Energiewende: Heimatschützer wehren sich gegen Angriff auf ihren Einfluss

Adrian Schmid

Adrian Schmid, Geschäftsleiter Schweizer Heimatschutz. (Bild: Alliance Patrimoine)

Bern – Beim Ausbau der erneuerbaren Energien prallen die Interessen des Heimatschutzes und der Kraftwerkbetreiber aufeinander. Vier Heimatschutz-Verbände wollen dafür kämpfen, dass Kulturgutschutz und Energiewende nicht gegeneinander ausgespielt werden, notfalls mit einem Referendum. Der Schweizer Heimatschutz und drei weitere Verbände kündigten am Dienstag vorsorglich das Referendum gegen Bestrebungen an, den Natur- und Heimatschutzes zurückzubinden. Zu diesem Zweck gründeten sie die Alliance Patrimoine, die sich als «Anwältin des kulturellen Erbes» versteht.

Im Visier haben die Organisationen vor allem eine parlamentarische Initiative aus dem Ständerat. Eine Kommission arbeitet derzeit auf Basis des Vorstosses eine Gesetzesrevision aus: Bei der Bewilligung von Bauten zur Nutzung erneuerbarer Energie sollen Gutachten von Natur- und Heimatschutz-Verbänden an Gewicht verlieren. Darin sieht die Alliance Patrimoine eine «Demontage des Denkmal- und Landschaftsschutzes», wie Adrian Schmid, Geschäftsleiter Schweizer Heimatschutz, vor den Medien in Bern sagte. Die Interessen des Natur- und Heimatschutzes dürften nicht über jene der Förderung der erneuerbaren Energie gestellt werden.

Genügend unproblematische Gebäude
Der Heimatschutz stehe hinter der Energiewende. Diese sei aber «kein Freipass, die letzten wilden Bergbäche zu verbetonieren oder die Dächer von geschützten Baudenkmälern willkürlich mit Solaranlagen zu bestücken», sagte Schmid weiter. Aus Sicht der Allianz gibt es genügend andere Möglichkeiten für Kraftwerke mit erneuerbaren Energieträgern, ohne dafür Kulturgüter unwiderbringlich in Mitleidenschaft zu ziehen. Maximal fünfzehn Prozent der Gebäude in der Schweiz stehen laut Allianz unter Denkmal- oder Ortsbildschutz. Damit blieben rund 1,5 Mio Gebäude, auf denen bedenkenlos Solaranlagen gebaut werden könnten, sagte Nicole Bauermeister, Direktorin der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK.

Juwelen schützen
Verhindern will die Allianz beispielsweise Solaranlagen auf den Dächern der Berner Altstadt. Solche «Juwelen» gelte es zu schützen, sagte Schmid. Für den Ausbau stünden aber vermehrt auch Schutzgebiete und -objekte wie etwa jene im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN). Weiter gibt die Allianz zu bedenken, dass es viel effizienter sei, Solaranlagen auf Fussballstadien oder Einfamilienhäusern zu installieren, als in einer dicht gebauten und deshalb bereits energieeffizienten Altstadt.

Die Alliance Patrimoine setzt sich aus den Organisationen Archäologie Schweiz (AS), Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK), der Nationalen Informationsstelle für Kulturgüter-Erhaltung (NIKE) sowie dem Schweizer Heimatschutz (SHS) zusammen. Nach eigenen Angaben vereint sie 92’000 Mitglieder.

Rückhalt vermutet
Angesichts der deutlichen Annahme des neuen Raumplanungsgesetzes und des Erfolges der Zweitwohnungsinitiative sieht die Allianz ihr Anliegen des Kulturguterhaltes in der Bevölkerung breit abgestützt. Zum Verhältnis von Schutz und Nutzen machte auch der Bundesrat Vorschläge in seiner Energiestrategie, die einen markanten Ausbau der erneuerbaren Energie vorsieht. Die Nutzung und der Ausbau erneuerbarer Energien soll nach dem Vorschlag als nationales Interesse verankert werden. Bei Anlagen ab einer gewissen Grösse wären die Interessen am Bau gleich- oder höherwertig als Heimatschutzinteressen.

Gegenüber diesem Vorhaben zeigte sich der Heimatschutz in der Vernehmlassung skeptisch und mahnte zu einer umsichtigen Umsetzung einer solchen Bestimmung. Auf Kritik an langen Verfahrensdauern für Bewilligungen weist der SHS darauf hin, dass er Beschwerden zurückhaltend einsetzt und eine relativ hohe Erfolgsquote aufweist. (awp/mc/ps)

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