Christian Koch, Leiter BB Biotech Team bei Bellevue Asset Management, im Interview

Christian Koch, Leiter BB Biotech Team bei Bellevue Asset Management, im Interview
Christian Koch, Leiter BB Biotech-Team. (Foto: BB Biotech)

von Robert Jakob

Moneycab.com: Herr Koch, acht bestehende Beteiligungen verkauft, zwölf neue Positionen aufgebaut, das sieht nach einer grösseren Rochade aus?

Die Veränderungen spiegeln unser aktives Portfoliomanagement wider. Wir nutzen neue Entwicklungen und attraktive Bewertungen, um unser Portfolio im Rahmen unserer langfristigen Anlagestrategie gezielt weiterzuentwickeln. Ein Teil davon geht auf Übernahmen zurück: Im dritten Quartal wurden mit Crinetics und Nuvalent zwei unserer Portfoliounternehmen übernommen. Die Erlöse haben wir noch im selben Quartal neu investiert. Hinzu kommen bewertungsbedingte Anpassungen. Spiegelt der Kurs das Potenzial eines Unternehmens weitgehend wider, reduzieren oder verkaufen wir. Ergeben sich attraktive Einstiegsmöglichkeiten, bauen wir Positionen auf. Auch langjährige Beteiligungen überprüfen wir laufend. Im 3. Quartal haben wir beispielsweise die verbliebene Position in Ionis verkauft, die wir seit 2010 gehalten hatten. Langfristig investiert zu sein heisst für uns nicht, eine Position um ihrer selbst willen zu halten. Investieren heisst Handlung und Nicht-Handlung immer in Kontext von Preis und Bewertung zu setzen.

«Im dritten Quartal wurden mit Crinetics und Nuvalent zwei unserer Portfoliounternehmen übernommen. Die Erlöse haben wir noch im selben Quartal neu investiert.»
Christian Koch, Leiter BB Biotech Team bei Bellevue Asset Management

Ihr Performanceabstand zum Referenzindex NBI war hauptsächlich auf starke Kursgewinne bei Moderna und Anbietern von Genomik-Technologien dortselbst zurückzuführen. Sie haben dies bisher nicht im Anlagefokus: Sag niemals nie?

Genomik-Technologien und Moderna sind aus unserer Sicht zwei unterschiedliche Themen. Anbieter von Genomik-Technologien liegen ausserhalb unseres Anlagefokus auf Unternehmen, die innovative Medikamente entwickeln. Moderna hingegen gehört grundsätzlich zu unserem Anlageuniversum und zählt historisch gesehen sogar zu den erfolgreichsten Investitionen von BB Biotech. Die positiven Phase-3-Ergebnisse zum individualisierten Krebsimpfstoff gegen schwarzen Hautkrebs waren angesichts der bereits überzeugenden Phase-2-Daten für uns keine grosse Überraschung.

Das Ausmass des Kursanstiegs ging aus unserer Sicht allerdings deutlich über das hinaus, was sich fundamental und unter Berücksichtigung der Risiken rechtfertigen liess. Für unsere Anlageentscheidungen zählen die wissenschaftlichen und klinischen Daten, das kommerzielle Potenzial, die Unternehmens- und Finanzierungsstrategie, die Qualität des Managements und die Bewertung. Ein einzelnes starkes Indexquartal ist für uns kein ausreichender Investitionsgrund. Die relative Performance schwankt von Quartal zu Quartal. In den ersten neun Monaten erzielten wir eine NAV-Gesamtrendite von 23.0% in CHF, gegenüber 31.8% beim NBI. Seit Ende 2024 liegen wir mit 55.6% gegenüber 53.7% leicht vorne, jeweils per Ende September und einschliesslich Dividenden.

Ihr Portfoliounternehmen Revolution Medicines hat für das Medikament Daraxonrasib bei metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs die Zulassung erhalten. Da diese Form von Tumor ganz übel ist, hat das sicher Blockbuster-Potenzial, oder?

Die US-Zulassung ist ein wichtiger Fortschritt für Patientinnen und Patienten mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs, für die bislang nur wenige Behandlungsmöglichkeiten bestehen. Wir sehen erhebliches kommerzielles Potenzial. Ein hoher medizinischer Bedarf allein macht aber noch keinen Blockbuster. Entscheidend sind der nachgewiesene Nutzen, die Verträglichkeit und die Anwendung im Behandlungsalltag. All dies sieht für das zugelassene Präparat in Pankreaskrebs bahnbrechend aus. Daraxonrasib richtet sich gegen RAS, ein Signalprotein, das bei einigen Krebsarten eine zentrale Rolle spielt. Das macht den Ansatz sogar über diese erste Indikation hinaus interessant. Nach den starken Kursgewinnen haben wir die Position von mehr als 11% des NAV zu Jahresbeginn auf rund 5 reduziert und damit Gewinne realisiert. Von der Investmentthese sind wir weiterhin überzeugt.

