Ist Schweigen wirklich Gold? Warum wir über vieles reden – nur nicht über Geld
Von André Tintrop, Head of Business & Operations Steering bei Consors Finanz
Über Krankheiten, Beziehungskrisen oder Erziehungsfragen sprechen wir heute recht offen. Nur ein Thema bleibt hartnäckig tabu: das eigene Konto. Dabei kommt einem das Schweigen oft teuer zu stehen.
Es gibt diesen Moment in jeder geselligen Runde, in dem jemand fragt, was der andere eigentlich verdient und plötzlich schweigen alle. Wie hoch das Einkommen ist, ob das Geld am Monatsende reicht, ob man vielleicht im Dispo ist, der längst nicht mehr ausgeglichen wird, weiss keiner. Denn „über Geld spricht man nicht“.
Dass das auch heute noch so ist, zeigt die aktuelle Studie von Consors Finanz*. Demnach gehen nur rund 30 Prozent der Deutschen in ihrem Umfeld offen mit Krediten und Ratenkäufen um. Die übrigen 70 Prozent behalten Finanzthemen lieber für sich. Gleichzeitig gibt nur jeder Vierte an, ausreichendes Know-how für finanzielle Entscheidungen zu besitzen – und nur 21 Prozent wissen, was sie im Falle eines Engpasses konkret tun würden. Diese Zahlen zeigen vor allem: Wer sich bei Geldfragen unsicher fühlt, ist damit nicht allein.
Der Grund fürs Schweigen
Finanzthemen wirken für viele überfordernd. Wenig überraschend in einer Konsumwelt mit unzähligen Zahlungsmodellen, Verträgen und Kleingedrucktem, in der man leicht den Überblick verliert. Was Menschen mit finanziellen Sorgen eint, ist die Scham, die damit einhergeht. Und dafür kann es viele Gründe geben.
Wer Geldprobleme hat, gilt in unserer Gesellschaft schnell als jemand, der irgendwo versagt hat. Dazu kommt der ständige Vergleich: Auf Social Media wirkt das Leben der anderen makellos, denn vom Hauskauf berichtet man, von der Mahnung im Briefkasten hingegen eher nicht. Dabei verläuft das Leben nicht linear. Eine Trennung, ein Jobverlust, die Inflation der vergangenen Jahre oder eine unglückliche Entscheidung in einer stressigen Phase – all das kann jeden treffen.
Trotzdem zeigt die Studie: Fast jede dritte Frau (31 Prozent) und jeder vierte Mann (26 Prozent) schämt sich, wenn sie einen Ratenkauf tätigen oder ihr Konto überziehen. Und je älter, desto stärker: Während von den 18- bis 29-Jährigen rund 37 Prozent angeben, offen über Geld zu sprechen, sind es bei den 50- bis 59-Jährigen nur noch 25 Prozent und bei den 60- bis 69-Jährigen knapp 23 Prozent.
So kann das Gefühl entstehen, mit diesen Problemen allein zu sein. Das führt dazu, dass Briefe ungeöffnet bleiben und Entscheidungen vertagt werden, bis aus einem überschaubaren Problem ein grösseres geworden ist.
Was das Schweigen wirklich kostet
Die Rechnung ist da, das Geld gerade nicht. Dass das für viele Realität ist, belegen die Zahlen: Etwa 60 Prozent der Deutschen haben keinen Notgroschen, auf den sie in solchen Fällen zurückgreifen könnten. Wer in dieser Situation überfordert ist und sich keine Hilfe sucht, flüchtet sich oft in stille Notlösungen. Eine davon ist der Dispokredit, der Monat für Monat im Hintergrund läuft und mit zweistelligen Zinsen zu den teuersten Formen der Finanzierung überhaupt gehört. Laut Studie wird er trotzdem von mehr als jedem zehnten der unter 50-jährigen regelmässig genutzt. Angebote wie „Jetzt kaufen, später zahlen» beim Online-Shopping wirken einzeln harmlos, rauben in der Summe aber den Überblick. Und da sind im schlimmsten Fall dubiose Schnellkredite mit Versprechungen wie „Antrag ohne Schufa-Check“, die direkt in die nächste Verschuldung führen. All das sind vermeintliche Lösungen, die ohne ein einziges Gespräch auskommen. Somit allerdings auch ohne jemanden, der davon abraten kann.
