Simon Tribelhorn, Geschäftsführer Liechtensteinischer Bankenverband, im Interview
Von Helmuth Fuchs
Moneycab: Herr Tribelhorn, Hacker erbeuteten am 30. Juli 31’000 Datensätze aus dem «Verzeichnis wirtschaftlich berechtigter Personen» zu Unternehmen, Stiftungen und Treuhandvermögen, das eigentlich der Verhinderung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung dienen sollte. Wie konnte das geschehen, wie gross ist der Schaden, der dem Finanzplatz Liechtenstein dadurch entsteht und wie kann ein solcher Fall in Zukunft verhindert werden?
Der aktuelle Cyberangriff auf das staatliche Verzeichnis wirtschaftlich berechtigter Personen führt uns deutlich vor Augen, dass Regulierung allein noch keine Sicherheit garantiert. Das Verzeichnis dient gerade der Transparenz sowie der Bekämpfung von Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung. Dennoch konnte eine unbekannte Täterschaft in der Nacht auf den 30. Juli 2026 Daten von rund 31’000 Rechtsträgern kopieren. Nach aktuellem Stand wurden keine Daten verändert oder gelöscht. Wie der Zugriff technisch möglich war, ist Gegenstand der noch laufenden forensischen Untersuchung.
«Der Vorfall ist gravierend und darf nicht schöngeredet werden. Gleichzeitig ist eine klare Differenzierung wichtig: die Sicherheit der Kundengelder und der Bankdienstleistungen sowie die Bankkundendaten sind vom Vorfall nicht betroffen.» Simon Tribelhorn, Geschäftsführer Liechtensteinischer Bankenverband
Der Vorfall ist gravierend und darf nicht schöngeredet werden. Gleichzeitig ist eine klare Differenzierung wichtig: die Sicherheit der Kundengelder und der Bankdienstleistungen sowie die Bankkundendaten sind vom Vorfall nicht betroffen. Dieser betrifft das staatlich geführte Verzeichnis wirtschaftlich berechtigter Personen. Kontostände, Transaktionen, Wertschriftenbestände, Vermögensverwaltungsmandate und andere bei einer liechtensteinischen Bank gespeicherte Informationen sind nicht Teil des Registers der wirtschaftlich berechtigten Personen und somit nicht tangiert. Aus den kopierten Registerdaten lassen sich zudem keine Rückschlüsse auf etwelche Bankbeziehungen ziehen.
Wie gross der wirtschaftliche oder reputative Schaden für den Finanzplatz sein wird, lässt sich heute nicht seriös beurteilen. Das Vertrauen in den Banken- und Finanzplatz hat für uns oberste Priorität. Umso wichtiger ist es jetzt, den Vorfall vollständig und transparent aufzuarbeiten, die Ursachen konsequent zu beheben und die Schutzmassnahmen für kritische Systeme weiter zu verstärken. Nicht allein der Angriff entscheidet über den langfristigen Reputationsschaden, sondern vor allem, wie wir damit umgehen.
2025 war für die liechtensteinischen Banken ein Rekordjahr: CHF 538 Mrd. verwaltete Kundenvermögen, ein Reingewinn von CHF 457,7 Mio. und CHF 27,1 Mrd. Netto-Neugeld. Von den CHF 538 Mrd. liegen rund CHF 239,5 Mrd. tatsächlich bei den Banken in Liechtenstein, der grössere Teil bei den Auslandstöchtern. Wie stark wächst der Finanzplatz Liechtenstein selbst noch, was bedeutet das für Arbeitsplätze, Steuersubstrat und Ausbildungsplätze im Land?
Die Zahlen zeigen klar, dass nicht nur die internationalen Tochtergesellschaften wachsen. Die Banken in Liechtenstein selbst verwalteten Ende 2025 CHF 239,5 Mrd. und erzielten CHF 13,1 Mrd. Netto-Neugeld. Das ist ein sehr starkes Vertrauensvotum der Kunden für den Standort. Die konsolidierten CHF 538 Mrd. sind gleichzeitig Ausdruck der erfolgreichen Internationalisierung unserer Bankengruppen. Auslandsstandorte bedeuten daher keine Aushöhlung Liechtensteins, sondern schaffen Kundennähe und unterstützen die Funktionen am Hauptsitz.