Eine weitverbreitete Krankheit ist die Schuppenflechte. Oruka Therapeutics legte Daten zu seinem Medikament gegen die Psoriasis vor, welche wohl auch ein Renner werden kann …

Psoriasis ist ein grosser Markt, in dem bereits sehr wirksame Therapien verfügbar sind. Neue Medikamente müssen sich deshalb klar abheben. Oruka entwickelt ORKA-001 mit dem Ziel, eine hohe Wirksamkeit mit deutlich selteneren Injektionen zu verbinden. Nach den ermutigenden 28-Wochen-Daten aus EVERLAST-A hat Oruka am 26. Oktober auch positive Ergebnisse aus der Phase-2b-Studie EVERLAST-B veröffentlicht. Die 52-Wochen-Daten aus EVERLAST-A werden im Dezember erwartet. Man muss sich vorstellen, dass man hier von einer halbjährlichen bis jährlichen subkutanen Injektion ausgeht, die für einen Grossteil (60–70%) der Patienten vollständig erscheinungsfreie Haut und für nahezu alle eine deutliche Verbesserung des Hautbildes bedeuten könnte. Den Beginn der Phase-3-Studien plant das Unternehmen für das erste Halbjahr 2027, vorbehaltlich der Abstimmung mit den Zulassungsbehörden.

«Psoriasis ist ein grosser Markt, in dem bereits sehr wirksame Therapien verfügbar sind. Neue Medikamente müssen sich deshalb klar abheben.»

Die Übernahmen von Crinetics Pharmaceuticals und Nuvalent führten zu Einnahmen von rund 280 Millionen Franken, die BB Biotech sofort wieder reinvestieren konnte. Gibt es denn so viele gute Ziele?

Ja, durchaus. Entscheidend ist jedoch die richtige Auswahl. Die Bewertungen im Biotechsektor liegen derzeit weit auseinander, und das eröffnet Chancen. Mit den zwölf Neuinvestitionen haben wir das Portfolio über verschiedene Entwicklungsstadien hinweg ergänzt: etablierte Unternehmen mit vermarkteten Medikamenten wie Biogen, Incyte und Axsome, Unternehmen mit fortgeschrittenen klinischen Programmen wie Kodiak Sciences oder Summit Therapeutics sowie kleinere Positionen in Alto Neuroscience, Yarrow Bioscience und Eupraxia Pharmaceuticals mit Programmen in früheren klinischen Entwicklungsphasen. Entscheidend ist bei jeder Neuinvestition, ob die Bewertung das wissenschaftliche und kommerzielle Potenzial noch nicht ausreichend widerspiegelt. Nach der Korrektur im September haben wir zudem einzelne Positionen zu tieferen Kursen wieder ausgebaut, die wir zuvor zu höheren Bewertungen reduziert hatten.

Private Beteiligungen machen weiterhin nur einen geringen Teil Ihres Portfolios aus. Ist das jetzt vielleicht aufgrund der Versteifung an den Kreditmärkten ein Segen für BB Biotech?

Private Beteiligungen sind für uns eine gezielte Ergänzung des börsenkotierten Portfolios. Wir bauen diesen Bereich schrittweise aus, sofern die Qualität der Unternehmen und ihre Bewertungen überzeugen. Dabei vergleichen wir die Chancen im privaten Markt konsequent mit den verfügbaren börsenkotierten Alternativen. Private Biotechunternehmen finanzieren ihre Entwicklung vor allem über Eigenkapitalrunden. Der weitere Kapitalbedarf und die geringere Liquidität sind deshalb wichtige Kriterien für unsere Auswahl und Gewichtung. Im dritten Quartal kam mit Soufflé Therapeutics eine neue private Beteiligung hinzu. Einzelne private Unternehmen können später an die Börse gehen, wodurch sich auch die Zusammensetzung dieses Portfolioteils verändert. Der Schwerpunkt bleibt auf börsenkotierten Unternehmen.

Da Sie hauptsächlich in US-Biotech-Firmen investiert sind, führt der Zinsschluckauf bei den Treasuries sicherlich dazu, weiter vorsichtig zu sein, obwohl Sie kurz davor, wie ja gerade mehrfach erwähnt, einige Gewinne einfahren konnten, nicht wahr?

