BP-Ölpest: Vertuscht, verzerrt und vergessen

BP Ölpest Golf von Mexiko

Ölverschmierter Wasservogel im vergangenen Frühjahr vor der US-Südküste.

Washington – Ein Jahr ist es her, seit am 20. April 2010 die BP-Ölbohrinsel «Deepwater Horizon» verunglückte. Die Katastrophe forderte elf Menschenleben und setzte 780 Mio. Liter Rohöl in den Golf von Mexiko frei. Fischerei und Tourismus der US-Golfküste, jedoch auch zahlreiche Ökosysteme erlitten enorme Schäden.

«Obwohl das Unglück bis zum Fukushima-Atomdesaster das Umweltthema Nummer Eins war, hat die Welt daraus nichts gelernt», so die nüchterne Zwischenbilanz von Greenpeace-Experten Jurrien Westerhof im pressetext-Interview.

«Beschwichtigt und vertuscht»
Für die Verhinderung jeglichen Wandels macht der Umweltschützer die US-Regierung wie auch den Ölkonzern BP verantwortlich. «Vom ersten Tag der Katastrophe an bis heute haben beide nur beschwichtigt und vertuscht. Schon anfangs hiess es immer, es trete nur wenig Öl aus, zudem vermied BP über lange Zeit mit Erfolg genaue Messungen. Jede Ungenauigkeit in den Angaben half dem Konzern.» Das Herunterspielen des Ausmaßes und der langfristigen Folgen sei nicht nur Frage des Images, sondern habe auch Konsequenzen für Schadenersatz-Forderungen.

Gekaufte Forschung
Die Gegenstrategie von BP reiche bis weit in die Forschung hinein. «Innerhalb weniger Wochen nach dem Unglück hat BP zahlreiche Wissenschaftler mit viel Geld gekauft. Das Dilemma der Forscher ist immer, dass sie gerne viel tun würden, jedoch keine Mittel dafür haben. In Folge des Unglücks wurden viele von ihnen in BP-Forschungsprogramme eingebunden, wodurch der Ölkonzern die Oberhand bekam. Denn häufig lautet die Taktik, Studien in Auftrag zu geben, die dann erst zu einem späteren Zeitpunkt oder gar nicht mehr veröffentlicht werden».

Ausmass von US-Regierung heruntergespielt
Noch immer sind heute weite Teile der US-Golfküste verschmutzt, allen voran ökologisch hochsensible Marschgebiete. Im Meer ist der Grossteil des ausgetretenen Rohöls laut offiziellen Berichten bereits verschwunden. Das dürfte jedoch nur auf die Meeresoberfläche zutreffen, kontert Westerhof. «Ölrückstände sind im Plankton sichtbar, zudem ist die Tiefsee rund um die Unglücksstelle weiterhin voller Öl. Der hohe Wasserdruck, das fehlende Licht und Temperaturen von zwei Grad Celsius verlangsamen den Abbau.» Gestützt werden diese Aussagen von Ergebnissen von Forschern, die das Greenpeace-Schiff «Arctic Sunrise» als schwimmendes Labor nutzten.

Mehr Tiere auf See verendet
Weitere Hinweise auf Umweltfolgen liefern die Zählungen verendeter Tiere, die an die Küste geschwemmt wurden. Den Tod von 6.000 Vögeln, 700 Schildkröten und 100 Walen und Delfinen bringt die US-Regierung mit dem Ölunglück in Zusammenhang. Auch hier geht Westerhof von deutlich größerem Ausmaßen aus. «An Land geschwemmte Tiere stellen nur einen Bruchteil der auf hoher See verendeten dar. Bei Walen geht man davon aus, dass die Zahl der Opfer jene der tot angeschwemmten um das 50-Fache übersteigt. Derzeit beträgt die Rate der angeschwemmten Delphine das Dreifache des natürlichen Wertes.»

Wettbohren in Risikogebieten geht weiter
Langfristige politische Folgen hatte die Katastrophe keine. Der Tiefsee-Bohrstopp der US-Regierung für bestimmte Regionen im Golf von Mexiko hielt bloss fünf Monate und ist seither wieder aufgehoben. «Moratorien sind die Standardreaktionen der Politik, mit der sie den Anschein erwecken will, dass sie schnell handelt. Fast immer werden diese vorübergehenden Beschlüsse jedoch rasch wieder aufgehoben – wie aktuell etwa auch für die stillgelegten deutschen Atommeiler zu erwarten ist», so Westerhof.

Immer mehr herkömmliche Förderquellen versiegen
Die fieberhafte Bohren nach Öl geht weiter, besonders in der Tiefsee und Arktis, wo komplizierte Bedingungen herrschen. Denn immer mehr herkömmliche Förderquellen versiegen oder werden unzugänglich wie etwa aktuell in mehreren arabischen Ländern. Trotz höchster Sicherheitsstandards können Unglücksrisiken nur minimiert, niemals jedoch ausgeschaltet werden. «Wir werden einen ähnlichen Vorfall nie verhindern können», kommt sogar Thad Allen, der frühere Koordinator der US-Regierungsmaßnahmen im Kampf gegen die BP-Ölpest, zum Schluss.

Originalbeitrag Pressetext (pte/mc/ss)

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