Martin Zenhäusern: Spielbericht Politik-Meisterschaft

Martin Zenhäusern

Martin Zenhäusern

Die einen spielen rustikal und hart auf den Mann, die anderen schieben den Ball in der Mitte hin und her. Jüngere Kräfte dribbeln unbeschwert nach vorn. Und wieder andere suchen immer wieder ihre Position, weil das Spiel an ihnen vorbeiläuft. Wie sind die Parteien in diesem Spiel aufgestellt? Und welche Prognosen sind im Hinblick auf die nächste Saison angebracht?

Betrachten wir für einmal die Schweizer Politik als eine Meisterschaft mit verschiedenen Mannschaften. Wir beleuchten ihre Spielweisen und Anhänger, ihre Strukturen und Finanzen. Und zuletzt wollen wir einen Blick auf die neue Saison werfen, die mit den Wahlen im Herbst 2011 startet.

Die Spielweise (politische Ausrichtung)
Die SVP pflegt eine rustikale Spielweise, sie spielt gerne hart auf den Mann. Sie scheut sich auch nicht davor, mal einen Gegner wegzugrätschen. Ihr Angriffsspiel dient vor allem der Verteidigung des eigenen Territoriums. Auf Ausländer verzichtet sie. Die FPD bevorzugt das Ballgeschiebe in der Mitte. Weite Pässe finden selten ihre Abnehmer. Manchmal versucht sie, über den rechten Flügel anzugreifen, doch der ist bereits von der SVP besetzt. Die CVP versucht es, ähnlich wie die FDP, immer wieder mit dem Hü-und-Hott-Stil, der beim Publikum jedoch nicht so richtig gut ankommt. Manchmal setzt sie zu einem Vorstoss über die linke Flanke an, doch die ist bereits von der SP besetzt. Die SP wiederum spielt das veraltete System des Kick-and-Rush, d.h. sie schlägt den Ball gerne weit nach vorne, in der Hoffnung, dass der Pass irgendwie ankommt. Häufig landet er beim Gegner. Die Grünen haben den schönsten Rasen. Weil ihn niemand ausser ihnen betreten darf, ist das Zusammenspiel erschwert. Die Grün-Liberalen wiederum spielen keck und locker nach vorne. Die Lust am Neuen und Unverbrauchten ist ihnen anzusehen. Die BDP spielt auch mit, meistens in der Mitte, weil es dort genügend Platz hat.

Die Nationalspieler (Vertreter im Bundesrat**)
Der SVP-Vertreter spielt die Position des rechten Aussenverteidigers, mit wenig Einfluss auf das Spiel. Die FDP besetzt zentrale Positionen, wobei die Spieler noch ihre Position suchen oder eher unbemerkt ihrer Arbeit nachgehen. Die CVP spielt den Brückenbauer – eine Rolle, die aufgrund des unterschiedlichen Spielverständnisses der Akteure schwer auszufüllen ist. Dies hat der CVP-Spieler als Captain im letzten Jahr immer wieder mal erfahren müssen. Die BDP ist, nachdem sie von der SVP weg-transferiert worden ist, mehr geduldet als integriert. Die SP wird Ende des Jahres einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft zu kommunizieren haben. Der andere Spieler entwickelt sich zu einem Hoffnungsträger. Insgesamt tritt das Team nach aussen etwas harmonischer auf als auch schon, ist jedoch vor unabgesprochenen Einzelaktionen nicht gefeit, was immer wieder Missstimmung und Missverständnisse zur Folge hat.

Das Stadion und die Fans (die Spielwiese und die Wähler)
Die immer gut gefüllte SVP-Arena hat heissblütige Fans, die mit simplen und eingängigen Schlachtgesängen die eigenen Reihen begeistern und die Gegner einschüchtern. Die Arena selbst, im Trachtenstil erbaut, wirkt etwas veraltet. Tradition steht vor Innovation. Die FDP spielt, wie die CVP auch, vor halbleeren Rängen. Das Publikum erwartet mehr Bewegung auf dem Spielfeld sowie nachhaltigere Resultate und pfeift deshalb öfter, wenn wieder ein leichter Ball beim Gegner landet oder im Offside. Die SP spielt in einem Stadion, bei dem das eigene Publikum die gegnerischen Fans als „Kapitalisten“ beschimpft, auch wenn diese das Geld verdienen, das dann unter den SP-Fans verteilt werden soll. Die BDP spielt in einem Kleinstadion, das möglicherweise ab der nächsten Saison etwas ausgebaut wird. Die Grünliberalen wiederum ziehen immer mehr Publikum an, so dass sie sich ein grösseres Stadion suchen müssen. Vielleicht werden sie bald eines der bisher halbleeren Mitte-Stadien beziehen, wenn die jetzigen Gastgeber auf kleineren Bühnen genügend Platz finden.

Branding, Marketing und Finanzen
Eines muss man der SVP lassen: Von Branding versteht sie etwas. Wenn sie auftritt, egal wo, dann einheitlich. Es kommt nicht vor, dass, wie beim CVP- oder FDP-Team, der eine Spieler in einem anderen Leibchen aufläuft als der andere oder die falschen Socken trägt. Wo SVP drauf steht, steckt SVP drin. Die SP-Mannschaft kommt durchaus elegant daher, ist im Auftritt, von Ausnahmen abgesehen, jedoch weniger laut als ihre Konkurrenten von der rechten Seite. Die BDP und die Grün-Liberalen haben in diesem Bereich noch Nachholbedarf. Im SVP-Team spielen verschiedene Millionarios mit, die auch ein paar Franken für den Auftritt und die Brand springen lassen, während bei den anderen Mannschaften immer wieder Schmalhans als Kassenwart fungiert, der meistens aus dem letzten Loch pfeift, auch wenn er ab und zu ein paar Zuwendungen von Sponsoren erhält.