Steigende langfristige Zinsen können Biotechbewertungen belasten, weil viele erwartete Erträge noch weit in der Zukunft liegen. Ein hohes, aber stabiles Zinsniveau ist dagegen besser planbar und schliesst steigende Bewertungen nicht aus. Sinkende Zinsen können dem Sektor zusätzlichen Rückenwind geben. Für Unternehmen mit zusätzlichem Kapitalbedarf spielt das Finanzierungsumfeld eine noch wichtigere Rolle. Die Marktkorrektur im September hat gezeigt, wie unterschiedlich Unternehmen auf Veränderungen im Marktumfeld reagieren. Wir hatten zuvor bei einigen Unternehmen während der klinischen Entwicklungsphase Gewinne mitgenommen und damit die Auswirkungen auf unser Portfolio begrenzt. Entscheidend bleibt für uns die individuelle Beurteilung der Bewertung, der Finanzierungssituation und der nächsten klinischen Meilensteine. Nach der Korrektur sehen wir wieder attraktive Einstiegsmöglichkeiten. Unsere permanente Kapitalbasis gibt uns den Handlungsspielraum, solche Chancen langfristig zu nutzen.

Für das laufende Quartal erwarten Sie bei sechs Ihrer Portfoliounternehmen das Erreichen wichtiger Meilensteine. Bewertet Ihr laufendes AI-Programm auch die Risiken eines Fehlschlags oder einer Verzögerung?

Ja. Wir bauen die systematische Szenarioanalyse vor wichtigen klinischen und regulatorischen Ereignissen weiter aus. Dabei dokumentieren wir mögliche Ergebnisse, geschätzte Eintrittswahrscheinlichkeiten und die Auswirkungen auf die Bewertung, einschliesslich Fehlschlägen und Verzögerungen. Das soll natürlich frühzeitig bevor die Resultate vorliegen geschehen. So können wir im Nachhinein systematisch überprüfen, wie präzise unsere Prognosen waren und sowohl unsere Analysen als auch die zugrunde liegenden Modelle kontinuierlich verbessern. Unser eigenes KI-natives Betriebssystem verknüpft dafür unsere gesamte Datengrundlage inklusive Unternehmens-, Studien- und Marktdaten mit Bewertungen und dokumentiert die zugrunde liegenden Annahmen nachvollziehbar. Die Verantwortung für die Anlageentscheidungen bleibt dabei stets beim Investmentteam.

«Wir bauen die systematische Szenarioanalyse vor wichtigen klinischen und regulatorischen Ereignissen weiter aus.»

In der Schweiz sind Biotechinvestitionen seit einem Vierteljahrhundert Verlustbringer. Grosse Ausnahme war Actelion. Was muss sich ändern?

Diese pauschale Einschätzung greift aus meiner Sicht zu kurz. Man muss unterscheiden zwischen der Entwicklung einzelner Schweizer Biotechaktien, dem Erfolg des Forschungsstandorts und der Rendite eines globalen Biotechportfolios. Die Schweiz verfügt über hervorragende Forschung und mit Roche und Novartis über zwei Weltkonzerne. Ob aus guter Wissenschaft ein erfolgreiches Unternehmen wird, hängt aber von vielen Faktoren ab: klinischen Daten, Unternehmensführung, Finanzierung und kommerzieller Umsetzung.

Ich habe das bewusst spitz formuliert. Sehr viele kotierte Schweizer Biotechs haben nun mal Kapital verbrannt.

Kapital ist heute international verfügbar. Entscheidend ist deshalb auch ein funktionierender Absatzmarkt, in dem medizinische Innovation über angemessene Preise und verlässliche Erstattung honoriert wird. Unternehmen brauchen eine wirtschaftliche Perspektive, damit aus guter Forschung neue Medikamente werden können. Zugleich ist Biotech eine globale Branche. Unser globales Portfolio erzielte seit der Lancierung 1993 bis Ende September 2026 eine annualisierte NAV-Gesamtrendite von rund 11% in CHF und 13% in USD. Der Kursabschlag zum NAV bietet Anlegerinnen und Anlegern die Möglichkeit, sich unter dem rechnerischen Wert der zugrunde liegenden Beteiligungen an diesem Portfolio zu beteiligen. Über unsere Aktie an der SIX Swiss Exchange und der Frankfurter Wertpapierbörse erhalten Anlegerinnen und Anleger Zugang zu diesem globalen Portfolio.

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