Exportrisiko-Monitor: Politische und konjunkturelle Risien steigen

Stefan Ruf

Stefan Ruf, CEO Euler Hermes Schweiz. (Bild: Euler Hermes)

Wallisellen – Nach 2015 befragten die Berner Fachhochschule und Euler Hermes im 2016 erneut über 300 export­orientierte Schweizer Unternehmen nach ihren Exportrisiken. Die grosse Mehrheit der befragten Un­ternehmen sind KMU mit 10-250 Mitarbeitern. Im Rahmen dieser Umfrage haben die Firmen offen gelegt mit welchen Absicherungsmassnahmen sie den aktuellen und künftig erwarteten Exportrisiken begegnen. Im Vorjahresvergleich haben sich viele Erwartungen bestätigt, wie etwa Exporteinbussen durch den starken Schweizer Franken. Andere Tendenzen haben sich während der letzten zwölf Mo­nate verändert und die Unternehmen müssen sich auf das aktuelle Umfeld neu einstellen.

Innovativer und globaler – Schweizer wollen mit diesem Erfolgsrezept künftig punkten
„2015 war geprägt von Währungsturbulenzen und damit verbundenen Exporteinbussen von 5,5 Milli­arden Franken“, sagt Ludovic Subran, Chefökonom der Euler Hermes Gruppe. „2016 können Schwei­zer Exportunternehmen zumindest die Hälfte wieder aufholen, denn wir erwarten zusätzliche Export­gewinne in Höhe von 2,5 Milliarden Franken. Das Erfolgsrezept für die Zukunft sehen viele Schweizer Exportunternehmen in Innovationen. Sie wollen sich künftig noch stärker diversifizieren, sowohl bei neuen Produkten als auch bei den Absatzmärkten und ihre Präsenz in wichtigen Exportländern aus­bauen. Vielerorts steigen die Exportrisiken derzeit allerdings an, mit sinkender Zahlungsmoral, stei­genden Zahlungsausfällen und Insolvenzen, zum Beispiel in den Golfstaaten, Südostasien oder auch in den USA. Absicherungsmassnahmen stehen deshalb auch bei den Exporteuren im Fokus – dabei fällt auf, dass Schweizer Unternehmen vor allem auf Vorauszahlung oder Anzahlung sowie auf Garan­tien und Kreditversicherungen setzen.“

Risikoerwartung verschiebt sich: Politische und konjunkturelle Risiken vs. Währungsrisiko
Über ein Drittel der Schweizer Exportfirmen gehen davon aus, dass künftig konjunkturelle und politi­sche Risiken zunehmen werden und das Währungsrisiko stabil bleiben wird. „In den nächsten 12 Mo­naten erwarten die Schweizer Exportunternehmen vor allem eine Zunahme der politischen und der konjunkturellen Risiken“, erläutert Dr. Paul Ammann, Leiter Executive MBA der Berner Fachhochschu­le. „Im vergangenen Jahr war es genau umgekehrt: Nur 22% der befragten Unternehmen erwarten ein höheres Wechselkursrisiko gegenüber 69% im 2015. Insgesamt bleibt das Währungsrisiko jedoch der Risiko-Spitzenreiter. 96% der Unternehmen leiden immer noch stark und mittel unter dem starken Schweizer Franken und geben an, deshalb Aufträge im Ausland verloren zu haben. Andere Risiken zeigen eine steigende Tendenz – nicht zuletzt bedingt durch den schwachen Welthandel. So stiegen zuletzt sowohl die unbezahlten Rechnungen von ausländischen Kunden und die daraus resultieren­den Liquiditätsengpässe bei Schweizer Exportunternehmen an. Dasselbe gilt für durch politische Tur­bulenzen verlorenen Aufträge.“

