Nachhaltigkeit ist kein ESG-Rating mehr – sie wird zum Betriebssystem der Finanzmärkte
Zürich – ESG ist gescheitert, weil die Scores nur Ratings, aber keine Erkenntnis erzeugen. Nachhaltigkeitsdaten müssen einen materiellen Beitrag zum Risikomanagement und zur Vorhersage zukünftiger Kursentwicklungen leisten. Die eigentliche Revolution beginnt dort, wo Sustainable Finance mit quantitativen Investmentmodellen verschmilzt. Das unterstreichen nun zwei wissenschaftliche Bücher, die ausschliesslich von Frauen geschrieben wurden.
Mit der Veröffentlichung der neuen Springer-Bände Sustainable Asset Management und Sustainable Wealth Management verdichtet sich eine Entwicklung, die die Finanzindustrie lange verdrängt hat: «Sustainable Finance ist nicht länger ein Nischenthema für Idealisten oder regulatorische Compliance-Abteilungen. Es entwickelt sich zum Innovationsmotor moderner Kapitalmärkte. Beide Publikationen sind ausschliesslich von Frauen geschrieben – Frauen aus der Wealth Management und der Asset Management Industrie», erklären die beiden Herausgeberinnen Dr. Marta Ra und Dr. Karen Wendt.
Besonders deutlich wird das im Beitrag von Rosa Sangiorgio von RSG Impact Investing in Sustainable Asset Management “The Role of Extra-Financial Data in Shaping a New Investment Landscape” (Die Rolle nichtfinanzieller Daten bei der Gestaltung einer neuen Investitionslandschaft). Ihre Analyse trifft einen Nerv der Branche – denn sie stellt eine der gefährlichsten Grundannahmen klassischer Finanzmodelle infrage: die Idee, dass die Zukunft im Wesentlichen wie die Vergangenheit aussehen wird. Genau darauf basieren jedoch viele traditionelle Investmentansätze. Historische Datenreihen, Vergangenheitsvolatilitäten und alte Korrelationen bilden bis heute das Fundament grosser Teile des Asset Managements. Doch in einer Welt geopolitischer Brüche, technologischer Disruption, Klimarisiken und gesellschaftlicher Transformation reicht das nicht mehr aus.
Nachhaltigkeitsdaten müssen materiellen Beitrag leisten
Finanzdaten zeigen, wo ein Unternehmen war. Extra-finanzielle Daten zeigen, wohin es sich entwickelt. CO₂-Exponierung, Governance-Strukturen, Lieferkettenrisiken, Arbeitsbedingungen oder Naturabhängigkeiten sind keine moralischen Zusatzinformationen. Sie sind ökonomische Frühindikatoren. Wer sie ignoriert, blendet zentrale Risiken und Chancen systematisch aus. Provokant gesagt: ESG ist gescheitert – zumindest dort, wo es nur als Tick-the-box-Exercise betrieben wurde. Denn viele ESG-Ansätze leiden bis heute unter einem fundamentalen Problem: Sie erzeugen Ratings, aber keine Erkenntnis. Standardisierte Scores allein reichen nicht aus, wenn sie nicht durch unterschiedliche Datenquellen, alternative Datensätze und Machine-Learning-Methoden ergänzt werden. Nachhaltigkeitsdaten müssen einen materiellen Beitrag zum Risikomanagement und zur Vorhersage zukünftiger Kursentwicklungen leisten. Sonst bleiben sie regulatorische Dekoration.
Klassische Modelle werden erweitert
Die eigentliche Revolution beginnt deshalb dort, wo Sustainable Finance mit quantitativen Investmentmodellen verschmilzt. Die klassischen Modelle der modernen Portfoliotheorie – von Markowitz über Black-Litterman bis hin zum Fama-French-Fünf-Faktorenmodell – werden nicht ersetzt. Sie werden erweitert. Die Branche bewegt sich zunehmend in Richtung eines sechsten Faktors: Transformations- und Nachhaltigkeitsfähigkeit. Denn Unternehmen, die Ressourcen effizient nutzen, regulatorische Risiken antizipieren, Humankapital besser managen und resilientere Geschäftsmodelle entwickeln, besitzen langfristig strukturelle Wettbewerbsvorteile. Nachhaltigkeit wird damit nicht zum Gegensatz von Performance, sondern zu ihrer Voraussetzung.
Parallel dazu verändert sich auch die Eigentümerstruktur globaler Vermögen. Der „Great Wealth Transfer“ führt dazu, dass enorme Vermögenswerte an eine neue Investorengeneration übergehen – und Frauen spielen dabei eine zentrale Rolle. Immer mehr Investorinnen denken nicht mehr ausschliesslich individuell, sondern wie Family Offices: generationenübergreifend, strategisch und systemisch. Es geht nicht nur um Rendite für das eigene Portfolio. Es geht um den langfristigen Erhalt von Familienvermögen, um Stabilität für kommende Generationen und zunehmend auch um die Frage, welche Auswirkungen Kapitalallokation auf Gesellschaft und Planet hat.
Echter Impact vor allem in privaten Märkten
Diese Denkweise verändert den Investmentprozess fundamental. Impact Investing wird dadurch zu einem der wichtigsten Themen der kommenden Jahre. Doch auch hier braucht es mehr Ehrlichkeit in der Debatte. Wie Désirée Dosch in ihrem Kapitel über “Impact Investing: A Gender Lens View” herausarbeitet, entsteht echter Impact vor allem in privaten Märkten. Denn dort wird neues Kapital bereitgestellt. Dort entstehen neue Technologien, Infrastrukturprojekte oder nachhaltige Geschäftsmodelle.
Im Sekundärmarkt hingegen – also an den Börsen – wechselt eine Aktie zunächst meist nur den Besitzer. Es entsteht kein neuer Vermögenswert und häufig auch kein unmittelbarer zusätzlicher gesellschaftlicher Effekt. Viele öffentliche Impact-Narrative müssen deshalb deutlich differenzierter betrachtet werden.
Fazit
Die Zukunft des Asset Managements wird daher nicht von simplen ESG-Labels entschieden werden. Sie gehört Investoren, die Daten intelligent kombinieren, neue Risiken früher erkennen und Nachhaltigkeit nicht als Moralfrage verstehen, sondern als Informationsvorsprung. Oder noch deutlicher formuliert: Die erfolgreichsten Investoren der nächsten Dekade werden nicht diejenigen sein, die Nachhaltigkeit am lautesten kommunizieren. Sondern diejenigen, die sie am präzisesten modellieren. (Sustainable-Finance/mc/ps)
Mehr Information zu den Büchern
Sustainable Asset Management und Sustainable Wealth Management der Herausgeberinnen von Marta Ra und Karen Wendt sind beim Verlag Springer Nature erschienen. Sie wurden letzte Woche in Zürich mit allen Autorinnen vorgestellt. Beide Bücher sind in der Buchserie Sustainable Finance erschienen https://link.springer.com/series/15807/books.
Hier geht es zu den einzelnen Titeln:
- Sustainable Asset Management: Wendt, K. Ra, M. (2026)
https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-032-05659-7 - Sustainable Wealth Management Wendt, K. Ra, M. (2025)
https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-032-02530-2
Die Namen aller Autorinnen:
Natalie Baki, Désirée Dosch, Arlette Espinosa, Sabrina Failo, Emma Farrell, Christina Goltzsche, Sabrina Herold, Céline Kohler, Tina Minci, Marta Ra, Rosa Sangiorgio, Barbara Schreier, Monika Seppi, Karen Wendt.