Janwillem Acket, Chefökonom Bank Julius Bär

Janwillem Acket

Von Christa W. Spoerle

Moneycab: Herr Acket, die Schweizer Wirtschaft kam glimpflich durch die Rezession 2009 und erholte sich 2010 gemessen am BIP-Wachstum mit  2,7% deutlich. Was erwartet uns 2011?

Janwillem Acket: 2011 erwarten wir eine moderate Verlangsamung der Schweizer Konjunkturdynamik auf ein Wachstum von durchschnittlich etwa 2.0% gegenüber Vorjahr. Dabei kommt uns zu Gute, dass dank weiter zunehmender Beschäftigung die Inlandnachfrage sehr robust bleibt, obgleich eine langsamer wachsende Weltwirtschaft und eine starker Schweizer Franken dem Exportwachstum noch stark zusetzen dürften.

„So wie die EU heute daher kommt, bleibt sie unglaubwürdig.“

Janwillem Acket, Chefökonom Bank Julius Bär

Wo orten Sie die grössten Unsicherheitsfaktoren für 2011?

Die Entwicklung in der Eurozone, unser wichtigster Exportmarkt, bleibt wegen des eklatanten Nord-Süd-Gefälles besorgniserregend. Einigen Peripherieländern droht ein Wirtschaftskollaps, der Euro befindet sich auf einer Rutschbahn, solange nicht signifikant glaubwürdige Reformen angegangen werden. So wie die EU heute daher kommt, bleibt sie unglaubwürdig. Daneben bleiben die USA eine erhebliche Konjunkturbaustelle mit einem ebenfalls schwächlichen USD, weshalb entsprechend die Weltwirtschaft leidet.

Wird der Euro- und Dollarpessimismus anhalten?

Das wird auf die wirtschaftspolitischen Signale ankommen, die von den Verantwortlichen Instanzen der Eurozone und der USA kommen. Der Pessimismus an den Finanzmärkten gründet ja auf wirtschaftspolitische Inkonsistenzen und Unklarheiten, die mit öffentlich ausgetragenen Debatten und Streitereien verbunden sind. Solange die schlechte Datenlage Bände spricht, gerät die Politik in eine Glaubwürdigkeitskrise und der Pessimismus grassiert.

Welche Länder werden 2011 den Konjunkturkarren ziehen?

Wieder einmal werden mehrheitlich grosse Schwellenländer Asiens, aber auch Lateinamerikas und für uns wichtig Deutschland die Hauptimpulse fürs Wachstum liefern. Die USA dürften eher im Mittelfeld liegen.

„Solange die schlechte Datenlage Bände spricht, gerät die Politik in eine Glaubwürdigkeitskrise und der Pessimismus grassiert“

Welche Branchen haben es 2011 schwer, welche leichter?

In der Schweiz wird es der Tourismus, insbesondere mit europäischen und US Gästen, schwer haben, die Umsätze der vergangenen Jahre zu wiederholen, beziehungsweise zu übertreffen. Es bleibt abzuwarten, ob hier die Asiaten wegbleibende westliche Touristen genügend kompensieren können. Anbieter von persönlichen Dienstleistungen und Produzenten von technologischen Spezialitäten in verarbeitenden- aber auch im Dienstleistungsbereich werden weiterhin ein gutes weltwirtschaftliches Umfeld für ihre Produkte finden.

Wie wird sich der private Konsum entwickeln?

Dank der anhaltenden Zuwanderung, der weiterhin günstigen Beschäftigungslage und hohen verfügbaren Einkommen wird sich der private Konsum gut entwickeln.

„Wir erwarten, dass spätestens im zweiten Halbjahr 2011 die SNB wieder anfangen wird, das Zinsniveau in der Schweiz zu erhöhen.“

Die SNB hält erwartungsgemäss an ihrer expansiven Geldpolitik fest, wie lange noch?

Es bleibt der SNB, angesichts des anhaltenden Aufwertungsdrucks auf den Schweizerfranken, vorerst keine andere Wahl, als die expansive Geldpolitik weiterzuführen. Allerdings hat die SNB auch jüngst wieder signalisiert, dass dies nicht lange so bleiben wird, wenn die Preisstabilität nicht gefährdet werden soll. Wir erwarten, dass spätestens im zweiten Halbjahr 2011 die SNB wieder anfangen wird, das Zinsniveau in der Schweiz zu erhöhen.

Die Inflationserwartungen sind sehr bescheiden, gibt es denn auch die Gefahr einer Deflation?
Die offizielle Kernteuerung ist im Jahresvergleich im Oktober und  November aufgrund billigerer Importe unter Null gerutscht. Die internen entsprechenden Messwerte der SNB jedoch zeigen, dass die Deflationsgefahr jüngst nicht zugenommen hat. Steigende Rohstoffpreise und eine lebhafte Inlandnachfrage sind keine Vorboten einer Deflation. Die Gefahr einer Deflation, wie Japan sie erlebt hat, ist nicht wahrscheinlich.