Bei der Beschäftigung sehen wir weniger ein lineares Mengenwachstum als eine qualitative Entwicklung: Ende 2025 arbeiteten 2’982 Personen bei den Banken im Land, praktisch gleich viele wie im Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Zahl der Lernenden von 58 auf 63.
Unser Ziel muss sein, möglichst viele hochwertige Entscheidungs-, Technologie-, Risiko-, Compliance-, Produktentwicklungs- und Steuerungsfunktionen in Liechtenstein zu halten und auszubauen. Das stärkt die Wertschöpfung, das Steuersubstrat und die Ausbildungsmöglichkeiten. Klar ist: Nachhaltig profitable Unternehmen, qualifizierte Arbeitsplätze und lokale Substanz kommen dem Land direkt zugute.
Die «Roadmap 2025 – Wachstum durch Nachhaltigkeit und Innovation» ist ausgelaufen, mit Ivo Klein hat im März 2026 ein neuer Präsident übernommen und einen neuen Strategiezyklus eröffnet. Wie lautet Ihre Strategie für die Weiterentwicklung des Bankenplatzes Liechtenstein: Welche wichtigsten Ziele setzen Sie sich, und wie messen Sie deren Umsetzung?
Die neue Strategie wird gemeinsam mit unserem Präsidenten, dem Vorstand und den Mitgliedsbanken entwickelt. Diesem Prozess möchte ich nicht vorgreifen. Die zentrale Leitidee ist für mich jedoch klar: Wir wollen das Vertrauen in unsere Banken und in den Finanzplatz langfristig sichern und durch Stabilität, Integrität, Innovation und messbare Leistung weiter stärken.
Der aktuelle Cybervorfall beim staatlichen Verzeichnis der wirtschaftlich berechtigten Personen führt uns deutlich vor Augen, dass Vertrauen heute weit über finanzielle Solidität hinausgeht. Es beruht ebenso auf dem sicheren Umgang mit Daten und Technologien, auf hoher operationeller Resilienz sowie auf transparenter und glaubwürdiger Kommunikation. Sicherheit lässt sich dabei nicht allein durch Regulierung gewährleisten. Sie erfordert permanente Aufmerksamkeit, klare Verantwortlichkeiten und konsequente Investitionen.
Die neue Strategie muss meines Erachtens deshalb sicher die folgenden Schwerpunkte beinhalten: erstens Stabilität, Integrität und Cyberresilienz; zweitens die Sicherung des europäischen Marktzugangs und wettbewerbsfähige, proportionale Rahmenbedingungen; drittens die verantwortungsvolle Nutzung von Technologien wie künstlicher Intelligenz, Tokenisierung und digitalen Vermögenswerten; und viertens qualitatives Wachstum durch Nachhaltigkeit, Innovation und zusätzliche Wertschöpfung im Land.
Dabei geht es nicht um Wachstum um jeden Preis. Entscheidend sind Substanz, langfristige Verlässlichkeit und ein konkreter Nutzen für Kunden, Banken und den Standort. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir die Umsetzung anhand einer klaren Scorecard messen: an der Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Finanzplatzes, dem Vertrauen von Kunden und Öffentlichkeit, der lokalen Wertschöpfung und Beschäftigung, dem Netto-Neugeld, der Innovationskraft sowie den Fortschritten bei zentralen regulatorischen und strategischen Projekten.
Drei Institute – LGT, LLB und VP Bank – prägen den Platz, daneben stehen kleine Häuser mit deutlich schwierigerer Kostenstruktur. Gleichzeitig öffnen Sie den Verband über die assoziierte Mitgliedschaft für Nicht-Banken und haben mit der Celsion Bank Ende Juni 2026 ein Institut aufgenommen, das klassisches Banking mit Digital-Asset-Dienstleistungen verbindet. Rechnen Sie in den nächsten drei Jahren eher mit Konsolidierung unter den elf Banken oder mit weiteren Neuzugängen – und wie vertritt ein Verband die Interessen von Häusern, deren Grössenordnung um den Faktor hundert auseinanderliegt?
