Karsten-Dirk Steffens, CEO Aberdeen Schweiz, im Interview

Karsten-Dirk Steffens, CEO Aberdeen Schweiz, im Interview
Karsten-Dirk Steffens, Country Head Switzerland von Aberdeen. (Foto: zvg)

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Im März 2025 hat der Konzern den umstrittenen Vokal-Verzicht beendet und ist von «abrdn» zu «Aberdeen» zurückgekehrt. Welche Auswirkungen hatte dieser zweite Wechsel innert vier Jahren auf Ihr Geschäft, was waren die Kundenreaktionen?

Karsten-Dirk Steffens: Wir hatten überwiegend positive Reaktionen und «en gros» sind unsere Kunden der Meinung «Aberdeen is back», was uns natürlich sehr freut. Der zweite Namenswechsel war primär ein pragmatischer Schritt, um die Marke wieder zu stabilisieren und unnötige Diskussionen zu beenden. Ich bin persönlich sehr dankbar dafür.

Aberdeen positioniert sich seit Jahrzehnten als Emerging-Markets-Haus mit einem dezidierten «Beyond the Dragon’s Reach»-Ansatz für EM ex-China. Wo sehen Sie heute – über die Lehrbuch-Argumente von Bewertung und Demografie hinaus – die wirklich asymmetrischen Chancen für Schweizer Anleger in den Emerging Markets?

Aufgrund unserer langjährigen Erfahrung und Breite hinsichtlich der Analysten vor Ort und deren wertvollem Research ist mittlerweile eine von vielen Kunden sehr geschätzte und robuste Expertise entstanden. Die grössten asymmetrischen Chancen in Emerging Markets liegen heute nicht mehr im „catch-up growth“, sondern in strukturellen Verschiebungen wie geopolitisch getriebenen Kapitalströmen (Friendshoring), EM als verlängertem Arm globaler Industriepolitik, struktureller Rohstoffknappheit und digitalen Leapfrogging-Effekten (Bockspringen) in Binnenmärkten. Für Schweizer Anleger heisst das, dass EM ex China weniger ein Beta-Trade ist, sondern zunehmend ein Multi-Themen-Portfolio aus geopolitischen und strukturellen Gewinnern.

«Die grössten asymmetrischen Chancen in Emerging Markets liegen heute nicht mehr im „catch-up growth“, sondern in strukturellen Verschiebungen.» Karsten-Dirk Steffens, CEO Aberdeen Schweiz

Sie haben mehrfach erklärt, dass sich «China schneller verändert, als uns bewusst ist». Drei Jahre Deflation und chronische Überkapazitäten in Solar, Stahl und Autos sprechen aber eher gegen ein zyklisches Comeback. Was würden Sie Schweizer Pensionskassen raten, die heute eine EM-Allokation haben?

Persönlich denke ich, dass strukturelle Bedenken gegenüber China es verdient haben, etwas entdramatisiert zu werden. Zwar steht China strukturell vor echten Herausforderungen – Deflation, Überkapazitäten und schwacher Konsum sprechen gegen ein klassisches zyklisches Comeback. Das bedeutet aber nicht, dass Investoren China meiden sollten, sondern vielmehr, dass sie ihre Allokation neu denken müssen. Emerging Markets funktionieren heute zunehmend zweigeteilt. Für Schweizer Pensionskassen ergibt sich daraus ein klarer Ansatz – EM ex China als Kernallokation und China – wenn überhaupt – als selektives, aktiv gesteuertes Satelliteninvestment mit Fokus auf Innovation und Binnenmärkte.

Im Mai 2025 haben Sie zwei aktive ETFs lanciert, den abrdn Future Raw Materials UCITS ETF und den abrdn Future Supply Chains UCITS ETF, mit einem Fünfer-Fokus auf Kupfer, Aluminium, Lithium, Nickel und Seltene Erden. Welche besonderen Risiken sehen Sie, wenn sich die Wertschöpfungskette de facto in einer einzigen Jurisdiktion (China) ballt, wie können diese Risiken minimiert werden?

Bei beiden ETFs liegt das zentrale Risiko in der Struktur der Wertschöpfungskette. Die grösste Herausforderung liegt weniger in den Rohstoffen selbst als in der konzentrierten Verarbeitung, die zu einem geopolitischen „Single Point of Failure“ geworden ist. China kontrolliert in vielen Fällen die entscheidenden Engpässe der Wertschöpfungskette, was zu politisch getriebenen Preisbewegungen und potenziellen Störungen der Lieferketten führen kann. Diese Risiken lassen sich nicht vollständig eliminieren, aber durch Diversifikation entlang der Wertschöpfung, geografische Alternativen und einen aktiven Investmentansatz deutlich reduzieren.

