EY-Studie zu Frauen in Führungspositionen: Unternehmen rechnen nicht mit rascher Verbesserung

Barbara Aeschlimann

Dr. Barbara Aeschlimann, Personalchefin von EY Schweiz. (Foto: EY / Vimeo)

Zürich – Nur 13 Prozent der globalen Unternehmen erwarten in den kommenden fünf Jahren einen deutlichen Anstieg des Frauenanteils in der Führung. Weniger als ein Fünftel der Unternehmen, die an der weltweiten EY-Umfrage teilnahmen, verfügen über strukturierte Programme zur Entwicklung ihrer Mitarbeiterinnen. Die Umfrage zeigt weiter, wie unterschiedlich die Geschlechter die Thematik wahrnehmen. Während Männer einen Mangel an Kandidatinnen diagnostizieren, prangern Frauen unternehmenskulturelle Mängel an. EY ruft die Unternehmen zum Handeln auf: Geschlechterparität auf Führungsebene trägt dazu bei, die anstehenden grossen wirtschaftlichen Umwälzungen erfolgreich zu bewältigen.

Die Mehrheit (69 %) der Branchenführer ist überzeugt, dass sie in den kommenden 25 Jahren in ihren obersten Führungsgremien Geschlechterparität erreichen werden; dies trotz der geringen Fortschritte, die sie in diesem Bereich selber erzielt haben. Dies zeigt die aktuelle Studie Navigating disruption without gender diversity? Think again. des Beratungsunternehmens EY. Damit unterscheidet sich die Einschätzung der Führungskräfte stark von der Prognose des World Economic Forum (WEF), die von 117 Jahren bis zum Erreichen von Geschlechterparität in der gesamten Arbeitnehmerschaft ausgeht.

Die Umfrage bei 350 Führungskräften auf Geschäftsleitungsstufe von 200 führenden Unternehmen aus sieben Branchen in 51 Ländern ergab, dass in den kommenden fünf Jahren lediglich 13 % einen deutlichen Anstieg des Frauenanteils auf Führungsebene erwarten. Einzig der Sektor «Bankwesen und Kapitalmärkte» übertrifft den Durchschnitt: 27 % der Befragten gehen dort von einer deutlichen Zunahme des Frauenanteils auf Führungsebene aus. Am anderen Ende des Spektrums liegt die Versicherungsindustrie, in der nur 6 % der Umfrageteilnehmer mit einer solchen Veränderung rechnen.

Firmen vergeben Chancen
«Es besteht erwiesenermassen eine klare Verbindung zwischen der Geschlechterdiversität und der Performance eines Unternehmens. Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis ist daher eine geschäftliche Notwendigkeit. Unsere Umfrage hat allerdings gezeigt, dass die grössten Unternehmen in den wichtigsten Branchen weit davon entfernt sind, die Vorteile beider Geschlechter zu nutzen. Die Unternehmen müssen daher die Förderung von weiblichen Führungskräften zu einer Priorität machen und noch heute damit beginnen», sagt Bruno Chiomento, CEO von EY Schweiz.

Nicht einmal die Hälfte der befragten Unternehmen verfügen über Messgrössen, um die Fortschritte von Frauen auf ihrem Karriereweg zu verfolgen. Einerseits sagen zwar mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer (55 %), dass sie mehr tun müssen, um Frauen anzuziehen, zu halten und zu fördern und so ein Reservoir mit potenziellen weiblichen Führungskräften aufzubauen. Andererseits verfügen aber nur 18 % über strukturierte Programme, um talentierte Frauen in ihrem Unternehmen zu identifizieren und zu entwickeln.

Strukturierte Programme und Messung nötig
Überdurchschnittlich verbreitet sind Förderprogramme in der Bankenbranche (33 %), gefolgt von der Automobilbranche (22 %). Das Schlusslicht ist die Versicherungsbranche mit 8 %. Von den Unternehmen, die strukturierte Programme zur Karriereförderung von Mitarbeiterinnen unterhalten, befanden sich 44 % in der Region EMEA und je 28 % in Nord- und Lateinamerika sowie Asien-Pazifik.