Importe und Auslagerungen sowie Innovationen gewinnen an Bedeutung
Dennoch spielen ausländische Märkte weiterhin eine wichtige Rolle. Alle befragten Unternehmen ge­ben auch im 2016 an, vermehrt Geschäfte ins Ausland zu verlagern, vermehrt im Ausland einzukaufen sowie eine zunehmende Präsenz in den wichtigsten Exportmärkten aufzubauen. Dies deckt sich mit der Schweizerischen Exportstatistik, die eine Verringerung der Importpreise vermerkt. Importe aus dem Vereinigten Königreich (UK) nahmen gemäss der Eidgenössischen Zollverwaltung EZV um 2%, Importe aus den USA um 7% zu. Zudem wollen Schweizer Firmen den Fokus auf Produktinnovatio­nen setzen.

Teilweise neblige Glaskugel: Nicht alle Erwartungen aus 2015 trafen ein
Eine deutliche Exportzunahme im Vergleich zu 2015 erwarten Schweizer Unternehmen für Deutsch­land, Frankreich, die Golfstaaten, Grossbritannien, Indien, Japan und die USA. Exportrückgänge wer­den vornehmlich bei Ausfuhren nach Brasilien und Russland erwartet.

„Interessant ist rückblickend, dass nur ein Teil der Erwartungen für den Export aus der Umfrage 2015 auch tatsächlich eingetroffen sind“, erklärt Stefan Ruf, CEO von Euler Hermes Schweiz. „2015 haben Unternehmen erwartet, dass die Exporte nach China, in die Golfstaaten und in die USA stark anstei­gen werden. Im Jahr 2016 sehen wir in der Statistik, dass sie mit den USA zwar richtig lagen, ansons­ten aber vor allem die Exporte nach Grossbritannien zugenommen haben. Der erwartete Exportrück­gang in die Euroländer aufgrund des starken Schweizer Frankens ist dagegen eingetroffen. Voraus­schauend ist es positiv, dass die Unternehmen für 2016 einen stabilen bis wieder leicht wachsenden Export in diese Länder erwarten.“

Grund für diese Abweichung waren massgeblich Veränderungen in der konjunkturellen Lage sowie günstige Wechselkurse: „Das Exportwachstum nach China ist aufgrund der dortigen, anhaltenden Krise und verlangsamten Konjunktur nicht erwartungsgemäss gewachsen“, erklärt Subran. „Dieses Phänomen beobachten wir nicht nur in der Schweiz, sondern auch bei wichtigen anderen Handels­partnern der Chinesen. Aber nicht nur das konjunkturelle Risiko in China ist im vergangenen Jahr gestiegen, sondern auch das Risiko von Zahlungsausfällen. Das zieht seine Kreise in andere Schwel­lenländer, in Europa, Lateinamerika und Südostasien. Auch die Golfstaaten verzeichnen durch die niedrigen Ölpreise Schwierigkeiten. Beim Handel mit Grossbritannien und den USA kam den Schwei­zer Exporteuren der stabile Dollar-und Pfund-Wechselkurs zugute, so dass hier ihre Erwartungen zutreffend waren.“

Risikolage in Exportländer verschlechtert sich im Vergleich zum 2015
Anfang 2015 schätzten Schweizer Unternehmen die Risikolage in Afrika, Russland und Südamerika als hoch ein, was sich im Laufe des Jahres auch bestätigt hat. Auch jetzt, Anfang 2016, sehen Schweizer Exportunternehmen weiterhin die Risikosituation in Brasilien und Russland als kritisch hoch ein, dazu gekommen sind steigende Risiken in den Golfstaaten und der Türkei.

Die Top 3 Exportrisiken im 2016

  1. Währungsrisiko
  2. Konjunkturelle Risiken
  3. Delkredere-/Kreditrisiken

Schweizer Exportunternehmen bleiben stark betroffen von der Währungsthematik. 96% (2015: 87%) der befragten Unternehmen waren stark oder mittel vom Währungsrisiko betroffen. Die konjunkturellen Risiken und die Delkredere-/Kreditrisiken blieben die zweit-und drittwichtigsten Risiken mit 83% (88%) bzw. 57% (55%) Nennungen bei stark und mittelmässig betroffenen Schweizer Exportunter­nehmen.

