Kolumne: Heute die Politik – morgen die Wirtschaft

Martin Zenhäsuern

Martin Zenhäusern

Die modernen Informations-Technologien verändern die Welt. Heute beschleunigen sie den politischen Wandel, morgen den wirtschaftlichen. Treiber dieser fundamentalen Veränderung ist die Net-Generation, die mit diesen Technologien aufgewachsen ist und sie heute gezielt einsetzt. Abgehobene Machthaber und lernunfähige Manager versuchen, mit den Instrumenten von gestern dem Wandel von heute zu begegnen – ein aussichtsloses Unterfangen.

Die Luft für Lernverweigerer an der Spitze von Regierungen, Parteien und Unternehmen wird dünner. Diese These will ich anhand der aktuellen Entwicklungen in der internationalen Politik und der globalen Wirtschaft belegen. Zuerst die entscheidende Frage: Was läuft anders ab als bei früheren politischen Umstürzen und wirtschaftlichen Veränderungen?

Die Macht der Bilder in Echtzeit
Dank der Informations-Technologie erleben wir heute eine rasche Mobilisierung der Massen und eine beschleunigte Berichterstattung in Echtzeit. Dadurch wird die Wahrnehmung eines Protestes oder eines Aufstandes in der Weltöffentlichkeit innert weniger Stunden geprägt. Auch wenn die Machthaber das Internet abschalten oder Kommunikationswege unterbinden, ist die Macht der Bilder nicht mehr zu kontrollieren. Sie finden den Weg in die Öffentlichkeit, sei dies über Mobiltelefone oder soziale Medien wie Facebook und Youtube. Es zeigt die Hilflosigkeit despotischer Systeme, wenn sie mit Panzern und Flugzeugen auf die Zivilbevölkerung schiessen lassen und dann glauben, sie könnten diese Vorkommnisse unter den Teppich kehren, indem sie diese schön reden oder zu relativieren versuchen.

Protestierende mundtot zu machen, wie dies vor zwei oder drei Jahrzehnten noch geschehen mochte, ist heute unmöglich. Dank der modernen Informations-Technologien können heute Despoten und undemokratische Systeme gestürzt werden, welche solche Proteste früher mit Gewalt und Terror niedergeschlagen haben. Die Ereignisse in Nordafrika, die sich auch auf andere Regionen ausweiten werden, zeigen deutlich, dass die modernen Informations-Technologien die Demokratie fördern.

China – ein Pulverfass mit kurzer Lunte?
Die Net-Generation versteht sich weltweit auf die Nutzung dieser Technologien. Zur Net-Generation gehören weltweit über zwei Milliarden Menschen. Es wird nun interessant zu beobachten sein, wie sich diese jungen Menschen in anderen Regionen der Welt verhalten werden, in denen genauso Willkür und Gewaltherrschaft herrschen und demokratische Bestrebungen unterdrückt werden. Je grösser das gesellschaftliche Gefälle, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit von Protesten und Aufständen.

Vor diesem Hintergrund gesehen steht China unter einem gewaltigen Druck. Zensur und Korruption sind allgegenwärtig, es fehlt an sozialer Gerechtigkeit, und die wirtschaftliche Ungleichheit nimmt zu. Die jährlich rund 80’000 lokalen und regionalen Aufstände belegen, dass China durchaus ein Pulverfass mit kurzer Lunte sein kann. Sollte es zu grossflächigeren Aufständen kommen, dürfte dies das politische System nachhaltig erschüttern. Ob sich die chinesische Führung zur Niederschlagung der Proteste ein zweites Tian’anmen-Massaker leisten würde, sollten ihr die Zügel des Handelns zu entgleiten drohen? Dies hätte einen nachhaltigen internationalen Gesichtsverlust zur Folge, was sich auch auf die Wirtschaftsentwicklung und den Export Chinas negativ auswirken würde.

