Zentralschweiz: Ein Trumpf im Standortwettbewerb schwindet

Zentralschweiz: Ein Trumpf im Standortwettbewerb schwindet
Zentralschweiz: Mythenregion. (Foto: schwyz-tourismus.ch)

Zürich – Die Zentralschweizer Kantone zählen zu den attraktivsten Wirtschaftsstandorten der Schweiz. Dank der hohen Standortqualität verzeichnete die Zentralschweiz in den letzten Jahren eine positive Wirtschaftsentwicklung und ein überdurchschnittliches Beschäftigungswachstum. Die jüngsten Entwicklungen in der Unternehmensbesteuerung lassen allerdings den relativen Vorteil der Zentralschweizer Kantone schrumpfen. Im Standortwettbewerb um Unternehmen erstarkt die Konkurrenz insbesondere aus den beiden Basel sowie aus Genf.

Wie die Schweiz profitieren die Kantone der Zentralschweiz von ihrer zentralen Lage. Die Nähe zum Grossraum Zürich sowie zur Natur und idyllischen Landschaften sorgen für eine hohe Lebensqualität. Aus wirtschaftlicher Sicht punktet die Region mit einer tiefen Steuerbelastung, einem soliden Fachkräftereservoir und vielerorts guten Verkehrsverbindungen.

Zentralschweiz: Steuerlich nach wie vor attraktiv und finanzstark …
Für juristische Personen ist die Zentralschweiz steuerlich sehr attraktiv. Nidwalden weist seit 2011 die tiefste Unternehmenssteuerbelastung aller Kantone auf. Luzern, Obwalden, Zug, Schwyz und Uri liegen ebenfalls weit vorne. Auch für Privatpersonen ist die Steuerbelastung äusserst tief: die Kantone Zug, Schwyz, Nidwalden, Uri und Obwalden haben die schweizweit tiefsten Steuersätze. Luzern liegt ebenfalls unter dem Schweizer Mittel. Ein Umzug in die Zentralschweiz ist besonders für einkommensstarke Haushalte mit hohen Steuereinsparungen verbunden. Wenig überraschend weisen die Kantone Zug, Schwyz und Nidwalden in der Schweiz die höchsten Durchschnittsvermögen auf. Entsprechend hohe Beiträge müssen die drei finanzstärksten Kantone im Rahmen des Nationalen Finanzausgleichs (NFA) an ressourcenarme Kantone überweisen. Nach dem Aufstieg Obwaldens gehört mittlerweile ein vierter Zentralschweizer Kanton zur Gruppe der sieben NFA-Geberkantone.

… aber der Steuervorteil schrumpft
Durch die am 19. Mai dieses Jahres angenommene Unternehmenssteuerreform, welche die privilegierte Besteuerung von Statusgesellschaften in der Schweiz abschafft, ist allerdings Bewegung im Steuerwettbewerb um Unternehmen gekommen. Um der Abwanderung von Statusgesellschaften entgegenzuwirken und attraktiv zu bleiben, plant die Mehrheit der Kantone eine Reduktion der ordentlichen Unternehmenssteuersätze oder hat eine solche bereits umgesetzt. Dadurch rückt das Feld bei der Unternehmensbesteuerung näher zusammen und der Trumpf der Zentralschweizer Kantone schwindet.

In einer Gesamtbeurteilung der Standortqualität befinden sich alle Zentralschweizer Kantone 2019 – mit Ausnahme von Uri – im Standortqualitätsindikator der Credit Suisse oberhalb des schweizerischen Mittels. Dies deutet auf die hohe Standortqualität in der Zentralschweiz hin. Durch die deutliche Senkung der Gewinnsteuerbelastung auf 13,04 % rückwirkend per Anfang Jahr konnte der Kanton Basel-Stadt jedoch von Rang 4 vorrücken und sich 2019 knapp vor Zug auf dem Spitzenplatz positionieren. Mit der auf Anfang 2020 in Kraft tretenden Senkung der Gewinnsteuerbelastung auf rund 12 % dürfte Zug zwar bereits nächstes Jahr die Spitze zurückerobern. Gemäss dem von den Credit Suisse-Ökonomen erstellten Ausblick auf die Standortqualität im Jahr 2025 werden die meisten Zentralschweizer Kantone allerdings an Attraktivität verlieren (vgl. Abb. 1).

Dem starken Schweizer Franken und dem Protektionismus zum Trotz
Die Wirtschaftsstruktur der Zentralschweiz hat sich während der Eurokrise und nach dem Frankenschock von 2015 als robust erwiesen. Zwischen 2012 und 2017 wurden in der Zentralschweiz insgesamt fast 26’000 neue Stellen geschaffen, was einem Beschäftigungszuwachs von über 7 % entspricht. Damit gehört die Zentralschweiz zusammen mit dem Genferseeraum zu den dynamischsten Regionen der Schweiz. Sämtliche Zentralschweizer Kantone verzeichneten in diesem Zeitraum eine positive Beschäftigungsentwicklung. Absolut sind die meisten Stellen im Kanton Luzern entstanden (+11’500, +6,5 %), prozentual war das Wachstum mit knapp 10 % im Kanton Zug am stärksten, gefolgt vom Kanton Schwyz (+8 %).

