Christina Kuenzle: „Für Vision und Purpose braucht es Freiheitsgrade“

Christina Kuenzle
Christina Kuenzle

Es ist die gefürchtetste aller Fragen: «What’s the purpose behind our mission?» Wenn sie gut geklärt ist, sind Mitarbeitende nachhaltig engagierter, ist das Kundenerlebnis ein anderes und wird die Kundenbindung gesteigert. Und es hat einen positiven Effekt auf die Erfolgsrechnung. Für diese Klärung haben Christian Haas und Christina Kuenzle das Netzwerk «Urban Gurus» gegründet. Im Interview eräutert die erfahrene Executive und Business-Coach Christina Kuenzle die Hintergründe.

Von Markus Baumgartner

Das oberste Prinzip in den Business-Clubs heisst: Nutze deine Kontakte. Früher nannte man das Vetternwirtschaft, heute Networking. Wann sind Kontakte wertvoll?

Christina Kuenzle: Man kann das auch Sozialkapital nennen. Networking hat mit Vetternwirtschaft nicht viel zu tun. In einer vernetzten Welt ist es wichtig, Kontakte in den verschiedenen Netzen zu haben. So finden wir Gleichgesinnte, Freunde und Mitstreiter. «Der Starke ist am stärksten allein» ist völlig überholt und wurde von der Forschung dutzendfach widerlegt. Wir Menschen sind gemeinschaftsorientiert, lernen voneinander und wachsen aneinander. Netzwerke bekommen nur dann einen schlechten Ruf, wenn sie willkürlich begünstigen und diskriminieren. Das muss nicht sein.

Was bringen Netzwerke tatsächlich?

Leider ist das oft die erste Überlegung. Wir könnten uns auch fragen: «Was bringen wir dem Netzwerk?» Netzwerke sind Organismen. Sie hängen von dem ab, was ihre Mitglieder einbringen. Wer viel bringt, der kriegt auch viel…. Wichtig ist, dass wir in den für uns richtigen Netzwerken sind und nicht einfach in irgendwelchen. Das «give and take» ist ein Grundgesetz in jedem Netzwerk, sonst zerfällt es. «Net-takers» sind nirgendwo gerne gesehen und schon gar nicht in Netzwerken.

Beim Networking wird gerne von Nutzen gesprochen. Sehen Sie auch Gefahren?

Ja, natürlich. Wenn das Netzwerk «um zu» gebraucht und genutzt wird, dann sind da Menschen drin, die nicht hineingehören. Das macht ein Netzwerk unattraktiv. Wir suchen ja tendenziell immer nach attraktiveren, machtvolleren und erfolgreicheren Kontakten, die uns nützen könnten. Menschen sind aber keine Nutztiere und niemand will einfach genutzt werden. Wer allzu sehr auf seine Kontakte vertraut und nur im Netzwerk operiert, riskiert zudem seine Glaubwürdigkeit und findet oft nicht die beste Lösung. Ausserdem sind Netzwerke ein Ort, wo Beziehungen und Freundschaften gepflegt werden, wo man einander unterstützt und fördert. Das Geschäftemachen unter Freunden ist heikel, weil die Beziehung leidet, wenn das Geschäft nicht klappt. Das kann dann im Netzwerk zu Konflikten und ungewollten Austritten führen. Also Vorsicht mit dem Vermischen!

Welche Bedeutung haben im Vergleich die Online-Clubs mit mehreren tausend Mitgliedern?

Persönlich glaube ich nicht an Online-Clubs. Das sind für mich einfach Knotenpunkte und Informationsplattformen. Freundschaften und Beziehungen werden mit Zeit und Präsenz aufgebaut; das geht einfach nicht mit Tausenden von Menschen.

Was macht «Urban Gurus» im Angebot der Netzwerke einmalig?

Urban Gurus ist «the executives’ network for conscious leadership». Das macht es speziell, denn es geht genau darum: als Top-Führungskraft aus dem höchsten Bewusstsein heraus zu agieren. Das heisst, unsere Mitglieder arbeiten kontinuierlich an der Klarheit ihrer Vision (dem, was sie ultimativ wollen), ihrem Purpose (für was sie stehen) und an ihrer Legacy (dem, was sie der Umwelt und den Menschen in ihrem Umfeld geben wollen). Dafür organisieren wir Retreats in kleinen Gruppen von maximal zwölf Mitgliedern sowie Summits, an welchen sich die Urban Gurus wiedersehen und Spass haben können.

Dazu kommen Intervisionen, an denen an konkreten Themen der Mitglieder gearbeitet wird. Dass dabei Vertraulichkeit oberstes Gesetz ist, versteht sich von selbst. Um seine Vision und seinen Purpose leben zu können braucht es gewisse Freiheitsgrade und den Bezug zu einer konkreten Aufgabe. Deshalb sprechen wir dezidiert obere und oberste Führungskräfte und Unternehmer an. Das «Urban Gurus»-Netzwerk soll ein Ort sein, wo alle frei atmen können und nicht ständig aufpassen müssen, was sie sagen. Diskretion, Authentizität und Vertrauen werden gross geschrieben, nur so funktioniert’s auch.

Was braucht es, um Mitglied zu werden?

Den Kriterien zu entsprechen, die wir zugrunde legen. Man kann sich auch bewerben, aber meistens werden Menschen von existierenden Mitgliedern angesprochen. Das Netzwerk ist stark am Wachsen. Es ist wichtig, dass der Spirit beibehalten wird.

Zur Person
Christina Kuenzle ist Executive und Business-Coach. Sie hält einen BA in Wirtschaft, einen MBA von INSEAD und einen MS in «Coaching & Consulting for Change» der Haute Ecole Commerciale (HEC), Paris. Zuvor war sie als Mitglied der Konzernleitung der Sulzer AG für die Konzernentwicklung zuständig. 

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