„Aktien, die nachhaltig hohe Dividenden erwirtschaften, verdienen mehr Vertrauen als Staatsanleihen, sogar guter Qualität. Eine Nestlé beispielsweise ist für mich heute die mündelsichere Anlage.“

Was dürfen die Anleger an den Aktien- und Bondmärkten erwarten?

Während die besten Zeiten bei den Bondmärkten hinter uns liegen, haben die Aktienmärkte noch viel Gutes vor sich, auch wenn es zwischenzeitlich an den Märkten ruppig werden kann. Aber da sind auch Sitzfleisch gefragt und ruhige Nerven. In den vergangenen Jahren haben weltweit die meisten kotierten Unternehmen besser gearbeitet als die Politik mit ihren öffentlichen Haushalten. Entsprechend verdienen Aktien, die nachhaltig hohe Dividenden erwirtschaften mehr Vertrauen als Staatsanleihen, sogar guter Qualität. Von irreführenden Ratings wollen wir gar nicht reden. Eine Nestlé beispielsweise ist für mich heute die mündelsichere Anlage.

Sorgt denn die Wachstumsabschwächung auch für tiefere Rohstoffpreise? Geht dem Goldpreisanstieg bald der Schnauf aus?

Die Rohstoffpreise werden trotz einer weltweit etwas moderateren Wachstumsdynamik tendenziell weiter zulegen; denn die Schwellenländer wachsen aufgrund ihres Aufholbedarfs zu unseren Standards weiterhin überdurchschnittlich und sind dadurch auch die wichtigsten Preistreiber. Gold könnte preislich bei einem grossen Aktienrallye korrigieren, weil gegenwärtig etwa 40% der jährlichen physischen Produktion direkt bei den Anlegern landet und bedeutende Hedgefonds entsprechende Positionen halten. Wer im Gold investiert ist, sollte dabei bleiben, wer noch nicht investiert ist, dem raten wir vorsichtig bei Rückschlägen des Goldpreises Positionen aufzubauen, aber dies nicht zu übertreiben.

„Die wichtigsten Akteure haben aus der Immobilienkrise hierzulande in den 1990er Jahren gelernt.“

Als sichere Anlage und dank der tiefen Zinsen sind Immobilien gesucht. Kommt es zu einer Blase?

Gegenwärtig sind die Preise in der Region Zürich und Genf auf stolzen Niveaus und erscheinen etwas überhitzt. Eine Blase in der Schweiz ist nicht auszuschliessen im Falle einer Flucht in die Sachwerte bei einem grossen Kollaps an den Finanzmärkten. Die SNB hält aber ein wachsames Auge auf die hiesigen Hypothekenbanken und könnte im Extremfall mit Kreditrationierungsmassnahmen einschreiten, falls dies nötig wäre. Dies sind aber denkbare Szenarien, die heute eher unwahrscheinlich sind. Die wichtigsten Akteure haben aus der Immobilienkrise hierzulande in den 1990er Jahren gelernt.

Was könnte 2011 zum Thema des Jahres avancieren?

Die Eurokrise – Zweiter Teil: Der Umbau der EWU in eine geordnete Transferunion mit bindenden fiskalischen Strukturen wird angegangen, als Vorstufe zu einem mehr konföderalen Europa.

Der Gesprächspartner:
Janwillem Acket , Jahrgang 1958, bekleidet seit anfangs 2003 den Posten als Group Chief Economist und Leiter Global Economic Research der Bank Julius Bär. In der gleichen Funktion war er bis 2002 im Julius Bär Asset Management und in den zwei Jahren zuvor als Chefökonom Schweiz der Bank Julius Bär tätig. Zwischen 1987 und 1998 gehörte er als Ökonom dem Schweizerischen Bankverein an,, zuletzt als Country Economist Switzerland. Bis zu seinem Eintritt bei Julius Bär arbeitete er als Head of Macroeconomic Research bei Warburg Dillon Read (UBS). Im Mai 2008 wurde er zum Beirat der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF-ETH) ernannt. Acket ist Niederländer, verheiratet und Vater zweier Kinder.

Das Unternehmen:
Julius Bär ist die führende Private Banking-Gruppe der Schweiz, ausschliesslich ausgerichtet auf die Betreuung und Beratung von Privatkunden. Julius Bär betreute Ende Oktober 2010 Kundenvermögen von insgesamt CHF 271 Milliarden, einschliesslich verwalteter Vermögen in der Höhe von rund CHF 175 Milliarden.

Die Bank Julius Bär & Co. AG, die renommierte Privatbank, deren Ursprünge bis ins Jahr 1890 zurückreichen, ist die wichtigste operative Gesellschaft der Julius Bär Gruppe AG. Ihre Aktien sind an der SIX Swiss Exchange (Ticker-Symbol: BAER) kotiert und bilden Teil des Swiss Market Index (SMI), welcher die 20 grössten und liquidesten Schweizer Aktien umfasst. Julius Bär beschäftigt mehr als 3’500 Mitarbeitende in über 20 Ländern und rund 40 Standorten – unter anderem in Zürich (Hauptsitz), Dubai, Frankfurt, Genf, Hongkong, London, Lugano, Mailand, Monaco, Montevideo, Moskau und Singapur.

Julius Bär

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