Fussballtrainer entscheiden irrational

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(Foto: Pixabay)

Mainz – „Wir denken immer, Fussballtrainer seien Meister der Taktik. Wenn ihr Team aber hinter Erwartungen zurückliegt, dann fällen sie zuweilen ungünstige Entscheidungen“, sagt Prof. Dr. Daniel Schunk von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Trainer wechseln dann zum Beispiel zu oft offensive Spieler ein, was die Lage noch verschlimmert. Der Wirtschaftswissenschaftler hat zusammen mit Prof. Dr. Leif Brandes von der Warwick Business School in Grossbritannien und Prof. Dr. Björn Bartling von der Universität Zürich das Verhalten von Trainern und Spielern in 12 Saisons der deutschen Bundesliga und der britischen Premier League untersucht.

Die Wissenschaftler werteten 8200 Spiele mit insgesamt 22’460 Toren, 42’359 Einwechslungen und 30’694 gelben und roten Karten aus. Die Analyse zeigt, dass Fussballtrainer wesentlich häufiger zu einer offensiveren Strategie übergehen, wenn ihr Team unerwartet zurückliegt. Liegt ein Team beispielsweise 0:1 zurück und ist dies nicht erwartet, dann wechseln sie vermehrt Stürmer gegen Verteidiger ein – mit negativen Konsequenzen: Die Tordifferenz verschlechtert sich um 0,3 Tore pro offensivem Wechsel. Das heisst, dass derartige Wechsel die Anzahl der Gegentore stärker erhöhen als die Anzahl der selbst geschossenen Tore, was sich auch in einer um 0,3 verschlechterten Punktzahl für das Team niederschlägt. Wenn ein Rückstand den Erwartungen von Publikum und Trainer entspricht, zeigen sich solche Effekte nicht. Die Erwartungen an die Teams haben die Wissenschaftler anhand von Sportwetten ermittelt.

Härtere Gangart bei Rückstand
Die Analyse ergab ausserdem, dass die Schiedsrichter bei einem unerwarteten Rückstand wesentlich mehr Regelverstösse ahnden mussten. „Die Spieler haben während dieser Zeit 14 Prozent mehr gelbe oder rote Karten pro Minute erhalten, das ist ein sehr signifikanter Unterschied“, ergänzt Schunk. Wie die Analyse ausserdem ergab, wurden mehr Karten für Tätlichkeiten oder für Meckern angezeigt.

Mit ihrer Studie „Expectations as Reference Points: Field Evidence from Professional Soccer“ testeten die Wissenschaftler ein Modell aus der Verhaltensökonomik, einem Forschungsgebiet der Wirtschaftswissenschaften. Das Modell geht davon aus, dass sich Menschen nicht immer rational verhalten, wenn ein Ergebnis hinter ihren Erwartungen zurückbleibt.

Psychischer Stress und irrationales Verhalten
„Genau dies sehen wir bei Fussballteams, wenn sie als Favoriten ins Spiel gehen“, sagt Leif Brandes. „Spieler und Trainer erhalten grosse Summen, um jede Woche vor einem riesigen Publikum zu spielen. Wie wir sehen, kann das psychischen Stress verursachen und irrationales Verhalten auslösen, indem ein zu grosses Risiko eingegangen wird, falls die Erwartungen nicht erfüllt werden.“ Die jetzt vorgelegte Studie über die beiden Spitzenligen des europäischen Fussballs zeigt, dass derartige Verhaltensweisen nicht nur unter kontrollierten Laborbedingungen, sondern auch im wirklichen Leben vorkommen. Björn Bartling ergänzt: „Das Ausmass des Effekts ist enorm. Karten wegen Tätlichkeiten nahmen um 85 Prozent zu, wenn das Team unerwartet zurück lag.“

Damit wird einmal mehr die „klassische“ Modellannahme der Wirtschaftswissenschaften in Frage gestellt, wonach der Mensch als Homo oeconomicus rein nach Gesichtspunkten der rationalen Nutzenmaximierung agiert. (JGU/mc/pg)

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