Gleichzeitig musste die Zentralschweizer Industrie einen Beschäftigungsrückgang hinnehmen. Mit einem Abbau von 300 Vollzeitstellen (-0,5 %) zeigte sich der Sektor in dieser turbulenten Zeit jedoch vergleichsweise krisenresistent. In der gleichen Periode gingen in der ganzen Schweiz rund 29’000 Industriearbeitsplätze verloren (-4,5 %). Diese Robustheit ist in erster Linie auf weniger konjunktursensitive Hightech-Branchen zurückzuführen, wie etwa den Flugzeugbau in Nidwalden, die Elektrotechnik und die Chemie in Obwalden sowie die Medizintechnik und die Pharmaindustrie in Zug. Zentralschweizer Unternehmen scheinen aber auch eine gute Stellung im internationalen Handel zu haben und kommen laut der diesjährigen KMU-Umfrage der Credit Suisse mit den zunehmenden protektionistischen Tendenzen zurecht. Rund 37 % aller in der Zentralschweiz befragten KMU sehen in Handelsschranken keine oder nur eine sehr geringe Herausforderung.

Eine innovative Unternehmenslandschaft
Die Zentralschweiz beherbergt eine innovative Unternehmenslandschaft. Neben den etablierten Hightech-Branchen beobachtet man zunehmend auch eine rege Gründungstätigkeit und die Ansiedlung von Startups. Absolut gesehen sind die meisten Startups im Kanton Zürich zuhause, gefolgt von Waadt, Genf und Bern. Gemessen an der Anzahl pro Einwohner ist Zug aber bei weitem derjenige Kanton mit der höchsten Startup-Dichte schweizweit. Im Kanton Schwyz liegt diese Konzentration knapp über dem Schweizer Durchschnitt, in Obwalden knapp darunter.

Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) sind ein weiteres Indiz für die Innovationskraft der Zentralschweizer Wirtschaft. Im Jahr 2017 haben Zentralschweizer Firmen insgesamt CHF 1,6 Mrd. in Intramuros-F&E-Aktivitäten investiert, das heisst in Forschungsaktivitäten, welche in den Unternehmen selbst stattfinden. Es sind 44 % mehr als noch fünf Jahre zuvor. In keiner anderen Schweizer Grossregion sind die Aufwendungen der Privatwirtschaft für Forschung und Entwicklung in den letzten Jahren so stark gewachsen wie in der Zentralschweiz.

Bevölkerungswachstum: zahlbares Wohnen als ausschlaggebendes Kriterium
Mit jährlich gut 1,1 % zwischen 2005 und 2017 ist das Bevölkerungswachstum in der Zentralschweiz nur unwesentlich geringer ausgefallen als der gesamtschweizerische Durchschnitt. Haupttreiber der Bevölkerungszunahme ist die internationale Zuwanderung. Im Vergleich dazu spielt der interkantonale Wanderungssaldo eine eher untergeordnete Rolle. Die verschiedenen Migrationsflüsse tragen nicht nur zum Bevölkerungswachstum bei, sondern erhöhen auch das Bildungsniveau. Die Personen, welche zwischen 2013 und 2017 in die Zentralschweiz zugewandert sind, sind im Vergleich zur bereits ansässigen Bevölkerung überdurchschnittlich gut ausgebildet und besitzen häufiger einen Bildungsabschluss auf Tertiärstufe (vgl. Abb. 2).

Innerhalb der Kantone verzeichneten die Gebiete mit mittlerer Bevölkerungsdichte das stärkste Bevölkerungswachstum. Der Grund hierfür ist gemäss den Credit Suisse-Ökonomen, dass sich in diesen Gemeinden im Vergleich zu städtischen Gemeinden etwas Geld für das Wohnen einsparen lässt, ohne gleichzeitig ganz auf ein gewisses Kultur- und Freizeitangebot verzichten zu müssen. Ein notwendiger Kompromiss, da sich insbesondere in den Städten Zug und Luzern, sowie in steuergünstigen Seegemeinden manch mittelständische Familie zumeist kein Wohneigentum mehr leisten kann (vgl. Abb. 3). Von dieser Entwicklung hat in den letzten Jahren die Luzerner Region Sursee/Seetal am meisten profitiert, welche dank Zuzügen aus anderen Luzerner Regionen sowie aus den Nachbarkantonen das stärkste Bevölkerungswachstum aller Zentralschweizer Regionen erreicht hat (+1,7 % p.a.). (Credit Suisse/mc/ps)

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