Reto Ringger: Was wissen die Rockefellers, was andere Anleger nicht wissen?

Reto Ringger: Was wissen die Rockefellers, was andere Anleger nicht wissen?

Reto Ringger, CEO Globalance Bank

Die Rockefellers verkaufen ihre Öl-, Gas- und Kohle-Aktien. Aus ihrer Sicht kündigt sich an den Finanzmärkten eine Blase an, die nichts mit Banken, Immobilien oder Staatsschulden zu tun hat. Die Erdölindustrie könnte zur grossen Verliererin werden, weil sie den Klimawandel unterschätzt. Noch aber schreiben die Energieriesen weiter Gewinne. Das könnte sich aber bald ändern.

von Reto Ringger, CEO Globalance Bank

Verglichen mit John D. Rockefeller haben die heutigen Oligarchen ihren Namen nicht verdient. Der Patron der Standard Oil Company wurde im 19. Jahrhundert dank des schwarzen Goldes zu einem der reichsten Amerikaner überhaupt. Die wirtschaftliche und politische Macht seines Imperiums reichte weit. Die heutigen Firmen ExxonMobil oder BP gehen darauf zurück – und ein Vermögen von ursprünglich 340 Milliarden Dollar. Vergangene Woche haben Rockefellers Erben bekannt gegeben, aus dem Erdölgeschäft auszusteigen. Die Anlagen in Kohle und Ölschiefer haben sie bereits verkauft, Schritt für Schritt wollen sie ganz aus fossilen Anlagen aussteigen. Stattdessen investiert die Stiftung ihr Vermögen noch stärker in erneuerbare Energien. Ausgerechnet die Rockefellers also, die wie kaum jemand für das Geschäft mit dem Erdöl stehen, verabschieden sich von diesem gewinnbringenden Rohstoff. Weshalb?

Ausstieg mit Blick auf die Zukunft
Rockefeller machte sich nicht nur als Geschäftsmann, sondern auch als Philanthrop einen Namen. Schon 1913 gründete er die bis heute aktive Rockefeller Stiftung. So ist der Ausstieg aus den fossilen Energien ist auch ideologisch zu verstehen. Aber das ist nicht der treibende Faktor. Der Ausstieg ist vor allem zukunftsgewandt. Der Präsident des Rockefeller Brothers Fund Stephen Heintz sagt: „Wir sind ziemlich sicher, dass John D. Rockefeller heute aus fossilen Energien ausstiegen würde.» Und er meint damit nicht den Philanthropen Rockefeller, sondern den scharf kalkulierenden Unternehmer.

Um die Auswirkungen des Klimawandels zu bremsen, hat sich die UNO auf Klimaziele geeinigt. Die Durchschnittstemperatur soll höchstens um zwei Grad steigen – verglichen mit dem Niveau vor der Industrialisierung. Dieser Anstieg, sagen Klimaforscher, lässt sich verkraften. So weit, so gut. Nur: Die Klimaziele sind gefährlich für die Erdölindustrie. Will man sie erreichen, darf ein Großteil der bereits erschlossenen Reserven nicht mehr verbrannt werden. Viele Firmen würden weniger einnehmen als geplant. Ihre Vermögenswerte in der Bilanz wären dann massiv überbewertet. Hohe Abschreibungen und fallende Aktienkurse wären die Folge.

Von welchem Ausmaß sprechen wir? Gemäß dem NGO Carbon Tracker Initiative dürften die börsenkotierten Unternehmen weltweit bei einem Zwei-Grad-Klimaziel bis 2050 noch 225 Gigatonnen CO2 verbrennen. Die Reserven in den Bilanzen belaufen sich aber auf 1’541 Gigatonnen CO2. Die betroffenen Firmen würden 40 bis 60 Prozent an Wert verlieren, schätzt die HSBC-Bank. Einige Fachleute sprechen von einer Kohlenstoffblase. Davon unbeeindruckt investiert die Branche kräftig in neue Fördertechnologien wie Fracking. Die Energieriesen gehen eine riskante Wette ein: Sie setzten auf die Untätigkeit der Politik. Bisher ging sie auf.

Finanzmärkte setzen (noch) auf Wachstumsmotor Erdöl
Die Klimaziele sind nämlich nicht verpflichtend. Allen Industrienationen voran hat China immer mehr Kohlenstoff verbrannt und die USA als größten CO2-Verbraucher der Welt abgelöst. Freiwillig, so scheint es, beschränkt ein Staat seinen Abgasausstoß nicht. Schließlich ist die Wirtschaft, wie sie heute funktioniert, stark abhängig von fossilen Brennstoffen. Genau deshalb bilden die Finanzmärkte bisher kaum Prognosen von Klimaforschern ab. Nicht nur die Energiefirmen, auch die Anleger setzen auf den Wachstumsmotor Erdöl. Die Aktien großer Energiefirmen haben jüngst stark zugelegt. Die Aktie von ExxonMobil etwa stieg in den letzten zehn Jahren von 45 auf zeitweise über 100 Dollar. Keine Spur von Skepsis also. Das könnte sich bald ändern.

Noch vor den Rockefellers sind andere Großanleger ausgestiegen – vorerst einmal aus Kohleanlagen. Der Staatsfonds Norwegens, der weltweit größte seiner Art, verkaufte anfangs Jahr seine Kohleaktien. Die Pensionskasse von New York tat es ihr gleich. Weshalb? Genannt wurden ethische Motive. Solche Institutionen denken aber zuerst in ökonomischen Kategorien: Gewinne einfahren, Verluste vermeiden, Risiken minimieren. Kohleaktien sind ihnen nun zu riskant geworden. Sie können nicht mehr ausschließen, dass der CO2-Ausstoss bald verbindlich begrenzt wird. Wenn der politische Druck zunimmt – so die Prognose der Aussteiger -, werden die Kurse der Kohlefirmen als erste einbrechen.

Erneuerbare Energien beginnen sich zu lohnen
Tatsächlich sieht es danach aus, dass dies eher früh als spät passiert. Die Politik beginnt zu handeln – an unerwarteter Stelle: China begrenzt im nächsten Fünfjahresplan für die Volkswirtschaft erstmals den CO2-Ausstoss. Die Regierung sieht sich dazu veranlasst, weil Abgase die Städte Chinas stark belasten. Wer betroffen ist, der handelt. Betroffen ist auch New York: An der Küste gelegen, könnten die Folgen des Klimawandels die Metropole stark treffen. Nach dem Hurrikan Sandy, der Dutzende Todesopfer forderte und die Stadt Millionen kostete, entschloss sich New York zu handeln. Das Resultat: Ein 20-Milliarden-Dollar-Plan, der die Stadt vor warmen Sommern und hohem Meeresspiegel schützen soll.

New Yorks Initiative könnte zum Vorbild werden für andere Städte am Meer. Amsterdam, Shanghai, Singapur – sie werden den Wandel anstoßen. Denn die Länder tun momentan noch wenig. Der Wandel zeichnet sich auch wirtschaftlich ab. Die Kosten für Solarenergie sind in den letzten zehn Jahren dramatisch gesunken, bald wird Sonne günstiger sein als Kohle. Gleichzeitig steigen die Kosten der Erdölindustrie, denn die neuen Förderverfahren sind teuer. Im Vergleich zu Öl, Kohle und Gas lohnen sich erneuerbare Energien plötzlich. Wer das früh genug merkt, kann als Unternehmer oder Anleger Geld verdienen. Würde John D. Rockefeller heute leben, er würde wohl beides tun. Und hätte bereits vor Jahren damit begonnen.

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