«China kontrolliert in vielen Fällen die entscheidenden Engpässe der Wertschöpfungskette, was zu politisch getriebenen Preisbewegungen und potenziellen Störungen der Lieferketten führen kann.»

Dem Future-Raw-Materials-ETF liegen im Wesentlichen drei Annahmen zugrunde: Energiewende, Elektrifizierung und Halbleiter-Reshoring. Was passiert mit dem ETF, wenn unter einer zweiten Trump-Administration die Inflation Reduction Act-Subventionen zurückgenommen werden – und sieht der Stresstest für ein solches Szenario aus?

Der Future-Raw-Materials-ETF verfolgt kein reines Struktur-Play, sondern ein hochgradig politisch getriebenes Szenario-Investment. Ein Rückbau der IRA (Inflation Reduction Act) würde die Dynamik der US‑Energiewende klar abbremsen und kurzfristig zu einer schwächeren Nachfrage nach Batterie- und Industriemetallen führen. Entscheidend ist aber, dass unser ETF nicht an einem einzigen politischen Programm hängt, sondern an globalen strukturellen Trends wie Elektrifizierung und geopolitischer Reindustrialisierung. In einem Stresstest sehen wir daher eher eine Verzögerung und höhere Volatilität – nicht eine fundamentale Infragestellung der Investmentthese.

In Ihrem «Private Markets House View 2026» prognostizieren Sie für Buyout-Strategien Internal Rates of Return von 10 bis 12 Prozent über fünf Jahre, für Venture Capital sogar 12 bis 15 Prozent. Gleichzeitig zeigen aktuelle Daten von Preqin und Pitchbook, dass die Distributionen an Limited Partners auf historische Tiefststände gesunken sind. Was schätzen Sie in Ihren Renditeprognosen anders ein als die Skeptiker?

Das ist exakt die Frage bzw. Diskussion, die man aktuell mit jedem institutionellen Anleger führt.
Im Kern geht es hier um die Diskrepanz zwischen „paper returns“ (IRR) und „cash reality“ (DPI/Distributions). Die aktuellen Daten zeigen ein klares Liquiditätsproblem in Private Markets, aber nicht zwingend ein strukturelles Renditeproblem. Unsere Prognosen gehen davon aus, dass die niedrigen Distributionen vor allem das Resultat eines zyklischen Exits‑Staus sind – mit aufgestauten Realisierungen, die in den kommenden Jahren nachgeholt werden. Der entscheidende Unterschied zu den Skeptikern ist daher nicht die Einschätzung der Gegenwart, sondern der Zukunft: Wir erwarten eine zeitliche Verschiebung der Cashflows, während viele Investoren diese als dauerhafte Erosion der Renditen interpretieren.

«Die aktuellen Daten zeigen ein klares Liquiditätsproblem in Private Markets, aber nicht zwingend ein strukturelles Renditeproblem.»

Ihre Fund-Finance-Strategie hat seit Jahresbeginn 2025 in der Schweiz CHF 574 Millionen eingesammelt. Welche Kennzahlen muss ein Schweizer Anleger prüfen, bevor er in solche Strukturen investiert, wie verständlich und transparent sind die zugrunde liegenden Strukturen?

Fund-Finance-Strategien sind auf den ersten Blick attraktive, stabil wirkende Credit-Investments, in Realität aber stark struktur- und qualitätsabhängig. Entscheidend sind weniger die nominale Rendite als die Qualität der Besicherung, die Leverage-Struktur und die tatsächlichen Cashflows hinter den Transaktionen. Während klassische Subscription-Lines relativ transparent und gut verständlich sind, erfordern insbesondere NAV-basierte und hybride Strukturen eine deutlich intensivere Due Diligence, da sie stärker von Portfoliobewertungen, Exit-Märkten und strukturellen Covenants (Verpflichtungen) abhängen.

Aberdeen setzt KI heute zweigleisig ein: zur Analyse von Marktdaten in der hauseigenen DISCOVER-Alpha-Plattform und thematisch über Fonds, die von der KI-Capex-Welle der Hyperscaler profitieren – allein 2026 erwartet Ihr Haus über USD 700 Milliarden Investitionen. Was bringt KI Ihren eigenen Portfoliomanagern und in welchen Strategien haben Sie sie bereits ausprobiert, mit welchen Ergebnissen?