Ich rechne in den nächsten drei Jahren nicht mit einer Konsolidierung, sondern mit weiteren Neuzugängen. Der Bankenplatz dürfte dadurch heterogener werden. Neue Institute werden voraussichtlich weniger dem klassischen Private-Banking-Modell entsprechen, sondern stärker digital ausgerichtet sein und spezialisierte Geschäftsmodelle verfolgen – etwa in den Bereichen Digital Assets, technologiegestützte Vermögensverwaltung, Zahlungsverkehr oder Banking-as-a-Service.
Diese Entwicklung beurteilen wir als äusserst positiv. Sie verbreitert die Kompetenzbasis des Finanzplatzes, fördert Innovation und schafft neue Formen der Wertschöpfung. Celsion ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie sich klassisches Banking mit Digital-Asset-Dienstleistungen in einem regulierten Umfeld verbinden lässt.
«Neue Institute werden voraussichtlich weniger dem klassischen Private-Banking-Modell entsprechen, sondern stärker digital ausgerichtet sein und spezialisierte Geschäftsmodelle verfolgen»
Für den Verband bedeutet die zunehmende Vielfalt, gemeinsame Interessen noch klarer herauszuarbeiten. Gleichzeitig müssen unterschiedliche Geschäftsmodelle und Grössenverhältnisse angemessen berücksichtigt werden.
Ein Verband muss nicht jede Einzelposition vereinheitlichen. Seine Aufgabe ist es, Themenführerschaft in den für den gesamten Banken- und Finanzplatz wichtigen Themen zu übernehmen, einen strukturierten Interessenausgleich zu schaffen, gemeinsame Anliegen überzeugend zu vertreten und sich dort für Proportionalität einzusetzen, wo Institute unterschiedlich betroffen sind. Die Öffnung gegenüber assoziierten Mitgliedern stärkt zusätzlich den Zugang zu technologischem und fachlichem Know-how, ohne den Kernauftrag als Bankenverband zu verändern.
Liechtenstein war 2020 mit dem TVTG (Token und vertrauenswürdige Technologien Dienstleister Gesetz) weltweit Vorreiter. Sechs Jahre später sind bei der FMA gerade einmal vier Banken als VT-Dienstleister registriert, und mit MiCAR gilt seit 2026 faktisch ein Doppelregime. Was hat das Blockchain-Gesetz dem Bankenplatz wirtschaftlich gebracht, welchen Ertragsanteil steuern digitale Vermögenswerte heute bei?
Der wirtschaftliche Wert des TVTG lässt sich nicht allein an der Zahl der registrierten Unternehmen messen. Es hat früh Rechtssicherheit geschaffen, ein umfassendes zivilrechtliches Tokenmodell etabliert und bei Behörden, Banken, Beratern und Technologieunternehmen wertvolles Know-how aufgebaut. Dieser Vorsprung kommt dem Standort nun auch unter MiCAR zugute.
Rein quantitativ ist der Anteil digitaler Vermögenswerte am Gesamtgeschäft heute noch begrenzt. Für einzelne spezialisierte Institute ist er jedoch bereits wirtschaftlich relevant. Strategisch ist dieses Geschäft deshalb deutlich bedeutender, als es sein aktueller Ertragsanteil vermuten lässt.
Tokenisierung, Stablecoins und digitales Zentralbankgeld greifen direkt in das Zahlungs- und Depotgeschäft ein. Welche Strategie verfolgen Sie hier für die Weiterentwicklung des Bankenplatzes, wo entsteht für die liechtensteinischen Banken neue Wertschöpfung, welche Ertragsquellen werden unwichtiger?
Das grösste Potenzial sehe ich nicht im kurzfristigen Handel mit einzelnen Kryptowerten, sondern im Aufbau einer sicheren, regulierten und interoperablen Infrastruktur für digitale Vermögenswerte.
Ein erstes Feld ist die institutionelle Verwahrung. Kunden wollen digitale und traditionelle Anlagen nicht länger in getrennten Welten halten. Sie erwarten eine konsolidierte Vermögensübersicht, professionelles Reporting, eine steuerliche Einordnung sowie Lösungen für Nachfolge, Vererbung und Vermögensstrukturierung. Gerade hier können Banken ihre Erfahrung im Wealth Management mit neuen technologischen Möglichkeiten verbinden.