Reden ist Silber, Schweigen ist ein Fehler
Der wichtigste finanzielle Schritt kostet keinen Cent: aussprechen, wie die Lage wirklich ist. Das beginnt im Kleinen mit dem Partner oder mit Freunden und nimmt oft mehr Druck, als man erwartet. Ausserdem zeigt sich dabei: Andere kennen das Problem auch, manche haben es für sich sogar gelöst und Routinen entwickelt. Wenn also im eigenen Umfeld jemand seine Finanzen im Griff zu haben scheint, lohnt sich die Frage „Hey, wie machst du das eigentlich?“
Drei konkrete Tipps, die helfen Finanz-Themen zu enttabuisieren:
- Überblick verschaffen
Bevor man mit anderen offen über Geld sprechen kann, muss man selbst wissen, woran man ist. Ein regelmässiger Termin im Monat mit sich selbst – Einkommen, laufende Kosten, anstehende Ausgaben durchgehen – schafft genau diese Klarheit, ganz ohne Publikum und ohne Rechtfertigungsdruck. Nebenbei fallen dabei oft Verträge oder Abos auf, die niemand mehr braucht. Wer die eigene Lage kennt, verliert die grösste Angst vor dem nächsten Gespräch. - Gemeinsame Ausgaben gemeinsam besprechen
Ein sicherer Ort für ein Gespräch über Finanzen ist die Partnerschaft. Hier teilt man das Finanzleben ohnehin schon. Wer festhält, wer für welche Kosten verantwortlich ist – oder ob alles pauschal geteilt wird – übt das offene Sprechen über Geld. Bei Veränderungen der Lebenssituation, etwa durch einen neuen Job oder Familienplanung, sollte diese Aufteilung erneut geprüft werden. So bleibt finanzielle Belastung nicht stillschweigend an einer Person hängen und das Gespräch über Geld wird zur Gewohnheit. - Mit einem konkreten Vorhaben anfangen
Sobald das Reden über Geld im Kleinen selbstverständlicher geworden ist, lässt sich der Kreis erweitern – auf Freunde, Familie, das weitere Umfeld. Der einfachste Einstieg ist dabei nie die Frage „Wie viel verdienst du?» oder ein Geständnis, sondern ein konkretes Vorhaben, das ohnehin ansteht: eine Reise, eine Renovierung, ein neues Auto. Welcher Wunsch soll erfüllt werden, welches Budget steht zur Verfügung, was kann man sich leisten? Über ein Ziel zu sprechen, fällt leichter als über ein Problem. So wächst nebenbei die eigene Finanzkompetenz, mit der sich auch schwierigere Gespräche künftig leichter führen lassen.
Und dann gibt es noch einen Schritt: das Gespräch mit einem erfahrenen Experten. Ein guter Finanzberater urteilt nicht, denn er kennt die typischen Fallstricke, blickt unvoreingenommen auf die Zahlen und hilft dabei, einen Plan aufzustellen. Manchmal reicht bereits ein einziges Beratungsgespräch, um Struktur in eine unübersichtliche Situation zu bringen.
Fazit
Das grosse Schweigen schützt niemanden. Reden ist der erste Schritt, um die Kontrolle zurückzugewinnen und etwas zu verändern. Denn der Elefant im Raum verschwindet nicht, indem man ihn ignoriert – man muss ihn ansprechen und damit starten sich mit Finanzthemen zu befassen.
Methodik
Die Consors Finanz Studie wurde in Deutschland unter Personen im Alter von 18 bis 74 Jahren durchgeführt. Die Erhebung erfolgte vom 5. bis 9. Februar 2026 als eBUS Online Befragung in Zusammenarbeit mit Nielsen IQ. Die Stichprobengrösse betrug n = 1.005. Darunter 50 Prozent Frauen und 50 Prozent Männer.