Klimawandel: Kräftemessen am Berg Ararat
Dogubayazit, Osttürkei – «Besuchen Sie Europa, solange es noch steht», heisst es in einem Song der deutschen Kult-Band Geier Sturzflug aus dem Jahre 1983. Das gilt wohl auch für die verbliebenen Gletscherreste am heiligen Berg Ararat an der Grenze der Türkei zu Armenien. Seit dem letzten Besuch von pressetext 2009 hat sich die Gletscherkappe auf dem 5.137 m hohen Gipfel massiv verkleinert, man kann das Wegschmelzen förmlich täglich beobachten. Dabei hat es im vergangenen Winter mehr als sonst geschneit.
Aussergewöhnliche Buchungslage
Bergführer Mehmet zeigt sich wenig optimistisch, dass sich die Gesamtlage klimatisch ändert, doch sein Chef Firat reibt sich die Hände. So viele Besucher wie in diesem Jahr 2026 hat es zuvor nie gegeben. Die Buchungslage ist fantastisch, tausende Alpinisten aus aller Welt stürmen den Berg, an dem laut biblischen Quellen die Arche Noah gestrandet sein soll. Ein kleines Abbild der Arche hat Greenpeace schon 2007 als Klimawandel-Mahnmal neben der beeindruckenden Salzgrotte von Tuzluca aufgestellt.
Die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels kann man in der Osttürkei verfolgen. Dem alarmierenden Gletscherschwund stehen erfreulicherweise vermehrte Niederschläge entgegen, die sich laut Angaben der Touristiker in den Sommer hinein verlegt haben. Das führt dazu, dass der Landwirtschaft und den Böden mehr Wasser zur Verfügung steht, das der ansonsten ausgetrockneten Bergregion auf durchschnittlich 1800 m Seehöhe zugute kommt. Die Märkte in Igdir, Dogubayazit und Agri sind jedenfalls prallvoll mit Melonen, Marillen, Kirschen und allerlei Gemüse – die Stimmung ist ausgesprochen gut.
Eine Tourismusregion im Aufbruch
Der Klimawandel interessiert die Einheimischen wenig – durch die Bank Kurden, die seit Generationen hier leben und das riesige Vulkanmassiv des Ararat als identitätsstiftend für ihre stolze Kultur betonen. Für sie zählt das Tagesgeschäft, die gute Versorgung, der Ausbau der Infrastruktur, Wohnen, Arbeiten und der funktionierende Warenverkehr. Diese Faktoren haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv gebessert. Man sieht den Wohlstand förmlich aus dem Boden spriessen, überall Baukräne, moderne Wohnbauten, neue Strassen, erhöhter Auto- und Güterverkehr, die Finanzen scheinen vorhanden.
TAF-Travel-Chef Firat zeigt keine Scheu zur Frage, wem der neue Wohlstand, die gute Entwicklung und Geschäftslage zu verdanken ist. Die politische Führung in Ankara habe vieles richtig gemacht, investiert in Regionen, die früher völlig vernachlässigt wurden. Und das gilt insbesondere für die Osttürkei, die von Kurdenkriegen, Flüchtlingsströmen und Erdbeben schwer betroffen war. Heute kann man sagen, dass die Region zwischen Kars, Vansee, Erzurum und Dogubayazit zur Westtürkei aufgeschlossen hat.
Die schleichende Abwanderung in Richtung Industriemetropolen im Westen dürfte gestoppt worden sein. Da die Geburtenraten in den ländlichen Gebieten Ostanatoliens vergleichsweise hoch sind und die Arbeitskräfte für den Wohn- und Strassenbau vor Ort benötigt werden, ist die Arbeitsmigration zuletzt gesunken und die Bevölkerung gewachsen. Ganz stark zu beobachten ist das in der Millionenstadt Van, wo eine neue Generation von hungrigen Regionalpolitikern, darunter starke Frauen, die Urbanisierung vorantreibt – natürlich überwacht durch die Führung in Ankara.
Entwicklung mit Wermutstropfen
Die kritischen Stimmen sind leiser geworden, seit sich die Lage in den Kurdengebieten beruhigt hat. Politik und Wirtschaft konzentrieren sich auf den Ausbau der grundlegenden Infrastruktur, der Frieden und Wohlstand erst ermöglicht. Die Autonomie ist spürbar, der Stolz der Kurden ungebrochen. Was der Region rund um den Vansee, dem grössten Binnensee der Türkei, jedoch noch Kopfzerbrechen macht, ist die ansonsten zaghafte Entwicklung der internationalen Besucherzahlen. Bis dato ist der Tourismus rund um den See in erster Linie von der Binnennachfrage dominiert. Besucher aus dem Ausland fehlen.