Da China kein historisch gewachsenes Ganzes ist, sondern aus ganz unterschiedlichen Volksgruppen und Sprachen besteht, würde es eine grosse Anstrengung bedeuten, das Land in seiner heutigen Form zusammenzuhalten. Der politische Wandel könnte auch in China schneller vor sich gehen, als wir es uns überhaupt vorstellen können. Bereits heute verlassen jährlich 600’000 gut ausgebildete Chinesen ihr Land, weil sie sich ausserhalb der Volksrepublik eher ein Leben in Sicherheit und Wohlstand vorstellen können.

Hilfe zur Demokratisierung statt wohlfeile Ratschläge
Worauf sich die wohlhabenden demokratischen Länder einstellen müssen – und dazu gehört auch die Mehrheit des häufig totgesagten Europas – ist die zunehmende Migration aus Ländern, welche ihren jungen Menschen keine Perspektiven bieten. Dies dürfte in nächster Zeit eine der grössten politischen Herausforderungen werden. Der Westen wird zusätzlich gefordert sein, in diesen Ländern weniger mit weisen Ratschlägen aufzutreten als vielmehr mit direkter Hilfe vor Ort, auch in Bezug auf das Anschieben von nachhaltigen Demokratisierungs-Prozessen, die unter Berücksichtigung lokaler und regionaler Eigenheiten umgesetzt werden sollten.

Vom Auslaufmodell zu neuen Führungsformen
Modern geführte Unternehmen haben längst eingesehen, dass starre Strukturen, die primär der eigenen Machterhaltung dienen, und Hierarchien, die Funktionen zementieren statt Leistung belohnen, Auslaufmodelle sind, die ihren Zenit überschritten haben. Vorausdenkende Unternehmensführer sorgen dafür, dass ihre Mitarbeitenden in Netzwerken arbeiten können statt sich als kleine Nummer in einem riesigen Apparat zu fühlen. Gute Führungskräfte legen Wert auf Kooperation und ermöglichen ihren Mitarbeitenden den Aufbau wertvoller Beziehungen – innerhalb und ausserhalb ihres Unternehmens. Das moderne Management kennt und fördert die Menschen der Net-Generation, die im Unternehmen zunehmend in wichtige Führungsfunktionen hineinwachsen und zudem die Kunden der Zukunft sind.

Hand aufs Herz – die Realität sieht vielerorts ganz anders aus. Es gibt immer noch zu viele Manager, die keinen oder wenig Bezug zur Net-Generation haben und mit denselben Modellen und Instrumenten arbeiten, mit welchen sie gestern Erfolg hatten und deshalb glauben, sie würden auch morgen damit erfolgreich sein.

Den Wandel gemeinsam gestalten
Der Wandel in Sachen Führung, Kultur und Kommunikation in den Unternehmen ist unaufhaltsam. Idealerweise wird er Generationen übergreifend gestaltet und zum gemeinsamen Erfolg geführt, oder er wird mühsam und chaotisch erfolgen, solange sich die Lernverweigerer an der Spitze der Unternehmen uneinsichtig zeigen. In vielen Unternehmen, in denen wir in intensiven Workshops das Thema „Die Net-Generation kennenlernen und verstehen“ behandeln, stellen wir fest, dass die Bereitschaft da ist, diesen Prozess gemeinsam zu gestalten. Mit dem Ergebnis, dass eine neue Dynamik im Unternehmen entsteht.

Über den Autor
Martin Zenhäusern ist Gründer und Inhaber der Kommunikations-Agentur Zenhäusern & Partner AG sowie der Zenhäusern Akademie AG, welche Führungskräfte in Kommunikation, Führung, Change- und Krisen-Management ausbildet. Zenhäusern ist Ratgeber für Führungskräfte und Unternehmen im In- und Ausland, aktiver Verwaltungsrat und Autor diverser Publikationen. Bei Orell Füssli sind erschienen: „Warum tote Pferde reiten?“; „Chef aus Passion“; „Der erfolgreiche Unternehmer“ usw.

Martin Zenhäusern gilt als Vordenker in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen. Sein Verlag Orell Füssli schreibt über ihn: „Als Berater von Entscheidungsträgern aus Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur hat er ein feines Gespür für Veränderungen entwickelt, die zuerst nur hinter vorgehaltener Hand besprochen werden, bevor sie plötzlich und wie selbstverständlich zum breit diskutierten öffentlichen Thema werden.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.