Ein zweites Feld ist die Tokenisierung von Wertpapieren, Fondsanteilen und privaten Vermögenswerten. Banken können entlang der gesamten Wertschöpfungskette eine zentrale Rolle übernehmen: von der Strukturierung und Emission über die Distribution und Verwahrung bis zur Abwicklung und zum laufenden Servicing.
Ein drittes Potenzial liegt in der Verbindung tokenisierter Vermögenswerte mit regulierten digitalen Zahlungsmitteln – etwa Stablecoins, tokenisiertem Buchgeld oder künftig digitalem Zentralbankgeld. Dadurch können Lieferung und Zahlung gleichzeitig erfolgen, Abwicklungsrisiken reduziert und Prozesse stärker automatisiert werden.
«Das grösste Potenzial sehe ich nicht im kurzfristigen Handel mit einzelnen Kryptowerten, sondern im Aufbau einer sicheren, regulierten und interoperablen Infrastruktur für digitale Vermögenswerte.»
MiCAR eröffnet bereits regulierten Finanzinstituten, darunter Kreditinstituten, ausdrücklich die Möglichkeit, nach dem Verfahren von Artikel 60 bestimmte Kryptowerte-Dienstleistungen anzubieten. Banken verfügen damit über eine gute Ausgangslage. Voraussetzung ist allerdings eine belastbare Sicherheits- und Kontrollarchitektur: professionelles Schlüsselmanagement, klare Berechtigungskonzepte, die Trennung kritischer Funktionen, die Kontrolle externer Technologieanbieter sowie getestete Wiederanlauf- und Krisenprozesse.
Gerade hier liegen die Stärken der Banken. Sie bringen nicht nur Technologie ein, sondern auch Risikomanagement, Compliance, Kapitalstärke und institutionelle Verantwortung. Die Rolle der Bank wird deshalb nicht verschwinden, sondern sich weiterentwickeln.
Unter Margendruck geraten dürften hingegen manuelle Abstimmungen, mehrstufige Abwicklungsprozesse, papierbasierte Dokumentation sowie einfache Ausführungs- und Verwahrdienstleistungen. Neue Wertschöpfung entsteht dort, wo Banken Vertrauen, Regulierung, Technologie und Beratung zu integrierten Lösungen verbinden.
Liechtenstein sitzt als einziges Land gleichzeitig im EWR und in einer Zoll- und Währungsunion mit der Schweiz, die Schweiz selbst ist nicht im EWR. Wie nutzt der Finanzplatz diese Doppelrolle als Brücke, wo sind Schweizer Banken eventuell über Liechtenstein in den EU-Markt gelangt, und wie viel Geschäft ist so ins Land gekommen?
Diese Brückenfunktion ist in der Tat auch für Schweizer Finanzinstitute interessant. Liechtenstein bietet die Möglichkeit, den europäischen Markt von einem politisch stabilen, regulierten und der Schweiz sehr nahestehenden Standort aus zu erschliessen und zu bearbeiten. Voraussetzung ist selbstverständlich ein eigenständig bewilligtes Institut mit realer Substanz, klarer Governance und vollständiger Aufsicht. Es geht nicht um eine regulatorische Abkürzung.
Die Verbindung ist zudem keine Einbahnstrasse: Liechtenstein profitiert von der Schweizer Währung, Infrastruktur und Finanzmarktkompetenz. Gleichzeitig kann der Standort Schweizer Instituten europäische Geschäftsmöglichkeiten, regulatorisches Know-how und Zugang zum EWR eröffnen.
Eine Statistik darüber, wie viel Geschäft auf diesem Weg nach Liechtenstein gelangt ist, gibt es nicht. Der Nutzen zeigt sich aber auch in ganz alltäglichen Aspekten wie der Anzahl Grenzgängern, den hochwertigen Arbeitsplätzen, dem in Liechtenstein erwirtschafteten Schweizer Steuersubstrat, etc.