Top 6 Absicherungsmassnahmen der Schweizer Exportunternehmen

  1. Vorauszahlung / Anzahlung (78%, 68% im 2015)
  2. Neue Produkte / Innovationen (66%*)
  3. Engen Kontakt zu Vertriebspartnern im Ausland aufbauen (65%*)
  4. Präsenz in den wichtigsten Exportmärkten (Diversifikation) aufbauen (55%, 48% im 2015)
  5. Einkauf im Ausland bei Aufwertung des CHF (53%, 52% im 2015)
  6. Kostensenkungen in der Schweiz bei Aufwertung des CHF (49%, 2016 und 2015)

Währungsrisiko beschäftigt Exportfirmen immer noch am stärksten
Die Mehrheit der Schweizer Exportunternehmen (53%), federn das Währungsrisiko durch günstige Einkäufe im Ausland ab, senken die Kosten in der Schweiz, stellen ihren ausländischen Kunden Rechnungen in USD/EUR/CHF oder erhöhen ganz einfach die Preise im Ausland. Ferner wird die Verlagerung ins Ausland (26% der befragten Unternehmen) ein sehr wichtiges Instrument um dem Währungsrisiko zu begegnen. 58% der Unternehmen, die diese Absicherungsmassnahme einsetzen haben angegeben, diese in den nächsten 12 Monaten intensiver zu nutzen.

„26% (24% in 2015) der Unternehmen geben an, die Aufwertung des Schweizer Frankens durch Preiserhöhungen bei Kunden im Ausland weitergeben zu können. Das ist ein erfreulicher Wert. Diese Tatsache wurde durch eine Zusatzfrage weiter untersucht. Es hat sich gezeigt, dass lediglich 20% über 80% der Aufwertung an ausländische Kunden weitergeben können, d. h. auch bei den Unter­nehmen, die eine Preiserhöhung durchsetzen können, bleibt ein Verlust aufgrund der Erhöhung des Wertes des Schweizer Frankens“, sagt Ammann.

Politische und Delkredererisiken (Nichtzahlungs-Risiko) mehrheitlich durch Vorauszahlungen abgefedert
„Die politischen Risiken sowie Zahlungsausfallrisiken sind im 2015 rund um den Globus gewachsen. Turbulente Zeiten waren vor allem in Brasilien, China und Russland sowie in zahlreichen Schwellen­ländern an der Tagesordnung“, erklärt Subran. „Weltweit erwarten wir 2016 erstmals nach sechs Jah­ren wieder einen Anstieg der Insolvenzzahlen um 2%.“

„Zuhause bleiben ist allerdings keine Lösung, wenn die Unternehmen langfristig wachsen wollen. Wenn sie sich aus risikoreicheren Märkten jetzt zurückziehen, müssen sie sich zu einem späteren Zeitpunkt ganz hinten anstellen, wenn das Wachstum wieder kräftig anzieht. Die Absicherung von Liquiditäts-und Bilanz-Risiken spielt deshalb aber eine immer grössere Rolle. Instrumente wie Kredit­versicherungen können Unternehmen künftig vermehrt helfen, wettbewerbsfähig zu bleiben und ihren Absatz im Ausland zu vergrössern“, sagt Ruf.

Die Umfrage zeigt, dass Schweizer Unternehmen vor allem mit Vorauszahlungen, Bonitätsabklärun­gen über Kunden in den Exportländern, Akkreditiven oder durch Garantien und Kreditversicherungen gegen das Nichtzahlungsrisiko vorgehen. Mehrere Unternehmen geben allerdings auch an, bewusst auf Exporte in politisch unsichere Märkte zu verzichten.