Hassan, Betreiber der einzigen Fährverbindung zwischen Gevaş 45 km südwestlich der Millionenstadt Van und der malerischen armenischen Klosterinsel Akdamar, sagt klar, was er sich denkt. Die «Pappnasen» in Ankara seien schuld daran, dass nicht deutlich mehr ausländische Besucher kommen. Vor 20 Jahren, erzählt er, habe er ständig Busgruppen aus Österreich und Deutschland empfangen und auf die Insel gebracht. Kulturpublikum und Badegäste fehlen in seiner Rechnung derzeit vollständig. Von den Höhenbergsteigern allein könne die Region nicht leben.
Dabei ist der Ararat, sein Panorama und sein biblischer Hintergrund wohl der Hauptgrund, warum überhaupt Besucher in diesen Teil des Landes kommen. Im Jahre 1840 ist der Vulkan zum letzten Mal ausgebrochen – begleitet von einem heftigen Erdbeben. Erste touristische Ansätze folgten nach 1945, immer wieder unterbrochen von Auseinandersetzungen in der Kurdenfrage. Offiziell geöffnet hat die Türkei den «Berg des Schmerzes» (Agri Dağı) erst 2001. Aufgrund seiner heiklen geografischen Lage im Grenzgebiet zu Armenien und Iran ist er weiterhin Teil einer militärischen Sperrzone, mit Strassenkontrollen an der Tagesordnung.
Die Grenzstadt Dogubayazit ist zentraler Ausgangspunkt für Bergtouren auf den Ararat, eine aufstrebende Kleinstadt, angewachsen von 10.000 auf über 80.000 Einwohner seit dem Jahr 2001. Von hier fährt man in zwei Stunden zum Auftakt der Bergtour auf rund 2.200 Meter Seehöhe, dann geht es über Almwiesen zum Camp 1 auf 3.300 Meter und über Geröll und Vulkanauswürfe auf 4.100 Meter zum Camp 2. Der Gipfeltag beginnt nach Mitternacht, etwa sechs Stunden sind es bis auf 5.137 Meter, wobei der Weg von verharschtem Schnee und Gletschereis auf den letzten 200 Metern gesäumt ist. Alles problemlos machbar, ohne irgendwelche Schwierigkeiten.
Offizielle Angaben über die Zahl der Gipfelstürmer auf dem Ararat gibt es nach wie vor nicht, da der Berg in der Vergangenheit aufgrund kurdischer und armenischer Provokationen immer wieder für internationale Aufregung gesorgt hat. Schätzungen zufolgen liegen die Zahlen inzwischen jedoch bei über 20.000 Bergsteigern pro Jahr, das wäre eine Verdoppelung seit dem Hitzejahr 2007, der bis dahin stärksten Saison, auch wenn lediglich ein Bruchteil ganz oben war. Politische Krisen und der Putsch vor zehn Jahren haben dazu beigetragen, dass der Berg von den Reiseveranstaltern immer wieder aus dem Programm genommen wurde.
Natur und Kultur pur
Dabei zählt der Ararat neben dem Elbrus und dem Kasbek im Kaukasus und dem Demavand im Iran zu den beliebtesten 5.000ern in der Region. Die relativ einfache Anreise über einen der neuen Flughäfen in Igdir, Van oder Agri und die exotische Hochlandschaft Ostanatoliens sind Garanten für ein unvergessliches Naturerlebnis. Hinzu kommen zahlreiche Kulturdenkmäler, die es zu entdecken gilt, so etwa Burgen aus der Zeit der Urartäer wie die Festung Van, reich geschmückte armenische Kirchen aus dem Mittelalter, Karawansereien entlang der Seidenstrasse oder auch Märchenpaläste wie den des Emirs Ishak Pascha aus dem 18. Jahrhundert bei Dogubayazit.
Aus der Vision des vormaligen Gouverneurs der Ararat-Provinz Igdir wurde allerdings nichts: Mustafa Tamer träumte 2001 in einem Interview mit dem deutschen Tagesspiegel von einem Fünf-Sterne-Hotel, einem Restaurant, einem Museum und einem Wintersportzentrum samt einer acht Kilometer langen Seilbahn auf den Ararat-Gletscher. Die aktuelle Realität sieht anders aus. Der Berg ist von unzähligen festverankerten und behelfsmässig lose aufgestellten Zelten übersäht und leidet an manchen Orten an Müll und Fäkalien. Wege und Klettersteige sind amateurhaft angelegt, Markierungen kaum erkennbar.
Das Kräftemessen von Touristikern mit Klimaschützern dürfte also weiter gehen. Sollten die Besucherzahlen anhaltend steigen, werden die Verantwortlichen nicht umhin kommen, über eine fix installierte Sanitär-Infrastruktur sowie überdachte Nächtigungsmöglichkeiten am Berg nachzudenken. Grössere Schutzhütten nach dem Vorbild des Alpenvereins im Zentrum von kleineren Zeltansammlungen wären sicherlich der geeignete Weg, um verwöhnte Besucher wie lokale Wirtschaftsinteressen zufriedenzustellen. Das wäre letztlich auch ein Beitrag zum Umweltschutz und Kampf gegen den fortschreitenden Klimawandel. (pte/mc/ps)