Sitten erhält den Wakkerpreis 2013

Wakkerpreis

Mit dem 1995 ausgeschriebenen Wettbewerb für die Neugestaltung der Place du Midi leitete die Stadt einen Erneuerungsprozess des öffentlichen Raums ein. (Foto: G. Bally/Keystone)

Zürich – Der Schweizer Heimatschutz verleiht Sitten den Wakkerpreis 2013. Die Walliser Kantonshauptstadt erhält die Auszeichnung für den erfolgreichen Wandel, den sie einleitete, indem sie die Landschaft und die Baukultur ins Zentrum der Entwicklung stellte. Im Zuge der vorbildlichen Neugestaltung der öffentlichen Plätze im Stadtzentrum wurde die Art und Weise überdacht, wie die Stadt gestaltet werden sollte. In der Folge begann Sitten, sein baukulturelles Erbe der Moderne, eines der bedeutendsten der Schweiz, verstärkt in Wert zu setzen.

Die Stadt Sitten mit ihren 31’000 Einwohnern und 25 km2 Fläche stellt ein Kondensat der raumplanerischen Herausforderungen in der Schweiz dar: Zersiedelung, demografischer Druck, Bewältigung des Pendlerverkehrs, Konzentration der Aktivitäten. Auf vorbildliche Weise und in kurzer Zeit – in etwas weniger als zehn Jahren – haben die Behörden von Sitten ihre Haltung im Bereich der Stadtplanung geändert, wie es in der Würdigung des Schweizer Heimatschutzes heisst. Auslöser für dieses neue Bewusstsein waren die Neugestaltung des öffentlichen Raums und die im historischen Zentrum wiedergefundene Lebensqualität. Diese soll nicht nur im historischen Kern, sondern auf dem gesamten Gemeindegebiet verbessert werden. Instrumente und Vorgehensweise wurden dieser neuen städtebaulichen Vision angepasst.

Neue Kraft
Geht man durch die Altstadt von Sitten, kann man die Sorgfalt, mit der die öffentlichen Räume gestaltet wurden, nur bewundern: Ein sensibles Vorgehen und Zurückhaltung bei der Materialwahl und dem städtischen Mobiliar verleihen dem Ort neue Kraft. Die räumlichen Qualitäten der verschiedenen Plätze werden zur Geltung gebracht, und auch in ihren Funktionen ergänzen sie sich sinnvoll. Das etappenweise Aufwerten der Place du Midi (2003), des Espace des Remparts (2005), der Rue du Grand-Pont (2008), der Rue de Lausanne (2010) und der Place Maurice Zermatten (2011) trug zu einer Neubelebung des in den 1990er-Jahren vernachlässigten historischen Zentrums bei.

In der Folge überdachten die Behörden ihre Praxis bezüglich Bau, Restaurierung und Unterhalt von Gebäuden in der Altstadt. Die beim Renovieren angewendete Sorgfalt ist das Resultat eines vorbildlichen Vorgehens dank Instrumenten wie der obligatorischen Erfassung in Aufnahmeplänen der bereits im Vorfeld stattfindenden Projektbegleitung durch die Behörden, der fallweise angepassten Anwendung des Reglements und einer aus Experten zusammengesetzten Architekturkommission.

Von der Altstadt auf das gesamte Gemeindegebiet
Sensibilisiert durch die wiedererlangte Lebensqualität in der Altstadt, richteten die Behörden ihr Augenmerk auf das gesamte Gemeindegebiet. Konkrete Projekte, auch kleine, bringen Verbesserungen in den Quartieren, zum Beispiel die Neugestaltung der Schulhausplätze, eine stärkere Begrünung und die Sanierung von Bauten der Moderne.

Begrenzte Bauzone
In grösserem Massstab und als starke politische Geste stellt der 2012 angenommene, neue kommunale Richtplan die Landschaft ins Zentrum der strategischen Planung. Wie zwei Klammern, die die Stadt im Osten und Westen umfassen, legt er klar die zu schützenden grünen Zonen fest. Um die Zersiedelung ausserhalb der Stadtgrenzen zu bekämpfen, beschloss Sitten, die Bauzone trotz demografischem Druck nicht auszudehnen. Dieser radikale Grundsatz vermag der Dynamik der Stadt nichts anzuhaben.

Richtplan sieht verdichtetes Bauen vor
Der Richtplan sieht die Verdichtung im Bestand vor, entsprechend dem Beispiel des Quartiers südlich der Bahngeleise, das zur «Stadt des 21. Jahrhunderts» werden soll. Dieses heute heterogene und chaotische Industriequartier soll zu einem neuen Zentrum mit unterschiedlichen Nutzungen werden: Wohnungen, Läden, Bildung sowie Industrie mit hoher Wertschöpfung. Ausserdem konnten dank Testplanungen und parallelen Studienaufträgen für strategische Orte wie die Rhoneufer, die Quartiere von Champsec und Vissigen oder die Cour de Gare die Gestaltungsabsichten präziser festgelegt werden. In erweitertem Massstab ist die Entwicklung von Sitten auch Teil des Agglomerationsprogramms, das dreizehn Gemeinden des Zentralwallis Ende 2011 in Bern einreichten.

Mit der Vergabe des Wakkerpreises 2013 an Sitten würdigt der Schweizer Heimatschutz die grundsätzlichen raumplanerischen Überlegungen der Hauptstadt des Wallis. Die nächste Etappe, die Revision des neuen Zonenplans und seines Reglements, ist entscheidend: Sie muss die Umsetzung der neuen Vision ermöglichen, die Vision einer Stadt, die sich mit der Landschaft harmonisch weiter entwickelt. Die Herausforderung ist gross, der Schweizer Heimatschutz ermutigt die Stadt deshalb, innovativ und beharrlich ihren Weg zu gehen. (Heimatschutz/mc/pg)

Über den Wakkerpreis
Der Schweizer Heimatschutz (SHS) vergibt jährlich einer politischen Gemeinde den Wakkerpreis. Das Preisgeld hat mit CHF 20’000.- eher symbolischen Charakter, der Wert der Auszeichnung liegt in der öffentlichen Anerkennung vorbildlicher Leistung. Erstmals ermöglicht wurde der Wakkerpreis 1972 durch ein Vermächtnis des Genfer Geschäftsmannes Henri-Louis Wakker an den Schweizer Heimatschutz. Weitere seither eingegangene Legate erlauben es dem SHS, den Preis bis heute vergeben zu können.

Der Wakkerpreis zeichnet Gemeinden aus, welche bezüglich Ortsbild- und Siedlungsentwicklung besondere Leistungen vorzeigen können. Die Auszeichnung von Stein am Rhein, Guarda, Ernen etc. in den 1970er Jahren erfolgte vor dem Hintergrund, dass die Erhaltung historischer Zentren nicht selbstverständlich war. Im heutigen Fokus stehen Gemeinden, die ihren Siedlungsraum unter zeitgenössischen Gesichtspunkten sorgfältig weiterentwickeln. Hierzu gehören insbesondere das Fördern gestalterischer Qualität bei Neubauten, ein respektvoller Umgang mit der historischen Bausubstanz sowie eine vorbildliche, aktuelle Ortsplanung.

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