Als Schweizer bin ich überzeugt, dass dieses Potenzial noch zu wenig genutzt wird. Für Schweizer Institute, die den europäischen Markt strategisch erschliessen und bearbeiten wollen, kann Liechtenstein eine überzeugende Brücke sein – nah an der Schweiz und zugleich vollständig in den EWR integriert.
Über den EWR gilt für Liechtenstein auch der Artificial Intelligence Act. Welchen Einfluss wird Künstliche Intelligenz auf das Geschäft des Bankenverbandes selbst haben – auf Ihre Kernaufgaben Regulierungsanalyse, Stellungnahmen, Aus- und Weiterbildung? Was bedeutet das für die Lehrstellen und Graduates-Programme, mit denen der Finanzplatz seinen Nachwuchs ausbildet, wenn genau diese Einstiegstätigkeiten vermehrt automatisiert werden?
Künstliche Intelligenz wird die Arbeit des Bankenverbandes deutlich verändern. Sie kann regulatorische Entwicklungen schneller erfassen, Rechtsakte vergleichen, erste Analysen und Stellungnahmeentwürfe erstellen sowie Aus- und Weiterbildungsinhalte effizienter aufbereiten. Das schafft Zeit für jene Aufgaben, bei denen menschliche Erfahrung, Urteilsvermögen und Verantwortung entscheidend bleiben.
Das gilt besonders für die Interessenvertretung. KI kann dabei helfen, komplexe regulatorische Vorhaben früher zu erkennen, ihre Auswirkungen auf unterschiedliche Geschäftsmodelle zu analysieren und Argumentationen faktenbasiert vorzubereiten. Sie kann jedoch weder politische Zusammenhänge abschliessend beurteilen noch Interessen abwägen, Vertrauen aufbauen oder tragfähige Kompromisse aushandeln. Gerade in der Interessenvertretung bleiben persönliche Beziehungen, Glaubwürdigkeit und ein tiefes Verständnis für Institutionen und Entscheidungsprozesse zentral.
«KI kann dabei helfen, komplexe regulatorische Vorhaben früher zu erkennen, ihre Auswirkungen auf unterschiedliche Geschäftsmodelle zu analysieren und Argumentationen faktenbasiert vorzubereiten.»
Auch bei Lehrstellen und Graduate-Programmen geht es deshalb nicht nur darum, mit KI bessere Arbeit zu leisten. Es geht ebenso darum, effizienter zu arbeiten, Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und Verantwortung für deren Qualität zu übernehmen. Junge Mitarbeitende werden weniger Zeit für manuelle Recherche, Standardauswertungen und repetitive Aufgaben benötigen. Dafür steigen die Anforderungen an analytisches Denken, Kommunikation und ethische Urteilskraft.
Die Einstiegsprofile verschwinden damit nicht, sie verändern sich. Nachwuchskräfte müssen früh lernen, KI sinnvoll einzusetzen, ihre Ergebnisse zu überprüfen und kritisch zu hinterfragen, Fehler und Verzerrungen zu erkennen und dort selbst zu urteilen, wo Technologie an ihre Grenzen stösst.
Sie verantworten beim Swiss Sustainability Accelerator die Partnerschaften in der Finanzindustrie. Was ist dort Ihr konkretes Ziel, welche Partner aus der Finanzbranche wollen Sie gewinnen, und welche Institute oder Investorentypen fehlen Ihnen heute am meisten?
Beim Swiss Sustainability Accelerator geht es darum, innovative Unternehmen nicht nur zu begleiten, sondern ihnen den Zugang zu Kapital und Netzwerken zu ermöglichen. Dabei spielen sämtliche Akteure eine zentrale Rolle, die als Kapitalgeber auftreten können: Banken, Versicherungen, Pensionskassen, Asset Manager, Family Offices, Stiftungen, öffentliche Institutionen und weitere langfristig orientierte Investoren.
Entscheidend ist jedoch nicht nur die Verfügbarkeit von Kapital. Es braucht Entscheiderinnen und Entscheider, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, frühzeitig Ankerkapital bereitzustellen und damit weitere Investoren zu mobilisieren. Die Schweiz braucht eine stärkere Innovations- und Investitionskultur, die vielversprechende Unternehmen nicht erst dann unterstützt, wenn sämtliche Risiken beseitigt sind.
Gerade in der Wachstums- und Skalierungsphase fehlt häufig Kapital. Dadurch besteht die Gefahr, dass innovative Unternehmen ins Ausland abwandern oder frühzeitig von ausländischen Investoren übernommen werden. Das ist nicht nur eine unternehmerische Frage, sondern auch eine Frage der wirtschaftlichen Souveränität und der langfristigen Standortentwicklung.
«Die Schweiz braucht eine stärkere Innovations- und Investitionskultur, die vielversprechende Unternehmen nicht erst dann unterstützt, wenn sämtliche Risiken beseitigt sind.»
Innovative Unternehmen sind ein wesentlicher Teil unseres Zukunftskapitals. Sie schaffen neue Technologien, qualifizierte Arbeitsplätze, Wertschöpfung und damit die Grundlage für den gesellschaftlichen Wohlstand von morgen. Ziel muss deshalb sein, mehr Kapital für ihre Skalierung zu mobilisieren und gleichzeitig sicherzustellen, dass Innovation, Know-how und Wertschöpfung möglichst hier bleiben.
Als Beiratsmitglied des Swiss Green Economy Symposium erleben Sie die 14. Ausgabe Anfang September 2026 in Winterthur unter dem Motto «Machen! Innovativ. Resilient. Nachhaltig». Wenn Sie Bilanz ziehen: Wie gross ist der tatsächliche Beitrag der Finanzindustrie zu einer nachhaltigen, innovativen und resilienten Schweiz bisher, welche Entwicklungen sehen Sie?
Der Beitrag ist real, aber noch nicht ausreichend. Nachhaltigkeitsrisiken werden heute systematischer berücksichtigt, es gibt mehr nachhaltigkeitsbezogene Kredite, Anleihen und Anlageprodukte, und Transition Finance sowie Blended Finance gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig ist ein hohes Volumen nachhaltiger Anlagen noch nicht automatisch mit einer entsprechenden Wirkung in der Realwirtschaft gleichzusetzen.
Der Investitionsbedarf ist erheblich: Für die Schweizer Klimatransition wurden durchschnittlich CHF 12,9 Mrd. pro Jahr errechnet. Mehr als 90 Prozent davon könnten grundsätzlich über klassische Bank- und Kapitalmarktinstrumente finanziert werden. Für die Naturtransition werden weitere CHF 5,3 Mrd. jährlich benötigt, wobei viele Projekte wegen geringer kommerzieller Erträge auf öffentliche Mittel oder Risikoteilung angewiesen sind.
«Ein hohes Volumen nachhaltiger Anlagen ist noch nicht automatisch mit einer entsprechenden Wirkung in der Realwirtschaft gleichzusetzen.»
Die nächste Entwicklungsstufe besteht deshalb darin, über das Reporting hinauszugehen und Kapital gezielt in Lösungen zu lenken, die messbare Wirkung entfalten. Dabei geht es nicht nur um die Reduktion von Emissionen, sondern ebenso um eine sichere Energieversorgung, widerstandsfähige Lieferketten, den Schutz der Biodiversität, technologische Souveränität und eine stärkere wirtschaftliche Resilienz. Die Finanzindustrie kann damit einen konkreten Beitrag leisten, nachhaltige Innovationen zu skalieren und Wirtschaft und Gesellschaft zukunftsfähiger zu machen.
Wo sehen Sie das grösste ungenutzte Potenzial, das die Branche aus eigener Kraft heben könnte, ohne auf neue Regulierung zu warten? In welchem Bereich hat die Finanzindustrie in den letzten Jahren Vertrauen verspielt, das sie zuerst zurückgewinnen muss?
Das grösste ungenutzte Potenzial liegt in der Verbindung von Kundenbeziehungen, Kapital, Technologie und unternehmerischem Mut. Die Finanzindustrie kennt die finanziellen Möglichkeiten und Investitionszyklen ihrer Kunden. Sie könnten innovative Unternehmen noch stärker dabei unterstützen, ihre Transformations- und Innovationsvorhaben in konkrete, finanzierbare Projekte zu übersetzen.