«Die weiblichen Talente sind vorhanden, doch es muss noch mehr getan werden, um ihnen den Weg nach ganz oben zu ermöglichen: Flexibilität und kulturelle Veränderungen müssen mehr Bedeutung erhalten. Darüber hinaus sollten die Fortschritte in strukturierter Art und Weise analysiert, überwacht und sichtbar gemacht werden. Auch sollten die Frauen im Unternehmen selbst nach ihren Bedürfnissen befragt werden. Dies ist besonders wichtig, da unsere Umfrage ergeben hat, dass Männer und Frauen das Problem unterschiedlich wahrnehmen», kommentiert Barbara Aeschlimann, Leiterin HR bei EY Schweiz.

Gegensätzliche Wahrnehmung
43 % der Männer nannten den Mangel an geeigneten Kandidatinnen als Haupthindernis für Geschlechterparität, gegenüber nur 7 % der Frauen. Frauen hingegen machten primär einen unternehmenskulturellen Mangel an Unterstützung (28 %), eine tendenzielle Bevorzugung männlicher Kandidaten (28 %) und Schwierigkeiten bei der Vereinbarung von Karriere und Kindern (24 %) verantwortlich. Um Frauen auf ihrem Weg in die oberste Unternehmensführung zu unterstützen, muss auf allen Unternehmensebenen Verständnis für die Problematik geschaffen werden.

«Wenn Frauen nicht zu Beginn und im weiteren Verlauf ihrer Karriere die richtigen Chancen und die geeignete Unterstützung erhalten, sinken ihre Aussichten auf einen Aufstieg bis ganz nach oben zusätzlich. Daher gilt es, weibliche Top-Talente zu identifizieren, formelle und informelle Programme einzuführen, um sie zu fördern, und ihnen passende Karriere­möglichkeiten zu verschaffen», so Barbara Aeschlimann weiter.

Fehlende Umsetzung von Massnahmen
Männer und Frauen sind sich jedoch darin einig, wie wichtig eine unterstützende Unternehmenskultur ist: Für 59 % der Männer und 40 % der Frauen ist sie die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Karriere von Frauen. Auch Mentoring von ranghohen Führungskräften und starke weibliche Vorbilder wurden als wichtige Faktoren angeführt.

Bruno Chiomento ergänzt: «In vielen Führungsgremien herrscht eine realitätsferne Wahrnehmung: Zwar glauben die Unternehmen, Fortschritte bei der Umsetzung ihrer Geschlechterdiversitätsziele zu machen. Allerdings planen sie nicht aktiv darauf hin, die Anzahl Frauen in der obersten Führungsriege in naher Zukunft zu erhöhen, und messen dies auch nicht. Es ist an der Zeit, dass sich jeder und jede von uns kritisch hinterfragt, wie wir zur Lösung dieses Problems beitragen können, um es endgültig zu beseitigen.» (EY/mc/ps)

Über den Bericht
Der Bericht Navigating disruption without gender diversity? Think again. von EY basiert auf Interviews mit 350 Führungskräften auf C-Suite-Level (50 % Männer und 50 % Frauen) aus 51 Ländern. Sieben Interviews wurden mit Angestellten von Schweizer Firmen geführt. Dieser branchenübergreifende Bericht ist Teil eines thematisch breiter gefassten Programms über Frauen in der Industrie. Dieses Programm umfasst auch Berichte über Geschlechterdiversität in sieben Branchen.
Weitere Informationen sowie den Report finden Sie auf www.ey.com/womeninindustry unter den Rubriken Automobilbau, Verbraucherprodukte & Einzelhandel, Finanzdienstleistungen (Bankwesen und Kapitalmärkte, Versicherungen). Life Sciences, Öl & Gas sowie Strom & Versorgung.

Über die globale EY-Organisation
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