Ich denke, generell ist festzustellen, dass AI heute weniger ein Renditetreiber ist als ein Produktivitäts- und Analyseverstärker. Künstliche Intelligenz bringt Portfoliomanagern vor allem einen massiven Effizienz- und Erkenntnisgewinn: Sie kann grosse Datenmengen in Echtzeit analysieren, neue Investmentideen generieren und Risiken früher erkennen. Die technologiegetriebenen Ansätze funktionieren heute besonders gut in quantitativen und hybriden Strategien, während sie im Fundamentalen vor allem als Entscheidungshilfe dienen. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass der grösste Impact bislang in besserer Entscheidungsqualität und Produktivität liegt – weniger in direkter Outperformance. Genau deshalb kombinieren viele Häuser AI intern als Analysewerkzeug mit externen Investmentstrategien, die von der strukturellen Capex-Welle im AI-Ökosystem profitieren.

«Die technologiegetriebenen Ansätze funktionieren heute besonders gut in quantitativen und hybriden Strategien, während sie im Fundamentalen vor allem als Entscheidungshilfe dienen.»

Die grossen US-Wettbewerber – BlackRock mit Aladdin Genesis, Vanguard mit eigenen LLM-Tools – investieren Milliarden in KI-Infrastruktur. Aberdeen hat eine globale Kostenbasis von einem Bruchteil davon. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung, welche Alternativen zum «the winner takes it all» sehen Sie?

Die massiven Investitionen der grossen US‑Häuser zeigen, dass AI ein struktureller Wettbewerbsvorteil werden kann – aber nicht zwingend ein Winner‑takes‑it‑all‑Markt entsteht. Der entscheidende Unterschied liegt weniger in der reinen Infrastruktur als in ihrer Anwendung. Während Plattformanbieter wie BlackRock auf Skalierung und Standardisierung setzen, sehen wir für spezialisierte Häuser weiterhin klare Chancen, AI gezielt für Alpha, Nischenexpertise und schnellere Entscheidungsprozesse einzusetzen. Ich denke, dass es vor allem wichtig ist, AI gezielt, massgeschneidert und clever dort einzusetzen, wo es für ein Unternehmen Sinn macht und klare Vorteile bringt. Vorteile, die an die Kundschaft weitergegeben werden können. Und genau in diesem Bezug sind wir bei Aberdeen sehr gut aufgestellt und fokussiert.

Robo-Advisor und algorithmische Beratungsmandate – von Schweizer Anbietern wie True Wealth bis zu globalen Plattformen wie Wealthfront – können heute faktisch ein 1:1-Mandat ausführen, oft günstiger und mindestens gleich diszipliniert. In welchen konkreten Disziplinen wird ein menschlicher Asset Manager dem Algorithmus auch in zehn Jahren noch überlegen sein – und wo ehrlicherweise nicht mehr?

Algorithmen werden den Teil des Asset Managements dominieren, der standardisierbar ist – also Portfolio-Konstruktion und Umsetzung. Aber immer dort, wo Interpretation, Unsicherheit und menschliches Verhalten ins Spiel kommen – bei komplexen Vermögen, illiquiden Assets oder in Krisen – bleibt der Mensch auch in zehn Jahren überlegen. Somit könnte man provokant sagen, dass Robo vielleicht den Asset Manager ersetzen mag – aber nicht den Trusted Advisor, und ebenso, dass mit einem ETF-Portfolio vielleicht die Maschine kurz- bis mittelfristig den Menschen schlägt, aber in einem zu erstrebenden Langzeitportfolio immer noch der Mensch die Maschine schlagen wird.

«Man könnte provokant sagen, dass Robo vielleicht den Asset Manager ersetzen mag – aber nicht den Trusted Advisor»

Wenn wir uns in zwei Jahren wieder unterhalten: Was macht Aberdeen Switzerland dann fundamental anders als heute, an welchem persönlichen Massstab messen Sie Ihren eigenen Erfolg jenseits der AuM-Zahl?

Ich denke nicht, dass wir die lokale Strategie fundamental ändern werden und allenfalls kleinere Anpassungen gemäss den Trends und Marktdynamiken vornehmen müssen. Ich bin auch sehr zufrieden mit unserem Team und wie wir aufgestellt sind und ich bleibe zuversichtlich, dass Aberdeen in der Schweiz auch künftig eine stabile Repräsentanz vorweisen kann.

Den geschäftlichen Erfolg möchte ich gerne bestätigt wissen, indem wir weiterhin unsere Wholesales-Segmentierung ausbauen und breiter diversifizieren sowie noch erfolgreicher und enger mit unseren Kunden und Partnern in den institutionellen Segmenten wie Pensionskassen und Versicherungen zusammenarbeiten.


Karsten-Dirk Steffens bei Linkedin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert