Nachhaltigkeit ohne Scorecard: Was Schweizer Unternehmer von den Pionieren der Öko-Effizienz lernen können

Nachhaltigkeit ohne Scorecard: Was Schweizer Unternehmer von den Pionieren der Öko-Effizienz lernen können
(Adobe Stock)

Zürich – Der Chancenreport 2026 von Raiffeisen Schweiz, erhoben unter 320 Führungskräften mittelgrosser und grosser Schweizer Unternehmen, hat ein bemerkenswertes Ergebnis geliefert: Nur noch 8,9 Prozent der befragten Firmen sehen Nachhaltigkeit als grosse Chance für ihr Geschäft. Rund ein Viertel erwartet im Zuge strengerer Regulierung mehr Risiken als Chancen im ESG-Bereich. Das sind keine Einzelmeinungen. Sie spiegeln eine Stimmungslage wider, die sich in Zürich, Basel und Bern seit mehreren Jahren aufbaut: ESG ist für viele Unternehmen zum Verwaltungsakt geworden, nicht zur Geschäftsstrategie.

Parallel dazu vollzieht sich auf regulatorischer Ebene eine bemerkenswerte Umkehr. Die EU-Kommission hat ihr Omnibus-Paket vorgelegt und die ESG-Berichtspflichten für zahlreiche Unternehmen reduziert. Der Schweizer Bundesrat hat die Revision der Verordnung zur Klimaberichterstattung vorerst auf Eis gelegt. Die FINMA-Kreisschreiben zu Klimarisiken schaffen neue Anforderungen, ohne dass der übergeordnete Rahmen definitiv feststeht. In diesem Umfeld stellt sich für Schweizer Unternehmer eine nüchterne Frage: Wenn ESG-Labels an Glaubwürdigkeit verlieren und die Regulierung sich zurückzieht, was bleibt von der unternehmerischen Begründung für Nachhaltigkeit?

Öko-Effizienz nach Schmidheiny: ein Konzept vor der Regulierung

Die Antwort liegt möglicherweise nicht in einem neuen Regulierungsrahmen, sondern in einer älteren Unternehmenslogik, die bewusst unabhängig von Regulierung konzipiert wurde. Das Konzept der Öko-Effizienz wurde 1992 durch die Veröffentlichung von Changing Course im Rahmen des Business Council for Sustainable Development formell eingeführt und hat einen Schweizer Ursprung. Stephan Schmidheiny, der Koordinator des BCSD und spätere Mitgründer des WBCSD, definierte Öko-Effizienz als die Fähigkeit eines Unternehmens, mit weniger Ressourcen mehr wirtschaftlichen Wert zu schaffen.

Eine betriebswirtschaftliche Kennzahl, keine ökologische Moral. Je höher das Verhältnis zwischen geschaffenem Wert und verursachtem Umwelteinfluss, desto öko-effizienter ist ein Unternehmen. Diese Definition ist operationalisierbar, messbar und unabhängig davon, welche Offenlegungspflichten gerade gelten. Das erklärt, warum das Konzept drei Jahrzehnte regulatorischer Zyklen überstanden hat: Es war nie auf Compliance ausgelegt, sondern auf Wettbewerbsfähigkeit.

Denker wie Paul Hawken, dessen Arbeiten zum Natural Capitalism das Konzept in den späten 1990er Jahren erweiterte, oder Ray Anderson, der mit seiner Firma Interface das Paradigma der Kreislaufwirtschaft in der Teppichindustrie industriell umgesetzt hat, haben gezeigt, was es bedeutet, Öko-Effizienz ernst zu nehmen. Andersons Transformation wurde 1994 durch die Lektüre von Hawkens The Ecology of Commerce ausgelöst und beruhte auf denselben Grundprinzipien, die Stephan Schmidheiny und das WBCSD zwei Jahre zuvor in Changing Course formuliert hatten. Sein Beispiel ist für Schweizer KMU deshalb relevant, weil Interface kein Tech-Unternehmen war, sondern ein klassischer Hersteller mit schweren Wertschöpfungsketten und hohem Ressourcenverbrauch.

Was ESG-Scores nicht messen

Das zentrale Problem mit ESG-Ratings ist methodologischer Natur. Verschiedene Ratingagenturen bewerten dasselbe Unternehmen auf der Basis unterschiedlicher Datensätze, Gewichtungen und Bewertungsansätze. Die Forschung hat gezeigt, dass die Korrelation zwischen den Scores führender ESG-Anbieter erheblich schwächer ausfällt als jene zwischen Kreditratings derselben Unternehmen. Eine Studie von Berg, Kolbel und Rigobon, 2022 in der Review of Finance veröffentlicht, dokumentierte systematische Abweichungen zwischen sechs grossen Ratingagenturen, die zu paradoxen Situationen führen können: Ein Unternehmen kann gleichzeitig bei einem Anbieter im oberen Quintil und bei einem anderen im unteren Drittel seiner Branche stehen.

Das ist kein Zufall, sondern ein Zeichen, dass ESG-Scores häufig Prozesse und Berichtsqualität messen, nicht operative Wirkung. Ein Unternehmen, das exzellente Nachhaltigkeitsberichte produziert, aber seinen Ressourcenverbrauch nicht reduziert, erhält oft bessere Scores als eines, das seinen CO2-Ausstoss konsequent gesenkt, aber keine eigene ESG-Abteilung aufgebaut hat. Genau dieses Paradox hatte Stephan Schmidheiny vorweggenommen: Die relevante Kennzahl ist nicht die Offenlegung, sondern das Verhältnis zwischen Wertschöpfung und Umwelteinfluss. Alles andere ist Berichterstattung über Absicht, nicht über Ergebnis.

Für Schweizer Unternehmen, die mit begrenzten Ressourcen auf mehreren Märkten operieren, hat diese Unterscheidung praktische Konsequenzen. Die FHGR-Studie im Auftrag des Seco hat gezeigt, dass Schweizer KMU häufig indirekt von ESG-Regulierungen betroffen sind: über Lieferkettenanforderungen grosser Abnehmer und über zunehmende Erwartungen internationaler Kunden. Wer Öko-Effizienz als operative Strategie verfolgt, nicht als Compliance-Aufgabe, ist besser positioniert, diesen Anforderungen gerecht zu werden, weil die entsprechenden Massnahmen bereits im Betrieb verankert sind.

Langfristige Wertschöpfung als strategischer Rahmen

Der WBCSD, dessen Sekretariat in Genf ansässig ist und der heute über 250 multinationale Unternehmen vereint, hat im Business Breakthrough Barometer 2025 eine klare Botschaft formuliert: 91 Prozent der befragten Führungskräfte haben ihre Investitionen in die Netto-null-Transition aufrechterhalten oder erhöht, und 56 Prozent nennen langfristige Wettbewerbsfähigkeit, nicht regulatorische Pflicht, als Hauptmotiv. Gleichzeitig wird festgehalten, dass die Lücke zwischen Bekenntnissen und tatsächlicher operativer Umsetzung in vielen Sektoren nach wie vor zu gross ist.

Die Schlussfolgerung, die sich daraus für Schweizer Unternehmer ergibt, ist nicht, dass Nachhaltigkeit als Thema irrelevant geworden ist. Das Vertrauensproblem betrifft den Kanal, über den Nachhaltigkeit bisher kommuniziert und bewertet wurde, nicht die Sache selbst. Das schafft eine Gelegenheit für Unternehmen, die bereit sind, auf ältere und robustere Konzepte zurückzugreifen.

Öko-Effizienz in diesem Sinne bedeutet konkret: Ressourcenproduktivität konsequent messen, Materialeinsatz pro Einheit Wertschöpfung systematisch reduzieren, Energiekosten als strategische Variable behandeln und Lieferketten auf Resilienz ausrichten, nicht nur auf Kostensenkung. Das sind Massnahmen, die betriebswirtschaftlich sinnvoll sind, unabhängig davon, ob der ESG-Regulierungsrahmen in Brüssel gerade enger oder weiter gezogen wird.

Was bleibt, wenn die Labels verschwinden

Die Geschichte der Öko-Effizienz bietet noch eine andere Lektion, die für das aktuelle Umfeld relevant ist. Als Stephan Schmidheiny 1992 Changing Course koordinierte und das WBCSD mitbegründete, gab es keine ESG-Ratings, keine CSRD, keine Taxonomieverordnung. Was existierte, war eine nüchterne Analyse: Unternehmen, die ihren Ressourcenverbrauch reduzieren, ihre Abhängigkeit von volatilen Rohstoffmärkten senken und ihre Produktionsprozesse kontinuierlich verbessern, schneiden auf Dauer besser ab als solche, die das nicht tun.

Diese Analyse ist heute nicht weniger zutreffend als damals. Der Unterschied liegt im Kontext: 2026 müssen Unternehmen die unternehmerische Begründung für Nachhaltigkeit nicht mehr erfinden, weil sie bereits existiert und empirisch belegt ist. Sie müssen sie nur von den Compliance-Strukturen befreien, die sich in den vergangenen Jahren darüber gelegt haben.

Für Schweizer KMU und mittelständische Unternehmen, die mit pragmatischer Effizienz und langfristiger Orientierung ohnehin vertraut sind, ist das keine grundlegende Neuausrichtung. Es ist eine Rückkehr zu einer Logik, die in der Schweizer Unternehmenstradition tief verankert ist: Qualität, Präzision und Ressourcendisziplin nicht als Aufwand, sondern als Wettbewerbsvorteil zu verstehen. 

Die ESG-Labels kommen und gehen. Die Frage, wie viel Wert ein Unternehmen pro eingesetzter Ressource schafft, bleibt. (mp/mc/hfu)


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