BlackRock – Aktueller Blick auf die Märkte: Alle Augen auf die EZB

Martin Lück
Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock.

Wenn am Donnerstag dieser Woche die EZB-Volkswirte ihre makroökonomischen Prognosen vorlegen, wäre alles andere als eine deutliche Aufhellung des Ausblicks eine Überraschung. Vor allem für das kommende Jahr dürfte die BIP-Schätzung ordentlich nach oben revidiert werden, und auch eine dynamischere Entwicklung der Inflationsprojektion über die nächsten drei Jahre erscheint naheliegend.

Vor dem Hintergrund dieser positiven Einschätzungen könnte es eine Herausforderung für Christine Lagarde werden, in der Pressekonferenz zu erklären, warum der EZBRat an der sehr grosszügigen Geldpolitik festhält. Speziell geht es hierbei um die Grössenordnung des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP), welches die EZB im März deutlich ausgeweitet hatte, um eine Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen infolge des Zinsanstiegs in den USA zu verhindern. Wir erwarten, dass die EZB auch für das gerade begonnene dritte Quartal am Rhythmus ihrer Käufe im Rahmen des PEPP festhalten und lediglich darauf verweisen wird, dass bei einer weiteren Verbesserung von Wachstums- und Inflationsausblick die pandemiebedingten Krisenmassnahmen selbstredend zurückgefahren werden, der richtige Zeitpunkt hierfür aber noch nicht erreicht ist.

Das Dilemma der EZB wird deutlich, wenn man die Grössenordnung der Daten betrachtet. So könnte in den neuen Projektionen sowohl für dieses als auch nächstes Jahr beim realen Wachstum eine vier vor dem Komma stehen, der dynamische Neustart nach Öffnung der Covid-bedingten Lockdowns macht es möglich. Die Crux ist nur, dass trotz eines ebenfalls positiveren Blicks auf die Inflationsentwicklung die Prognosen der EZB-Volkswirte weit unter dem Ziel von 2% bleiben – und das auf Sicht mehrerer Jahre. Zwar ist für dieses Jahr mit kräftigen Basiseffekten bei den Verbraucherpreisen zu rechnen, immerhin erreichte im Mai der harmonisierte Index für die Eurozone wieder 2,0%. Dennoch aber dürfte der Jahresdurchschnitt 2021 deutlich unter dieser Marke herauskommen, bei vielleicht 1,7%, und sobald die Sondereffekte auslaufen, dürfte sich die Dynamik des Preisauftriebs dann sogar wieder abschwächen und in den Jahren 2022 und 2023 eher um 1,5% oszillieren. Denn die EZB hält die gegenwärtige Inflationserholung im Zuge des ökonomischen Neustarts für ein temporäres Phänomen, und diese Ansicht teilen wir. Während es also notwendig ist, die pandemiebedingten Sondermassnahmen nach dem Ende der Covid-Krise herunterzufahren, so sinnvoll ist es auch, die expansive Geldpolitik der Vor-Covid-Zeit laufen zu lassen, wenn sich am fundamentalen Inflationsausblick nichts geändert hat. Nur ist es eben deutlich anspruchsvoller, derartiges in Zeiten allgemeinen Optimismus‘ angemessen zu kommunizieren.

Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt dämpft Ängste vor Veränderung
Der überraschend deutliche Sieg der CDU bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (37,1%) hat unbestreitbare Auswirkungen auf die Bundespolitik, und das, obwohl dieses Bundesland eigentlich zu klein und zu atypisch strukturiert ist, um als Modell für die Bundestagswahl am 26. September zu taugen. Das Signal lag denn auch eher darin, dass mit dem Sieg des populären Amtsinhabers Reiner Haseloff der Druck auf den CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet geringer geworden und damit das Risiko, dass er kurz vor der heissen Phase des Wahlkampfes doch noch durch einen zugkräftigeren Kandidaten ersetzt wird, vermutlich vom Tisch ist. Die CDU hat gezeigt, dass sie noch Wahlen gewinnen kann. Gleichermassen wurde mit dem mageren Zugewinn der Grünen, die es auf gerade einmal 5,9% brachten, der Hauptkonkurrent für die Bundestagswahl erheblich eingebremst, womit sich die Sachsen-Anhalt-Wahl in eine Kette jüngerer Rückschläge für die Bundesgrünen und ihre Kandidatin Annalena Baerbock einreiht. Zwar hatte angesichts der nicht gerade grünentypischen Wählerschaft in dem ländlich und kleinstädtisch geprägten Bundesland kaum jemand ein Sensationsergebnis für die Grünen erwartet, dennoch war aber die Botschaft deutlich: Auch mit Baerbock können die Grünen nicht übers Wasser gehen. Interessant war schliesslich auch, dass das linke Lager (SPD und Linkspartei) es erneut nicht vermochten, sich als Vertreter der sozial Benachteiligten darzustellen und somit heftige Verluste einfuhren, sowie dass es der FDP gelang, sich als Gralshüter der Marktwirtschaft gegen die Gefahr eines immer übergriffigeren Staates zu positionieren, womit sie sich wie im Bund klar rechts von der CDU einsortierte. Aus dem Blickwinkel vieler Kapitalmarktteilnehmer steigt damit die Chance auf ein „wirtschaftsfreundliches“ Ergebnis am 26. September, und das Schreckgespenst einer Kanzlerin Baerbock und durchgreifender ökologischer Erneuerung von Wirtschaft und Gesellschaft erscheint auf dem Rückzug. Insofern hat Sachsen-Anhalt auch aus Marktsicht mehr geliefert, als viele erwartet hatten. (BlackRock/mc/ps)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.