Dabei braucht es auch mehr Innovation und Mut bei den Finanzinstrumenten. Innovative Technologien, Unternehmen und Projekte sind vorhanden. Viele von ihnen befinden sich jedoch im sogenannten «Tal des Todes»: Die Technologie ist entwickelt und grundsätzlich marktfähig, für den nächsten Schritt zur Skalierung fehlt aber das notwendige Kapital.
Hier muss die Finanzindustrie neue Wege gehen. Gefragt sind intelligente Investmentvehikel, die privates Kapital mit Garantien, First-Loss-Tranchen, öffentlichem oder philanthropischem Kapital und langfristig orientierten Investoren verbinden. Gerade Blended-Finance-Strukturen, thematische Wachstumsfonds oder gemeinsame Investitionsplattformen können Risiken gezielt verteilen und dadurch zusätzliche Investitionen mobilisieren. So können vielversprechende Technologien nicht nur entwickelt, sondern auch industriell skaliert werden.
Dafür müssen wir nicht auf neue Regulierung warten. Die Branche kann aus eigener Kraft skalierbare Finanzierungslösungen und neue Investitionsmodelle entwickeln.
Vertrauen wurde insbesondere dort verspielt, wo Anspruch und nachweisbare Wirkung auseinanderlagen – etwa bei Nachhaltigkeitsversprechen. Nicht jedes grüne Label führt automatisch zu einer realen Veränderung. Vertrauen gewinnen wir durch nachweisbaren Impact.
Sie sind seit 2006 beim Verband, seit 2010 dessen Geschäftsführer. In dieser Zeit hat sich der Finanzplatz von der schwarzen Liste zum EWR-Musterschüler gewandelt. Was sind die wichtigsten Entscheidungen aus diesen 20 Jahren, die Sie heute anders treffen würden, welche waren rückblickend goldrichtig?
Die grundlegende Richtung der vergangenen 20 Jahre war aus meiner Sicht eindeutig richtig: die konsequente Transformation des Finanzplatzes, das klare Bekenntnis zu den OECD-Standards und die frühe Umsetzung des automatischen Informationsaustauschs. Liechtenstein gehörte hier zu den Early Adopters und hat sich bewusst für Transparenz, internationale Kooperation und höchste Standards entschieden.
«Unser Anspruch darf bei Cybersecurity ab sofort nicht lediglich sein, dem aktuellen Stand der Technik zu entsprechen. Ein international ausgerichteter Finanzplatz, dessen wichtigstes Kapital das Vertrauen ist, muss führend sein.»
Rückblickend war dies nicht nur die richtige, sondern die einzig tragfähige Entscheidung. Man hätte diesen Weg allenfalls mit noch grösserer Konsequenz verfolgen können. Gerade diese Erfahrung ist auch für den Umgang mit dem aktuellen Cyberangriff relevant: Entscheidend ist, nicht defensiv oder nur reaktiv zu handeln, sondern die Herausforderung als Ausgangspunkt für einen weiteren grundlegenden Entwicklungsschritt zu nutzen.
Unser Anspruch darf bei Cybersecurity ab sofort nicht lediglich sein, dem aktuellen Stand der Technik zu entsprechen. Ein international ausgerichteter Finanzplatz, dessen wichtigstes Kapital das Vertrauen ist, muss führend sein.
So wie Liechtenstein bei Steuertransparenz und internationaler Compliance vom kritisierten Standort zum anerkannten Musterschüler geworden ist, sollten wir nun den Anspruch haben, auch bei Cybersecurity und digitaler Resilienz zu den führenden Finanzplätzen zu gehören.
Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei – wie sehen die aus?
Mein erster Wunsch ist ein Europa, das Sicherheit, Offenheit und Wettbewerbsfähigkeit nicht als Gegensätze versteht, sondern miteinander verbindet – mit gemeinsamen Regeln, aber auch mit Augenmass und Raum für Innovation.
Mein zweiter Wunsch ist eine Finanzindustrie, die ihr Vertrauen durch Ergebnisse verdient: indem sie Kapital und Technologie messbar für wirtschaftlichen Fortschritt, Nachhaltigkeit und die Chancen der nächsten Generation einsetzt.
Dieses Interview kam mit der Unterstützung des Swiss Green Economy Symposiums zustande:
