nun auch mehr grössere Unternehmen die Vorteile des „flexibleren Büros“ erkennen?

„Wir gehen davon aus, dass die Krise einem flexibleren Büroflächen-Modell auf mittlere Sicht einen zusätzlichen Wachstumsschub in der Schweiz bescheren wird.“
Claus Bornholt, Mitgründer und Partner Westhive

Wir sind überzeugt, dass die Krise vor allem zwei Dinge sehr deutlich gezeigt hat. Erstens: eine langfristige Prognose des Büroflächenbedarf ist für fast alle Unternehmen sehr schwierig. Man hat immer entweder zu viel oder zu wenig Platz. Und zweitens: neben einigen Vorreitern haben nun auch viele andere Unternehmen gemerkt, dass effizientes und produktives Arbeiten durchaus auch aus dem Home-Office oder anderen flexiblen Situationen heraus möglich ist. Die Antwort lautet daher: Ja! Wir gehen davon aus, dass die Krise einem flexibleren Büroflächen-Modell auf mittlere Sicht einen zusätzlichen Wachstumsschub in der Schweiz bescheren wird.

GDI-Forscher Stefan Breit sagt zur Zukunft der Arbeit: „Remote wird neu zum Standard, on-site zur Ausnahme.“ Schliessen Sie sich dieser Einschätzung an?

Wir schätzen die Prognosen des GDI grundsätzlich sehr, und natürlich benötigt man für eine im Kern sehr komplexe These eine griffige Formel. Ich denke, dass es letztlich sehr auf die Form der Arbeit ankommt, die man zu erledigen hat. So kann wahrscheinlich ein Journalist sehr gut einen Artikel auch im Home-Office recherchieren und verfassen, eventuell sogar besser als im Büro, wo, wie wir alle wissen, auch viele Ablenkungen lauern. Wenn es jedoch darum geht, im Team neue Ideen zu generieren, ist eine Videokonferenz nicht die beste Methode. Dies hat übrigens eine gfs-Studie soeben bestätigt.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Die Distanz, die „Remote“ mit sich bringt, funktioniert nur dann, wenn sie als Ergänzung zum Miteinander praktiziert wird. Ein Unternehmen, welches ja im Kern vor allem eine gemeinsame Unternehmung ist, braucht immer auch einen Ort, an welchem sich diese Gemeinsamkeit manifestiert.

Hinter den neuen, innovativen Arbeitsformen lauert eine tiefgreifende, weltweite Rezession. Wie belastbar ist das Geschäftsmodell bei hoher Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und Konkursen?

Darf ich das ausnahmsweise mit einer Gegenfrage beantworten? Welches Geschäftsmodell ist denn bei hoher Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und Konkursen langfristig belastbar? Aber ernsthaft: Uns ist bewusst, dass dem Modell von flexibel mietbaren Büroflächen stets nachgesagt wird, es sei extrem konjunkturabhängig. Aber das stimmt nur bedingt. Wir sind überzeugt, dass das Angebot von „Space-as-a-Service“, also Büroflächen, die ein Unternehmen nicht selbst betreibt, sondern in Verbindung mit einer Reihe von Services schlüsselfertig und flexibel als Dienstleistung bezieht, letztlich die bessere und übrigens auch günstigere Variante der Büromiete ist. Wir sprechen darum auch nicht mehr so gerne von Coworking, da dies häufig eine reine Startup- und Community-Konnotation hat. Der grösste Teil unserer Kunden sind etablierte Unternehmen und KMUs, die ihren Firmensitz bei uns haben. Und diesen benötigt man auch in Krisenzeiten. Die geringe Anzahl an Kündigungen während der Corona-Pandemie bestätigt dies.

Und letztlich: Stellen wir doch die Frage einmal andersherum. Würde ein Unternehmen in volatilen Zeiten lieber einen 10-Jahresvertrag für eine Geschäftsimmobilie unterzeichnen? Oder lieber flexibel bleiben?

„Ein Unternehmen, welches ja im Kern vor allem eine gemeinsame Unternehmung ist, braucht immer auch einen Ort, an welchem sich diese Gemeinsamkeit manifestiert.“

Die Antwort liegt auf der Hand. Nun hat Westhive eine Finanzierungsrunde erfolgreich abgeschlossen und treibt die Expansion weiter voran. So soll die Zahl der Standorte verdoppelt werden. Welche Zentren stehen dabei im Fokus?

Wir fokussieren aktuell auf die urbanen Zentren der Schweiz. Momentan befinden sich unsere Standorte an sehr guten Lagen in Zürich und Basel. Dazu sind wir weit fortgeschritten in Diskussionen für Genf, Lausanne, St. Gallen und Zug sowie für weitere Locations in Zürich.

Coworking „auf dem Land“ – oder sagen wir in ländlicheren Gegenden – ist für Sie kein Thema?

Eine spannende Frage, welche ja insbesondere im Hinblick auf Nachhaltigkeit und die künftigen Pendlerströme diskutiert wird. Und der Gedanke ist ja durchaus bestechend. Coworking in ländlicheren Gegenden als „best of both worlds“: ein professionell ausgestatteter Arbeitsplatz, nicht zu Hause aber trotzdem mit kurzer Anreise und zusammen mit anderen Menschen, also nicht isoliert oder einsam.

Dies hat sicher seine Berechtigung, aber unser Fokus ist ein anderer. Warum? Zum einen erleben wir eine Re-Urbanisierung. Junge (Hoch-)Schulabsolventen bleiben in den Städten und besitzen häufig kein Auto. Um sie als Mitarbeitende zu gewinnen, benötigen Unternehmen attraktive Standorte in urbanen Zentren. Wir haben viele Kunden, die bewusst deswegen bei uns Offices mieten. Ausserdem benötigt „Shared Infrastructure“ eine kritische Masse, welche für Coworking Spaces auf dem Land viel schwieriger zu erreichen ist. Grosse Sitzungszimmer, Event-Locations, Gastronomie und viele weitere Services lassen sich nur effizient betreiben, wenn es eine ausreichende Anzahl an Kunden gibt.

„Es hat noch sehr viel Potential, und wir denken, dass unser Angebot heute eines der Besten im Markt ist.“

Neben Westhive bauen auch andere Anbieter ihr Angebot aus oder planen entsprechende Schritte. Von welchem Potenzial für die Schweiz gehen Sie bei Westhive aus?

Der Flex-Office Markt wächst kontinuierlich. In grossen europäischen Städten wie Amsterdam oder London beträgt der Anteil an flexiblen Büroflächen bereits über 6 Prozent. In der Schweiz stehen wir aktuell bei rund 1 Prozent. Diese Zahlen sprechen für sich. Natürlich wissen wir nicht, über wieviel Prozent wir letztlich reden. Aber ich will es mal so sagen: es hat noch sehr viel Potential, und wir denken, dass unser Angebot heute eines der Besten im Markt ist.

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