procure.ch-Marktausblick: Das Inflationsgespenst bleibt wohl in der Mottenkiste

procure.ch-Marktausblick: Das Inflationsgespenst bleibt wohl in der Mottenkiste
(Bild: procure.ch)

Von Claude Maurer*

Die stärkere Nachfrage nach Gütern in der Pandemie hat die Inflationsraten in die Höhe getrieben. Befürchtungen vor einer Überhitzung der Wirtschaft werden durch eine expansive Geld- und Fiskalpolitik angetrieben. Im Gegensatz zu den USA bleibt das Inflationsrisiko in der Schweiz und in der Eurozone jedoch gering.

Seit Ende der globalen Finanzkrise haben die Inflationsraten auf tiefem Niveau stagniert. Die derzeitige Beschleunigung der Konsumentenpreisinflation erregt deshalb die Aufmerksamkeit der Märkte und sie weckt Erinnerungen an die durch übermässige Teuerung verursachten Schäden in den 1970er- und 1980er-Jahren.

Für die momentan hohen Inflationsraten sind in erster Linie die gestiegenen Rohstoffpreise, insbesondere für Rohöl, verantwortlich. Weil dadurch die Teuerung in fast allen Ländern gleichzeitig steigt, kann der Eindruck entstehen, dass die Inflationsraten der einzelnen Länder miteinander korreliert sind, dass also Inflation in einem Land andere Länder «ansteckt». Werden jedoch nur die Kerninflationsraten ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise betrachtet, zeigt sich kaum eine Wechselwirkung zwischen den grössten Volkswirtschaften USA, Eurozone und Japan. Die Dynamik der Verbraucherpreise scheint daher vor allem von binnenwirtschaftlichen Faktoren abzuhängen.

«In den Industrieländern liegen die totalen Verbraucherausgaben, die sowohl Ausgaben für Dienstleistungen als auch Güter umfassen, aufgrund der Pandemiemassnahmen tendenziell noch unter dem Vorkrisentrend.»

Höhere Güternachfrage in der Pandemie
Der zweite Erklärungsansatz für Inflation ist eine sprichwörtliche Überhitzung der Wirtschaft. Läuft die Wirtschaft gut – man spricht auch von einer «hot economy» – und ist die Arbeitslosigkeit niedrig, führt die höhere Kapazitätsauslastung zu höheren Löhnen und somit zu steigenden Preisen. Infolgedessen steigt auch die Nachfrage, weil die Konsumenten in Erwartung höherer Preise geplante Anschaffungen vorverlegen. Es zeigt sich, dass dies bislang jedoch nur teilweise der Fall war. In den Industrieländern liegen die totalen Verbraucherausgaben, die sowohl Ausgaben für Dienstleistungen als auch Güter umfassen, aufgrund der Pandemiemassnahmen tendenziell noch unter dem Vorkrisentrend.

Betrachtet man nur die Güternachfrage, zeigt sich hingegen, dass Letztere stark zugenommen hat. Das Geld, das die Haushalte während der Pandemiemassnahmen für Dienstleistungen einsparten, investierten sie stattdessen in Möbel, elektronische Geräte oder Sportausrüstung. Die daraus resultierenden steigenden Warenpreise sind der Haupttreiber der Inflation.

Höheres Inflationsrisiko in den USA
Es ist davon auszugehen, dass sich die Situation in der Schweiz und in der Eurozone normalisieren wird. Da es immer weniger Pandemiebeschränkungen gibt, wird der Verbrauch von Dienstleistungen zunehmen, während sich die Nachfrage nach Gütern abschwächt.

Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass der Dienstleistungskonsum den Vorkrisentrend massiv überschreitet. Einerseits werden nicht alle während der Pandemie verpassten Dienstleistungen wie Restaurantbesuche in vollem Umfang kompensiert. Auf der anderen Seite verfügen die Haushalte immer noch über etwas weniger Einkommen als vor der Krise.

Anders verhält es sich in den USA. In den Staaten liegt das verfügbare Einkommen der Haushalte aufgrund der umfangreichen fiskalischen Stimulierungsmassnahmen deutlich höher als vor der Krise. Die persönlichen Ausgaben dürften daher in den USA noch einige Zeit über dem Vorkrisentrend liegen. Aus diesem Grund ist das Risiko für eine anhaltend höhere Inflation in den USA deutlich grösser als in der Eurozone und der Schweiz.

Ein Ausstieg aus der Negativzinspolitik dürfte in der Eurozone und in der Schweiz daher in weiter Ferne liegen. Das Inflationsrisiko ist zu gering, um den Druck auf die Zentralbanken zu erhöhen, die Leitzinssätze anzuheben. (procure.ch/mc/ps)

*Claude Maurer
Der ehemalige Profisportler (er hat die Schweiz an den Olympischen Spielen in Sydney im 49er-Skiff vertreten) ist Chefökonom Schweiz bei der Credit Suisse.

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