Präsident und Köpfe (dito)
Dem SVP-Ehrenpräsidenten ist es egal, wer unter ihm Präsident ist. So wie er denkt, denken auch die führenden Köpfe in der Mannschaft. Die Unité de doctrine ist für die Mannschaft, auch wenn sie von Fremdsprachen eher wenig hält, gegeben. Der Präsident der FDP hat, so ein Insider, intern ebenso viele Gegner wie extern, weshalb er sich wohl auch so wenig verstanden fühlt. Seine Kollegen von der SP und CVP suchen immer wieder mal das Rampenlicht, wobei die häufig dünne Substanz der Auftritte die Fans meistens wenig zu begeistern weiss. Der Chef der Grünliberalen ist ein Hansdampf in allen Gassen, der mehrere Jobs gleichzeitig ausführen und sein Team erst noch an höhere Aufgaben heranführen muss. Die Präsidenten der Grünen und der BDP finden kaum statt.

Tradition und Geschichte (dito)
Die jüngsten Mannschaften sind die Grünliberalen und die BDP, die so gesehen also noch fast grün hinter den Ohren sind. Die CVP und FDP verweisen gerne auf ihre lange Tradition, die von ihren Fans jedoch als überholt betrachtet wird. Diese hätten lieber etwas erfolgreiche Gegenwart als die ermüdenden Verweise auf Erfolge und Meisterschaften längst vergangener Zeiten. Gefühlt ist die SVP der älteste Verein, der, so besagen interne Quellen, bereits 1291 gegründet worden ist und seither diesem Gründermythos frönt. Den Fans gefällt der Slogan „Vorwärts in die Vergangenheit“.

Prognose für die nächste Saison (Wahlen 2011)
Die Grünliberalen, die unter (Natur-)Strom stehen, und mit Abstrichen die BDP, dürften die Überraschungsmannschaften der neuen Saison werden. Die SVP hat sich mit einigen Millionarios verstärkt und kann finanziell aus dem Vollen schöpfen. Zudem hat sie den einen oder anderen Transfer von der CVP zu verzeichnen. Sie wird ihre Spitzenposition halten. Die CVP und FDP haben auf dem Spielermarkt wenig Spielraum und sind nur für wenige Verstärkungen die erste Adresse. Das Verlierer-Image drückt auf die Stimmung. Die SP hat alle Hände voll zu tun, um vorne dabei zu bleiben, wobei sie den Rückstand auf den Meisterschaftsfavoriten nicht wird verringern können. Die Grünen sind einfach nur froh, wenn sie ihre Position halten können.

Europa League (internationale Präsenz)
Die SP liebäugelt gerne damit, in der Europa League mitspielen zu können. Deshalb ist sie am Hauptsitz der Veranstalter in Brüssel immer wieder vorstellig geworden, auch wenn sie dort mit ihren Interessen weitgehend alleine steht. Die FDP hat sich, wie die CVP, nie so richtig dafür oder dagegen entscheiden können. Die SVP wieder bevorzugt ganz klar Heimspiele in trauter Umgebung und nicht Auswärtsspiele in fremden Gefilden, wo andere Regeln gelten oder ständig neue Regeln gemacht werden. So bleibt es bei gelegentlichen Freundschaftsspielen.

Fazit
Die neue Saison wird viel biederes Handwerk und wenig überraschend neue Spielzüge bieten. Wo sind die Messis und Ronaldos, die Özils und Iniestas in der heimischen Politik-Meisterschaft? Die Fans werden wohl ins Stadion gehen (SVP), mitleiden (CVP; FDP), Gratiseintritte fordern (SP); sich am frischen Spiel erfreuen (GLP) oder mit dem wenigen, das sie haben, zufrieden sein (BDP; Grüne). Bleibt es also bei der stillen Hoffnung, dass sich doch plötzlich auf dem Spielfeld ein paar Spielmacher und Strategen zeigen, ein paar Flankengeber und treffsichere Stürmer, an denen man sich vorbehaltlos erfreuen kann, weil sie dem Spiel gut tun, nicht nur der eigenen Mannschaft? Wäre es vermessen zu fordern, dass die Mannschaften wieder konstruktiv spielen? Dass sie ein Spielsystem kreieren, das es erlaubt, gemeinsam Ziele zu erreichen? Dass sie dahingehend wirken, dass gute Resultate erzielt werden anstatt in kleinkarierten und oft peinlichen Streitigkeiten um fast jeden Preis Recht haben zu wollen? Die Fans, die auch mal die Club-Brille ablegen können, würden es zu schätzen wissen. In jedem Fall: Affaire à suivre.

**: Es sind immer sowohl männliche als auch weibliche Personen gemeint

Über den Autor
Seit 1983 hat Martin Zenhäusern bei verschiedenen politischen Wahlen und Wahlkämpfen mitgewirkt, von National- und Ständeratswahlen über Regierungsrats- und Bundesratswahlen.

Martin Zenhäusern ist Gründer und Inhaber der Kommunikations-Agentur Zenhäusern & Partner AG sowie der Zenhäusern Akademie AG, welche Führungskräfte in Kommunikation, Führung, Change- und Krisen-Management ausbildet. Zenhäusern ist Ratgeber für Führungskräfte und Unternehmen im In- und Ausland, aktiver Verwaltungsrat und Autor diverser Publikationen. Bei Orell Füssli sind erschienen: „Warum tote Pferde reiten?“; „Chef aus Passion“; „Der erfolgreiche Unternehmer“ usw.

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