„Drei Viertel der befragten Unternehmen schaffen es, Vorauszahlungen bei ihren Abnehmern im Aus­land durchzusetzen. 66% der Unternehmen geben zudem an, in gewissen Fällen eine Vorauszahlung von 100% verlangen zu können. Aber 89% geben auch an, andere Massnahmen als die im Fragebo­gen aufgeführten, zu implementieren. Aus den offenen Angaben wird ersichtlich, dass die Mehrheit der Unternehmen 30% Anzahlung bei Bestellung verlangen kann – ein recht hoher Betrag“, erklärt Ammann.

13% der Unternehmen geben an, eine Kreditversicherung einzusetzen. Es fällt jedoch auf, dass 58% der Unternehmen, die eine Kreditversicherung abgeschlossen hatten, diese oft einsetzen. Ein ähnli­ches Verhältnis gilt für das Instrument der Garantie. Die Frage stellt sich, ob die Schweizer Unterneh­men genügend über diese Instrumente informiert sind – die zwar durch relativ wenige Firmen, aber durch diese sehr intensiv eingesetzt werden. Langfristig werden immer weniger Kunden bereit sein, eine Vorauszahlung zu leisten, da die Konkurrenz stärker wird. (Euler Hermes/mc/ps)

Angaben zur Umfrage
Zum zweiten Mal wurden in der Schweiz alle Exportrisiken tiefgehend analysiert und die Unternehmen nach den Absicherungsmassnahmen befragt. Die Umfrage bietet exportierenden Unternehmen eine Vergleichsplattform und unterstützt sie bei der Absicherung der Risiken durch Aufzeigen von Optimie­rungspotenzialen. Abgefragt wurden alle mit Export zusammenhängenden Risiken: W ährungsrisiko, konjunkturelles, politisches und interkulturelles Risiko, Delkredere-und Sicherheitsrisiko sowie auch das Risiko ungenügender Rechtssicherheit.
Die grosse Mehrheit der befragten Unternehmen sind KMU mit 10-250 Mitarbeitern. Es wurden aus­schliesslich exportierende Unternehmen befragt, die entweder Investitions-oder Standardgüter her­stellen, im kundenspezifischen Projektgeschäft und im Handel tätig sind, oder Dienstleistungen anbie­ten. 2/3 der befragten Unternehmen weisen einen Exportanteil von über 30% aus
Weitere Informationen unter www.ti.bfh.ch/exportrisiko_monitor erhältlich

Über Euler Hermes
Euler Hermes ist weltweiter Marktführer im Kreditversicherungsbereich und anerkannter Spezialist in den Bereichen Kautionen, Garantien und Inkasso. Das Unternehmen verfügt über mehr als 100 Jahre Erfahrung und bietet seinen Business-to-Business(B2B)-Kunden Finanzdienstleistungen an, um sie im Liquiditäts-und Forderungsmanagement zu unterstützen. Über das unternehmenseigene Monitoring-system wird täglich die Insolvenzentwicklung kleiner, mittlerer und multinationaler Unternehmen ver­folgt und analysiert, die in Märkten tätig sind, auf die 92% des globalen BIP entfallen. Das Unterneh­men mit Sitz in Paris ist in mehr als 50 Ländern vertreten und beschäftigt über 6’000 Mitarbeiter. Euler Hermes ist eine Tochtergesellschaft der Allianz und ist an der Euronext Paris kotiert (ELE.PA). Sie wird von Standard & Poor’s und Dagong Europa mit einem Rating von AA-bewertet. 2015 wies das Unternehmen einen konsolidierten Umsatz von EUR 2,6 Milliarden aus und versicherte weltweit Ge­schäftstransaktionen im Wert von EUR 890 Milliarden.
Euler Hermes Schweiz beschäftigt rund 50 Mitarbeitende an ihrem Hauptsitz in Wallisellen und den weiteren Standorten in Lausanne und Lugano.
Weitere Informationen unter: www.eulerhermes.ch.

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