Natixis IM: US-Konjunktur verliert an Breite – Notenbanken zwischen Vorsicht und Pragmatismus
Von Mabrouk Chetouane, Head of Global Market Strategy, Natixis Investment Managers
Eine US-Wirtschaft mit zwei Geschwindigkeiten
Die jüngsten Konjunkturdaten aus den Vereinigten Staaten zeichnen das Bild einer Wirtschaft, deren Dynamik zunehmend ungleich verteilt ist. Während der Dienstleistungssektor weiterhin wächst, bleibt das verarbeitende Gewerbe klar unter Druck. In den jüngsten Unternehmensumfragen befinden sich nur noch wenige Industriesektoren in der Expansionsphase – ein Hinweis auf eine strukturelle Abschwächung jenseits kurzfristiger Schwankungen.
Besonders aussagekräftig ist die Entwicklung der Beschäftigungskomponente in der Industrie, die nahe ihrem tiefsten Stand seit fünf Jahren liegt. Dies deutet darauf hin, dass Unternehmen ihre Kapazitätsauslastung vorsichtiger einschätzen und Neueinstellungen zunehmend zurückstellen.
Arbeitsmarkt: Abkühlung trotz stabiler Nachfrage
Auch am US-Arbeitsmarkt mehren sich die Zeichen einer Abkühlung. Die jüngsten offiziellen Daten zeigen einen Nettoabbau von Arbeitsplätzen über mehrere Monate hinweg. Auffällig ist dabei die starke sektorale Konzentration: Das Beschäftigungswachstum im privaten Sektor entfällt nahezu vollständig auf den Gesundheits- und Bildungsbereich, während andere Branchen netto Stellen abbauen.
Parallel dazu steigt die Unterbeschäftigung, insbesondere durch eine Zunahme von temporären Entlassungen und Wiedereinsteigern in den Arbeitsmarkt. Diese Entwicklung signalisiert weniger einen abrupten Abschwung als vielmehr eine schrittweise Anpassung an ein moderateres Wachstumstempo.
Nachlassender Lohndruck und überraschend niedrige Inflation
Ein zentrales Element dieser Anpassung ist der nachlassende Lohndruck. Sowohl bei Arbeitnehmern, die ihre Stelle behalten, als auch bei Jobwechslern verlangsamt sich das Lohnwachstum spürbar. Dies trägt wesentlich dazu bei, dass die jüngsten Inflationsdaten niedriger ausfielen als von den Märkten erwartet.
Gleichzeitig ist bei der Interpretation dieser Zahlen Vorsicht geboten. Der Anteil statistisch geschätzter Preise innerhalb des Warenkorbs ist zuletzt deutlich gestiegen, was die Aussagekraft kurzfristiger Inflationsbewegungen einschränkt. Für die Geldpolitik bedeutet dies, dass positive Überraschungen nicht automatisch als nachhaltiger Trend gewertet werden können.
Fed reagiert mit Zinssenkung und gezielter Liquiditätssteuerung
Vor diesem Hintergrund hat die US-Notenbank ihren Leitzins erneut gesenkt und zugleich ein technisches Ankaufprogramm für kurzfristige Staatsanleihen angekündigt. Ziel ist es, das wachsende Angebot an US-Treasuries am kurzen Ende der Zinskurve zu absorbieren und die Marktliquidität stabil zu halten.
Dieses Instrument wirkt faktisch wie eine gezielte Lockerung der Finanzierungsbedingungen, ohne offiziell als quantitative Lockerung bezeichnet zu werden. Es unterstreicht den pragmatischen Ansatz der Fed: weniger Ausdruck von Konjunkturoptimismus, sondern vielmehr eine Absicherung gegen zunehmende Marktspannungen.
Eurozone: Robuster Süden, fragile Kernländer
In Europa bleibt das konjunkturelle Bild stark fragmentiert. Die Volkswirtschaften Südeuropas profitieren weiterhin von einer soliden Binnennachfrage und einer Belebung im Dienstleistungssektor. Auch das verarbeitende Gewerbe zeigt dort erste Anzeichen einer Stabilisierung.
Demgegenüber bleibt die Lage in Deutschland angespannt. Zwar haben sich einzelne harte Indikatoren zuletzt verbessert, doch Unternehmensumfragen deuten erneut auf eine Abschwächung hin, insbesondere aufgrund rückläufiger Exportaufträge. In Frankreich wiederum belasten politische Unsicherheiten die Investitionsbereitschaft von Unternehmen und Haushalten.
EZB bleibt abwartend – trotz interner Spannungen
Die Europäische Zentralbank hält angesichts dieses Umfelds an ihrem vorsichtigen Kurs fest. Sinkender Lohndruck stützt das Szenario einer graduellen Disinflation, auch wenn die Preise im Dienstleistungssektor weiterhin oberhalb des Zielwerts steigen.
Einzelne restriktivere Stimmen innerhalb des EZB-Rats haben zwar kurzfristig Spekulationen über eine straffere Geldpolitik ausgelöst, doch die offizielle Kommunikation bleibt klar datenabhängig. Angesichts hoher Unsicherheit verzichtet die EZB bewusst auf eine Vorfestlegung des Zinspfads.
Finanzmärkte: Rotation statt Euphorie
An den Finanzmärkten spiegelt sich dieses makroökonomische Umfeld in einer ausgeprägten Sektorrotation wider. Europäische Aktienmärkte entwickelten sich zuletzt stärker als ihre US-Pendants, getragen von Banken- und Rohstoffwerten. Edelmetalle bestätigten ihre Rolle als Absicherungsinstrument in einem Umfeld geldpolitischer Unsicherheit.
Der deutliche Anstieg des Euro stellt jedoch einen potenziellen Gegenwind für die europäische Exportwirtschaft dar – ein Aspekt, der insbesondere für offene Volkswirtschaften wie die Schweiz von Bedeutung ist.
Ausblick: Stabilität auf Kosten der Dynamik
Insgesamt deutet vieles darauf hin, dass sich die Weltwirtschaft in eine Phase geringerer, aber stabilerer Dynamik bewegt. Für die Notenbanken bedeutet dies weniger akuten Handlungsdruck, zugleich aber einen begrenzten Spielraum für Fehler.
Die kommenden Monate dürften daher weniger von spektakulären geldpolitischen Entscheidungen geprägt sein als von der Frage, wie lange das fragile Gleichgewicht zwischen Wachstum, Inflation und finanzieller Stabilität aufrechterhalten werden kann.